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14.07.2016

10:07 Uhr

Studie zu Finanzinvestoren

Chinesen im Kaufrausch

VonPeter Köhler

Im Reich der Mitte stoßen die Unternehmen an ihre Wachstumsgrenzen. Deshalb kaufen die Chinesen so viele Auslandsfirmen wie noch nie. Und die Shoppingtour hat erst begonnen – auch in Deutschland.

Der chinesische Konzern Midea bietet 115 Euro je Anteilsschein für den deutschen Roboterhersteller Kuka – insgesamt knapp 4,7 Milliarden Dollar. Imago

Kuka-Hauptversammlung 2016

Der chinesische Konzern Midea bietet 115 Euro je Anteilsschein für den deutschen Roboterhersteller Kuka – insgesamt knapp 4,7 Milliarden Dollar.

FrankfurtDie chinesischen Investoren kennen kein Halten mehr, wenn es um Zukäufe auf dem alten Kontinent geht. Laut der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) kauften oder beteiligten sie sich in Europa im ersten Halbjahr an 164 Unternehmen, in Deutschland waren es 37 Firmen. Damit dürfte der bisherige Ganzjahresrekord aus dem Jahr 2015 deutlich überboten werden: Im vergangenen Jahr investierten sie in 183 Unternehmen in Europa, davon 39 hierzulande.

Das Transaktionsvolumen ist laut EY sprunghaft gestiegen und übertrifft bereits jetzt die Beträge der vorangegangenen Jahre: In Europa tätigten chinesische Unternehmen im ersten Halbjahr Zukäufe im Wert von 72,4 Milliarden Dollar nach knapp 40 Milliarden Dollar im Jahr 2015. Noch deutlicher fällt der Sprung in Deutschland aus: Hier stiegen die Investitionen von 526 Millionen Dollar im Gesamtjahr 2015 auf 10,8 Milliarden Dollar in den ersten sechs Monaten dieses Jahres.

Deutschland bleibt in Europa das bevorzugte Investitionsziel chinesischer Unternehmen. Auf dem zweiten Platz steht aktuell Frankreich noch vor Großbritannien.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

„Chinesische Unternehmen blicken auf ihrer Suche nach Akquisitionen bereits seit geraumer Zeit intensiv auf Europa und insbesondere auf Deutschland“, beobachtet Alexander Kron, Partner bei EY. Derzeit kämen noch neuere Entwicklungen hinzu, die das Interesse und die Summen sprunghaft ansteigen ließen: „In Europa beziehungsweise Deutschland wollen sich derzeit viele Private-Equity-Gesellschaften von Beteiligungen trennen und stoßen bei chinesischen Investoren auf großes Interesse. Denn die suchen wiederum verstärkt nach Übernahmezielen in anderen Ländern, da das Wachstum auf dem Heimatmarkt nachlässt.“

JP-Morgan-Banker Dirk Albersmeier: „Chinesische Investoren verfolgen sehr langfristige Ziele“

JP-Morgan-Banker Dirk Albersmeier

Premium „Chinesische Investoren verfolgen sehr langfristige Ziele“

Früher galten Konzerne aus China als schwierige Kandidaten für M&A. Sie brauchten zu lange für Entscheidungen. „Das hat sich geändert“, sagt der JP-Morgan-Experte – und erklärt die Pläne chinesischer Investoren.

Auch unter den weltweiten Spielern sind die Chinesen auf dem Vormarsch: „China hat nach und nach seinen Anteil am globalen Transaktionsgeschehen erhöht. Vor zehn Jahren lag der chinesische Anteil am weltweiten M&A-Geschehen noch bei 1,7 Prozent, heute bei 26 Prozent“, sagt Hartmut Krause, Partner bei der Kanzlei Allen & Overy.

„Mit dem verlangsamten Wachstum auf dem Heimatmarkt sehen sich die chinesischen Unternehmen gezwungen, neue Geschäftsfelder aufzubauen und sich von der Massenproduktion in Richtung Spezialisierung und Hochtechnologie zu bewegen“, ergänzt Yi Sun, Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY. „Der kürzeste Weg dahin besteht in  Akquisitionen ausländischer Marktführer.“

Auch suchten zurzeit viele chinesische, lokale Private-Equity-Gesellschaften für ihre Portfolio-Unternehmen passende Übernahmeziele und fokussierten sich dabei auf erfolgreiche und innovative Unternehmen in Europa – mit dem Ziel, eine überzeugende Equity Story für einen späteren Börsengang in Hongkong bieten zu können.

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