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30.07.2014

06:52 Uhr

Tarifpolitik

Weidmann empfiehlt drei Prozent mehr Lohn

Nun mischt sich auch der Bundesbank-Chef persönlich in die Lohndebatte ein. Dabei legt er sich ungewöhnlich stark fest. Es sei „zu begrüßen, dass die Arbeitsentgelte wieder stärker steigen“, sagt Jens Weidmann.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann mischt sich in die Lohndebatte ein. Reuters

Bundesbank-Chef Jens Weidmann mischt sich in die Lohndebatte ein.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die umstrittene Forderung seines Instituts nach höheren Löhnen in Deutschland konkretisiert. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mittwochausgabe) nannte er für die Gehaltssteigerungen einen Richtwert von drei Prozent. Dieser Wert ergebe sich "überschlagsmäßig aus mittelfristig knapp zwei Prozent Preisanstieg und ein Prozent trendmäßigem Produktivitätswachstum", sagte Weidmann in dem vorab verbreiteten Interview.

Bundesbank zu Tarifabschlüssen

Was ist der neutrale Verteilungsspielraum?

Darunter verstehen Volkswirte die Summe aus Preissteigerungsrate und Produktivitätszuwachs. Beides sollte nach herrschender Auffassung langfristig bemessen werden, um starke konjunkturelle Schwankungen aus den Tarifverhandlungen herauszuhalten. Als Grundlage gilt daher neben dem trendmäßigen Produktivitätszuwachs von derzeit gut 1 Prozent das Inflationsziel von knapp unter 2 Prozent, bei dem die Europäische Zentralbank (EZB) die Preise als stabil bewertet - zusammen also gut drei Prozent pro Jahr. Treffen die Tarifabschlüsse den neutralen Spielraum, profitieren die Arbeitnehmer im unveränderten Maße am wirtschaftlichen Erfolg. Die aktuellen Abschlüsse liegen meist in diesem Korridor, wie aus einer Auswertung des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs hervorgeht.

Wie wirken sich höhere Realeinkommen auf die wirtschaftliche Entwicklung aus?

Die Menschen geben ihr Geld aus, zumal sie derzeit kaum Zinsen für Sparguthaben bekommen. Anders als in den Jahren zuvor stützt die Nachfrage der privaten Haushalte das deutsche Wirtschaftswachstum massiv. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung geht davon aus, dass aktuell etwa die Hälfte des Wachstums von privaten Konsumausgaben getragen wird. Auf der anderen Seite steigen die Arbeitskosten in Deutschland momentan schneller als in den meisten anderen Euroländern. In der Vergangenheit mit Lohnzurückhaltung erreichte Kostenvorteile schmelzen ab, deutsche Exportgüter werden teurer.

Warum kümmert sich die Bundesbank um die Tarifabschlüsse?

Angesichts des schwachen wirtschaftlichen Wachstums im Euroraum fehlt der europäischen Notenbank EZB die sonst übliche Waffe höherer Zinsen gegen die gefürchtete Deflation. Höhere Reallöhne in Deutschland als größter europäischer Volkswirtschaft könnten die Nachfrage auch nach Importen aus anderen Euroländern und damit die gesamteuropäische Preisentwicklung anheizen. Im Euroraum hatte die Inflation zuletzt bei schwachen 0,5 Prozent gelegen.

Hat die Bundesbank früher nicht immer zu moderaten Tarifabschlüssen gemahnt?

Das hat sie, aber unter anderen Vorzeichen. In Zeiten der Bundesrepublik ging es meist darum, die Inflation einzudämmen und die Preise nicht noch mit hohen Abschlüssen anzuheizen. Im Moment soll die Preissteigerung hingegen angefacht werden, nachdem im Juni die deutsche Teuerungsrate nur noch 1,0 Prozent betragen hatte. Für 2014 erwarten die Bundesbanker 1,1 Prozent, für 2015 dann 1,5 Prozent und 2016 nahezu ideale 1,9 Prozent, unter anderem ausgelöst von höheren Tarifabschlüssen und dem gesetzlichen Mindestlohn.

Welche Rolle spielt der Mindestlohn?

