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21.03.2013

16:39 Uhr

Testfall Zypern

„Ohne gemeinsame Haftung zerbricht der Euro“

VonJörg Hackhausen, Jan Mallien

ExklusivZypern ist wirtschaftlich winzig. Doch die Insel steht für viel mehr. Es gehe es um den Fortbestand des Euro, warnt Saumil Parikh von Pimco im Interview. Der weltgrößte Anleiheinvestor hat bereits Konsequenzen gezogen.

Saumil Parikh sorgt sich um den Euro. Er ist Managing Director bei Pimco, einem der weltgrößten Investoren. Quelle: Pimco

Saumil Parikh sorgt sich um den Euro. Er ist Managing Director bei Pimco, einem der weltgrößten Investoren. Quelle: Pimco

Herr Parikh, Zypern macht nur einen Bruchteil der Wirtschaftskraft der Euro-Zone aus. Warum ist die Insel ein so großes Problem?

Wirtschaftlich ist Zypern kaum von Bedeutung. Man könnte meinen, ein Ausscheiden aus der Euro-Zone sei verkraftbar. Viel schwerer wiegt aber der politische Schaden. Zypern wird zum Präzedenzfall.

Sie spielen darauf an, dass erstmals Sparer für die Rettung der Banken zahlen sollten.

Das war eine sehr schlechte Idee. Damit hat man grundlegende Eigentumsrechte angetastet.

Wahrscheinlich wird es die Zwangsabgabe nun doch nicht geben.

Selbst wenn es letztlich nicht zu einer Zwangsabgabe kommen sollte, ist die Wirkung fatal.

Warum?

Allein die Möglichkeit, dass Bankeinlagen im Notfall herangezogen werden könnten, ändert alles. In Spanien oder Italien werden sich die Menschen künftig fragen, ob ihr Geld auf dem Konto sicher ist. Diese Unsicherheit kann das Banksystem in Europa insgesamt destabilisieren. Das System basiert auf dem Vertrauen, dass das Geld sicher ist, sobald es auf einem Konto liegt.

Neuer Rettungsplan: Obskurer Solidaritätsfonds soll Zypern retten

Neuer Rettungsplan

Obskurer Solidaritätsfonds soll Zypern retten

Nach dem EZB-Ultimatum hat Zypern ein neues Rettungskonzept vorgelegt. Ein Solidaritätsfonds soll das Land mit Hilfe der Kirche und Rentenkasse retten. Das Parlament ist zufrieden. Doch gibt es mehr Fragen als Antworten.

Sie arbeiten für einen der größten Investoren der Welt. Was bedeutet Zypern für Pimco?

Das hat für uns große Bedeutung. Die Frage, ob das Geld sicher ist, hat signifikante Auswirkungen für jeden Ausländer, der in Europa investieren will.

Was heißt das konkret?

Wir haben unser finanzielles Engagement im Euro in den vergangenen Tagen reduziert.

Gehen Sie davon aus, dass die Rettung doch noch scheitert?

Das will ich nicht hoffen. Die zyprischen Banken müssen schnell rekapitalisiert werden, sonst droht eine ungeordnete Pleite. Es liegt jetzt allein an der Politik, das Geld aufzutreiben.

Die gebrochenen Versprechen der Euro-Retter

Keine Finanzhilfe für Griechenland

„Hilfe steht nicht auf der Tagesordnung, denn Griechenland sagt selbst, dass es im Augenblick keine Hilfe braucht."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. März 2010

Ende April beantragt Griechenland offiziell Finanzhilfe, im Mai beschließen die EU, die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) das erste Griechenlandpaket.

Keine dauerhaften Rettungsschirme

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart."
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 24. Juli 2010

Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (ESFS) ist zwar zeitlich befristet, aber die Euro-Finanzminister einigen sich Anfang 2012 auf den dauerhaften Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).

Kein griechischer Schuldenschnitt

„Ich werde langsam müde, diese Gerüchte immer wieder zu dementieren."
Griechenlands früherer Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am 18. April 2011

Im Oktober beschließen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone einen Schuldenschnitt für Griechenland: Private Gläubiger und Banken verzichten auf 50 Prozent ihrer Forderungen.

