Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.04.2016

10:43 Uhr

Thomas Mayer zu Helikoptergeld

„Ich habe große Zweifel an unserem Geldsystem“

VonJan Mallien

Ein Scheck von der EZB für jeden? Im Interview erläutert der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer, was Helikoptergeld für das Geldsystem bedeutet – und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind.

Der frühere Deutsche Bank-Chefvolkswirt leitet heute eine Denkfabrik des Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Er hat große Zweifel am bisherigen Geldsystem, das auf Krediten beruht. Bert Bostelmann für Handelsblatt

Thomas Mayer

Der frühere Deutsche Bank-Chefvolkswirt leitet heute eine Denkfabrik des Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Er hat große Zweifel am bisherigen Geldsystem, das auf Krediten beruht.

Herr Mayer, EZB-Chef Mario Draghi hat so genanntes Helikoptergeld als interessantes Konzept bezeichnet. Ist es wirklich realistisch, dass die EZB irgendwann jedem Bürger im Euroraum einen Scheck über 3000 Euro ausstellt?
Die Diskussion über Helikoptergeld zeigt, dass unser bisheriges Geldsystem schwere Probleme hat. Ich habe große Zweifel, ob es dauerhaft lebensfähig ist. Helikoptergeld zu verteilen wäre der Versuch eines Systemwechsels durch die Notenbank – weg vom Kreditgeld, hin zu einem Geldsystem, das sich auf Reputation stützt. 

Das müssen Sie erklären.
Im Kreditgeldsystem wird das Geld durch Forderungen erzeugt. Wenn ich einen Kredit aufnehme, zahlt die Bank mir den Betrag auf dem Girokonto. Das Geld dort ist durch die Forderung gegen mich entstanden und gedeckt. Auch die EZB erzeugt Kreditgeld, indem sie den Banken Zentralbankgeld gegen Sicherheiten leiht. Das Geld ist also immer durch Forderungen gedeckt.

Helikoptergeld etwa nicht?
Nein, das ist quasi aus dem Nichts erzeugtes Geld. Es wird nicht gegen eine neue Forderung produziert. Ich nenne das Reputationsgeld, weil sein Wert ganz allein davon abhängt, ob ich als Nutzer erwarte, das Geld gegen andere Dinge eintauschen zu können. Auch Gold ist Reputationsgeld.

Was hinter dem „Helikoptergeld“ steckt

Was versteht man unter „Helikoptergeld“?

Die Idee ist denkbar einfach: Man muss nur im großen Stil Geld unter der Bevölkerung verteilen, schon kommt die Wirtschaft durch den Geldregen in Schwung und die Inflation zieht an. Was zunächst wie ein Scherz klingt, wird aktuell in Finanzkreisen ernsthaft diskutiert.

Hat es so etwas schon mal von einer Notenbank gegeben?

Nein, das reine Verschenken von Geld wurde von führenden Notenbanken noch nicht in die Tat umgesetzt. Während der Finanzkrise 2008 verteilte die US-Regierung zwar Steuergutschriften an Privathaushalte. Allerdings gibt es einen Unterschied zum „Helikoptergeld“: Die US-Notenbank verschenkte in der Krise kein Geld, sondern sicherte ihre Geldschwemme über den Kauf von Wertpapieren ab. Ähnlich geht zurzeit die EZB vor. Werden einmal gekaufte Wertpapiere wieder verkauft oder fällig, fließt das Geld zurück zur Notenbank. Dies wäre bei „Helikoptergeld“ nicht der Fall.

Wie wird in der EZB-Führung über die Idee gedacht?