Der gesetzliche Mindestlohn hat in klassischen Niedriglohnbranchen wie der Fleischwirtschaft oder dem Friseurhandwerk zu Tarifabschlüssen geführt, mit denen spätestens 2017 die Norm von 8,50 Euro pro Stunde erreicht wird. In den Jahren danach wird er nachträglich der Tarifentwicklung angepasst, hat also für die Lohnfindung in der Spitze keine Bedeutung. Es werden allerdings die Gehälter so vieler Menschen angehoben, dass die Bruttolohnsumme in Deutschland 2015 um ein ganzes Prozent steigen könnte, erwartet das IMK. Dieses Geld dürfte direkt in den Konsum fließen und ebenfalls die Binnennachfrage befeuern.

Wie werden die Einschätzungen bei den Tarifpartnern bewertet?

Vor der auch gesamtwirtschaftlich bedeutsamen Verhandlung um die Gehälter von 3,7 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie hüllt sich die IG Metall zu konkreten Lohnforderung noch in Schweigen. Deutschlands größte Gewerkschaft nimmt aber für sich in Anspruch, in ihrer wichtigsten Branche in den vergangenen Jahren den Verteilungsspielraum ausgeschöpft zu haben. Das sehen auch die Arbeitgeber von Gesamtmetall so, die die Bundesbankäußerungen im Übrigen als „nicht hilfreich“ bewerteten, da sich die Unternehmen bereits um die ausufernden Arbeitskosten sorgten.

Gibt es weitere Argumente gegen höhere Abschlüsse?

Neben der bereits erwähnten Kostensteigerung verweist Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), auf immer noch 2,8 Millionen Arbeitslose, von denen rund 800 000 das kurzfristige Arbeitslosengeld 1 beziehen. „Hier könnte man mit einer zurückhaltenden Lohnpolitik einen Teil zurück ins System holen.“

Der Chef der Bundesbank betonte, der Arbeitsmarkt sei heute in erheblich besserer Verfassung als in den vergangenen Jahren. In einer Reihe von Branchen und Regionen gebe es praktisch Vollbeschäftigung, und es häuften sich Meldungen über Arbeitskräftemangel. "Insofern liegt es in der Natur der Sache und ist auch zu begrüßen, dass die Arbeitsentgelte wieder stärker steigen als zu Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft in deutlich schlechterer Verfassung war." Richtig sei jedoch auch, dass Tarifabschlüsse mit Blick auf die spezifische Lage einzelner Branchen vereinbart werden sollten.

Pro und Contra: Mehr Lohn = Mehr Wachstum?

Pro und Contra

Mehr Lohn = Mehr Wachstum?

Die Bundesbank hat eine Lohndebatte losgetreten, nun steigt auch die EZB ein. Sie plädieren für höhere Tarifabschlüsse. Schwächt das Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit? Oder führt es zu mehr Wachstum? Ein Pro und Contra.

Weidmann unterstrich, die Bundesbank mische sich nicht in Tarifverhandlungen ein. Die Abschlüsse hätten aber erheblichen Einfluss auf die Preisentwicklung und spielten für die Bundesbank daher eine wichtige Rolle. Er mahnte zugleich, zu hohe Lohnabschlüsse, die über dem Produktivitätszuwachs lägen, schadeten Wachstum und Beschäftigung in Deutschland und erwiesen dem Euroraum einen Bärendienst.

Zuvor hatten der Chefvolkswirt der Bundesbank und der Chefökonom der Europäischen Zentralbank höhere Löhne in Deutschland angeregt. Dies sorgte für Aufsehen, da die deutsche Notenbank seit Jahrzehnten als Verfechterin von Lohnzurückhaltung gilt. Arbeitgeberverbände, aber auch Gewerkschafter verbaten sich eine Einmischung.

99 Sekunden

Lohnerhöhungen: Bitte nur mit Maß

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Von

rtr

Kommentare (15)

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Herr Chris Hettix

30.07.2014, 07:39 Uhr

Die Tarifverhandlungen macht also ab sofort nicht mehr die Gewerkschaft, sondern die Bundesbank mit den Arbeitgebern. Acha.

Herr Karl-Rainer Rasmussen

30.07.2014, 07:46 Uhr

Gut gemacht Herr Weidmann, Deuschland benötigt ein paar Hinweise um auch einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas zu leisten.

Herr Fred Meisenkaiser

30.07.2014, 07:59 Uhr

Der Herr erlaubt Lohnerhöhungen. So offen ist die Allmacht der Banken über jegliche Form der Demokratie noch nie gezeigt wurden!

Ist das vielleicht eine Art von Merkels "Wirtschaftskonforme Demokratie".

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