Das Volumen der Rettungsschirme

„Wir haben jetzt ein Land unter dem Schirm, das ist Irland. Und damit ist das Volumen noch weit davon entfernt, ausgeschöpft zu sein."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Januar 2011

Im April 2011 stellt Portugal Antrag auf Hilfe. Es wird klar, dass die bisher hinterlegten Bürgschaften nicht ausreichen, um die Kredite zu den gewünschten Zinskonditionen zu beschaffen. Im Juni beschließt die Euro-Zone, den EFSF auf 780 Milliarden Euro aufzustocken, durch den sogenannten Hebel wird das Volumen im Oktober auf mehr als 1000 Milliarden Euro erhöht.

Keine Haftungsunion

„Eine gesamtschuldnerische Haftung wird es nicht geben, solange ich lebe."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26. Juni 2012

Im Oktober 2012 schlägt die Troika aus EU, EZB und IWF den Finanzministern der Euro-Zone einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland vor: Auch die öffentlichen Gläubiger sollen Athen nun einen Teil ihrer Forderungen erlassen. Damit würde die Rettung Griechenlands erstmals die deutschen Steuerzahler wirklich Geld kosten. Schäuble lehnt ab und schlägt vor, Griechenland mehr Zeit zu geben.

Die Spareinlagen sind sicher

Die Europäische Union garantiert, dass Ersparnisse bis zu 100.000 Euro innerhalb der Währungsunion sicher sind.

Im Fall Zyperns war die Politik kurz davor, gegen ihre eigenen Zusagen zu verstoßen. Zunächst war geplant, Kleinsparer an der Bankenrettung zu beteiligen. Nach empörten Protesten wurde die Zwangsabgabe überarbeitet. Nun müssen nur noch zyprische Sparer mit einem Vermögen über 100.000 Euro haften.

Nur ein Einzelfall?

„Zypern war nun ein ganz besonderer Fall, das wusste jeder.“
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 28. März 2013

Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem hatte zuvor in Interviews die Einbeziehung von wohlhabenden Kunden zyprischer Banken in die Maßnahmen zur Zypern-Rettung als richtungsweisend hingestellt. Er bezeichnete sie als „Blaupause“ für andere Länder, relativierte die Aussagen dann später wieder.

Woher soll das Geld kommen?

Entweder von Investoren aus dem Ausland, auch aus Russland. Oder von den anderen Euro-Ländern. Wenn Europa eine Fiskalunion werden soll, dann müssen die einzelnen Staaten im Notfall füreinander haften. Wenn die Fiskalunion nicht das Ziel ist, dann ergibt eine Rettungsaktion natürlich keinen Sinn.

Nehmen wir mal an, deutsche oder französische Steuerzahler müssten für Zypern zahlen. Ist eine solche Haftungsunion für Europa realistisch?

Das ist natürlich ein großes Opfer. Anders kann eine Währungsunion aber nicht funktionieren. Es muss eine fiskalische und politische Union geben. Sollte Europa dazu nicht bereit sein, dann wird der Euro auf lange Sicht nicht überleben.

Kommentare (105)

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Brutos

21.03.2013, 16:55 Uhr

Das Pfeifen im Walde hat begonnen. Bekanntlich besitzt die Muttergesellschaft Allianz Milliarden von italienischen Staatsanleihen. Unsere Lebensversicherungsprämien sind dort hochverzinst angelegt. Und jetzt fordert Pimco (die Tochtergesellschaft) nichts anderes als das Deutschland für Italien voll mithaftet. Sie wollen schlicht ihr eigenes Risiko begrenzen. Lobbyarbeit für Dumme!

AxelSiegler

21.03.2013, 16:55 Uhr

„Ohne gemeinsame Haftung zerbricht der Euro“ > WIESO!!? Das wird immer so selbstverständlich in den Raum gestellt, aber das soll mir'mal jemand erklären. Wieso kann nicht ein Euroland pleite gehen können!!? Gibt genug kleinere Staaten, deren inoffizieller Währung der US-Dollar - und wenn die pleite gehen, interessiert das doch die US nicht. Wenn nach solchen Pleiten der EURO vllt ein klein bisschen nachgibt, ist das doch auch nicht weiter schlimm, eher exportförderlich - und die Bundesanleihen laufen allemal besser ohne den Haftungsballast .. wieso schreit jeder nach Haftungsunion? Und wenn jemand unbedingt inflationäre Geldpolitik haben will, kann er gern aus'm EURO austreten .. das hat doch aber alles nix mit Haftungsunion zu tun!

WegmitderEU

21.03.2013, 16:56 Uhr

Keine gemeinsame Haftung - kein Euro :-)
Und hoffentlich auch keine EU Diktatur mehr.....
Merkel, Schäuble und Konsorten müssen aber gleich mit entsorgt werden ...

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