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13.03.2013

11:22 Uhr

Tag des Wirtschaftsjournalismus

Weidmann liest Wirtschaftspresse die Leviten

VonMartin Dowideit

Eine Krise attestiert Bundesbank-Präsident Jens Weidmann dem Wirtschaftsjournalismus nicht. Allerdings stört sich der Banker an mancher Berichterstattung: „In zwei Minuten den Stand der Krise zu erläutern ist unmöglich.“

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Krisenmüdigkeit. Reuters

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Krisenmüdigkeit.

KölnReißerische Überschriften, die nicht vom Text gedeckt werden, die Fokussierung der Berichterstattung über Notenbanken auf vermeintlich „persönliche Duelle“ und einen raschen Wechsel in der Berichterstattung über vermeintliche Bedrohungsszenarien wirft Bundesbank-Präsident der deutschen Wirtschaftspresse vor.

Die Berichterstattung über die seit fünf Jahren währende Finanzkrise ende zudem häufig in der Kommentierung in einem „resignativem Pragmatismus“ – Hauptsache eine politische oder geldpolitische Entscheidung bringe kurzfristig Ruhe. Das sei „eine gefährliche Einschätzung“, so Weidmann am Mittwoch auf dem 5. Tag des Wirtschaftsjournalismus in Köln. Eine generelle Krise des Wirtschaftsjournalismus sehe er allerdings nicht, vor allem im internationalen Vergleich.

Riskante Wette: Die Bundesbank wird zur Spielbank

Riskante Wette

Die Bundesbank wird zur Spielbank

Der Bundesbank-Gewinn fällt geringer aus als geplant. Schuld sind riskante Geschäfte im Auftrag der EZB, für die die Bundesbank hohe Rückstellungen bildet. Wenn sie aufgehen, winken Gewinne. Sonst drohen hohe Verluste.

Weidmann appellierte auch an die Politik, längerfristige Perspektiven für die Fortentwicklung des Währungssystems anzufassen. Man schwanke zwischen dem Festhalten an den Prinzipien des Maastricht-Vertrags und der Rettungspolitik in der Staatsschuldenkrise. Weidmann verteidigte die Bedeutung der Unabhängigkeit der Notenbanken. Die schleichende Politisierung der Notenbanken mache ihm Sorgen.

Die Journalisten müssten die langfristigen Konsequenzen aufzeigen, die gewisse Entscheidungen hätten – gerade, wenn die Auswirkungen nicht kurzfristig sichtbar seien. Es sei erwiesen, dass unabhängige Notenbanken die Inflation besser im Griff hätten als politisch abhängige. In der Presse könnte heute vor Inflationsgefahren und morgen vor Deflationsgefahren gewarnt werden, was auf Leser verwirrend wirke.

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

„In zwei Minuten den Stand der Krise zu erläutern ist unmöglich – zumindest wenn die eigene Position auch noch differenziert aufgegriffen werden soll“, sagte Weidmann in Anspielung auf zwei Auftritte in Fernsehnachrichtensendungen am Dienstagabend. Eine Ende der Krise sei nicht wirklich absehbar.

Allerdings müssten sich nicht nur Journalisten Gedanken machen, die Zusammenhänge besser zu erklären. Auch die Bundesbank bemühe sich in der Außendarstellung die Komplexität der Materie greifbarer zu machen. Inzwischen sei man an einem Punkt angekommen, an dem die Krisenmüdigkeit drohe, Überhand zu nehmen. Das sei eine gefährliche Entwicklung.

Video

Schuldenkrise belastet Bundesbank

Video: Schuldenkrise belastet Bundesbank

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Kommentare (12)

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DEUFRA2011

13.03.2013, 11:45 Uhr

Ich habe das Interview in den "Tagesthemen" gesehen und war entsetzt über den sich intelligent vorkommenden Sprecher. Weidmann war sichtbar bemüht die Kontenanz zu wahren, bei soviel Arroganz gepaart mit Dummheit. Diesen Stil kann sich das Fernsehen vielleicht bei Fußballreportagen leisten, aber hier sind die Zusammenhänge doch etwas schwieriger zu erklären. Weidmann sollte sich weigern vor solchen "Rotzlöffeln" ein Interview zu geben.

Account gelöscht!

13.03.2013, 11:53 Uhr

'Reißerische Überschriften, die nicht vom Text gedeckt werden, die Fokussierung der Berichterstattung über Notenbanken auf vermeintlich „persönliche Duelle“ und einen raschen Wechsel in der Berichterstattung über vermeintliche Bedrohungsszenarien wirft Bundesbank-Präsident der deutschen Wirtschaftspresse vor.
Die Berichterstattung über die seit fünf Jahren währende Finanzkrise ende zudem häufig in der Kommentierung in einem „resignativem Pragmatismus“ – Hauptsache eine politische oder geldpolitische Entscheidung bringe kurzfristig Ruhe. Das sei „eine gefährliche Einschätzung“, so Weidmann..."
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Wie wahr, wie wahr!
(Es hätte aber noch um einiges schärfer ausfallen müssen)

Politikverdrossen

13.03.2013, 11:55 Uhr

Weidmann hat völlig Recht. Ich würde sogar noch deutlich weiter gehen und behäupten, die Medien, einschl. Wirtschaftsmedien, tragen einen erheblichen Anteil am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Niedergang dieses Landes.

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