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28.11.2012

14:08 Uhr

Steigende Inflationsgefahr

Geldmenge im Euroraum schnellt in die Höhe

Im Oktober ist die Geldmenge im Euroraum überraschend deutlich gestiegen. Sie legte so stark zu wie seit April 2009 nicht mehr. Die Zahlen dürften die Bundesbank beunruhigen.

Eine Kasse mit Euro-Scheinen und Münzen. dpa

Eine Kasse mit Euro-Scheinen und Münzen.

Berlin/FrankfurtVor der letzten Zinssitzung der EZB in diesem Jahr sehen sich die Währungshüter mit langfristig steigender Inflationsgefahr konfrontiert. Das jährliche Wachstum der für die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank wichtigen Geldmenge M3 schnellte im Oktober auf 3,9 Prozent in die Höhe und war damit so stark wie seit April 2009 nicht mehr. Alle 33 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Analysten wurden von dem starken Anstieg auf dem falschen Fuß erwischt. Die Summe der Bankkredite an Firmen und Privathaushalte schrumpfte den Angaben vom Mittwoch zufolge mit 0,7 Prozent jedoch nicht so stark wie erwartet. Experten rätseln, ob die EZB angesichts der Rezession in der Euro-Zone den historisch niedrigen Leitzins von derzeit 0,75 Prozent weiter kappen wird oder still hält.

"Unter dem Strich dürfte der überraschend deutliche Anstieg der Geldmenge die EZB noch nicht ins Schwitzen bringen", meint Ökonom Thilo Heidrich von der Postbank. Die Wachstumsrate von 3,9 Prozent sei bei längerfristiger Betrachtung vergleichsweise niedrig. Der starke Anstieg in einem Monat begründe zudem noch keinen Trend. Auch spreche die noch immer extrem schwache Kreditvergabe gegen akute Inflationsgefahren, so dass die EZB, die am Donnerstag kommender Woche zu ihrer nächsten Ratssitzung zusammenkommt, die Zinsen in nächster Zeit durchaus senken könne.

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Christian Schulz von der Berenberg Bank hält dagegen: "Dieser Anstieg dürfte insbesondere die Bundesbank beunruhigen, deren Einfluss auf die Zinsentscheidungen noch immer sehr groß ist." Aus den EZB-Daten sei herauszulesen, dass in der derzeitigen Vertrauenskrise viel Geld kurzfristig auf Bankkonten deponiert werde. Sobald das Vertrauen zurückkehre, werde es womöglich bereits in der zweiten Jahreshälfte 2013 massiv in den Finanzkreislauf strömen. "In Deutschland, das wirtschaftlich wesentlich besser dasteht als die Südländer, könnte dies einen Investitions- und Kreditschub auslösen - mit den entsprechenden Effekten für die Inflationsentwicklung", sagte Schulz.

Kommentare (11)

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Republikaner

28.11.2012, 15:22 Uhr

Zu Theorie und Praxis: einfach einmal einkaufen gehen. 1kg Trauben € 5 ein Kg Wahlnüsse € 8 (vor 2 Jahren nicht einmal die Hälfte!)- Inflation, Umlaufgeschwindigkeit? Dazu das Zitat eines Marktleiters: "wir hatten in den letzten 12 Monaten Preiserhöhungen zwischen 10 und 15% in einzelnen Fällen deutlich mehr"
Es bleibt dabei: Inflation ist die hinterhältigste und unsozialste Art Schuldenprobleme zu lösen. Jede Rentenanwartschaft, jede Lebensversicherung wird entwertet. Wir Deutsche zahlen doppelt: mit Inflation und unserem sauer erwirtschaftetem Geld!

investival

28.11.2012, 15:33 Uhr

>> Alle 33 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Analysten wurden von dem starken Anstieg auf dem falschen Fuß erwischt. <<
- Worauf hin sie alle "ihr" Gold was sie nicht haben verkaufen müssen ... :-D

Account gelöscht!

28.11.2012, 15:45 Uhr

M3 umfasst unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit.
kein Wunder das die Einlage auf den Girokonten steigen, diese Woche habe ich und 4 weitere Bekannte Ihre Lebensversicherungen aufgelöst, das Geld landet voläufig esrt einmal auf dem Girokonto, bis zur weiteren Verwendung. Wenn ich mit meinem begrenzten Bekanntenkreis schon 5 Leute kenne welche aus der Lebensversicherung aussteigen was bedeudet das dann erst bundesweit. Ich bin gespannt wann sich Merkel wieder hinstellt und bekräftigt das die Spareinlagen sicher sind.

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