Notenbankchef Mario Draghi versicherte zwar, dass innerhalb des EZB-Rates nicht ernsthaft über die Idee des „Helikoptergeldes“ gesprochen wurde. Auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Zinsentscheidung der Notenbank hatte er aber auf die Frage eines Journalisten die Idee nicht rundweg abgelehnt, sondern als „ein sehr interessantes Konzept“ bezeichnet. Etwas konkreter wurde EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. In einem Interview mit der Zeitung „La Repubblica“ stellte der Vordenker der EZB klar, dass theoretisch alle Notenbanken dieses „extreme Instrument“ einsetzen könnten. Es stelle sich nur die Frage, ob und wann der Einsatz Sinn mache.

Wie wäre das in der Praxis umsetzbar?

So einfach das Konzept in der Theorie wirkt, so schwierig wäre die Umsetzung. Zunächst einmal hat die EZB nicht die Kontonummern der etwa 337 Millionen Bürgern der Eurozone, um das Geld zu überweisen. Allein an der Zahl der Konten zeigt sich die bürokratische Herkules-Aufgabe, die mit einer solchen Maßnahme verbunden wäre. Schwierig wird es auch aus bilanztechnischen Gründen. Bisher gilt das Prinzip: Frisches EZB-Geld gibt es nur gegen Sicherheiten als Gegenleistung. Wenn die EZB das Geld aber einfach verschenken würde, dann stellt sich die Frage: Wie soll das verbucht werden? Nach Einschätzung von Commerzbank-Experte Michael Schubert wäre das Auszahlen von „Helikoptergeld“ unter dem Strich nur indirekt über die Euroländer denkbar. „De facto würde die EZB den Euroländern also eine Art Kredit gewähren“, erklärt Schubert.

Was sagen die Kritiker?

Zu den Kritikern einer solchen Maßnahme zählt Bundesbankchef Jens Weidmann: „Ob und wie Geld an die Bürger verschenkt wird, ist eine hochpolitische Entscheidung, die Regierungen und Parlamente fällen müssen“, sagte Weidmann in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. Hier habe die EZB einfach kein Mandat. Schon die bisher beschlossenen Maßnahmen werden nach Einschätzung von Weidmann schwächer in der Wirkung, je länger sie dauern, während Risiken und Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik zunähmen. Aber auch unter Volkswirten ist das Konzept höchst umstritten. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, bezeichnet die Idee des „Helikoptergeldes“ schlichtweg als „Quatsch“. Es würde die Illusion nähren, die Notenbank könne für die Bürger einfach immer mehr Geld drucken und damit die Probleme lösen. Politisch würde man damit in Europa einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, meint Schmieding.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Idee des „Helikoptergeldes“ in die Tat umgesetzt wird?

Das ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn immer mehr Experten warnen, dass die Möglichkeiten der EZB im Kampf gegen die niedrige Inflation ausgeschöpft seien, sieht sich die Notenbank selbst noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten. Sollten am Konjunkturhimmel wieder düstere Wolken aufziehen und große Eurostaaten wie Frankreich oder Italien stärker unter Druck geraten, dann verfüge die EZB immer noch über genügend Munition, versicherte jüngst EZB-Chefvolkswirt Praet in einem Interview. Ganz ähnlich äußerte sich zuletzt auch EZB-Direktor Benoît Coeuré.

Sind normale Geldscheine nicht auch Reputationsgeld?
Zumindest sind sie kein reines Reputationsgeld, wie ich es verstehe, weil sie mit Forderungen unterlegt sind. Schauen Sie auf die EZB: Auch die Geldscheine sind durch Forderungen an die Banken gedeckt. Wenn eine Bank Bargeld von der EZB braucht, weil ihre Kunden beispielsweise Kontoguthaben dagegen eintauschen wollen, kann sie es von der EZB leihen oder sie verkauft ihr eine andere Forderung, etwa eine Staatsanleihe. Das ist ein Kreditgeldsystem.

Und es funktioniert.
Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die Banken sind zu schwach, um im großen Stil neue Kredit zu vergeben, und die Staaten, Haushalte und Unternehmen sind zu hoch verschuldet, um noch viel mehr neue Schulden aufzunehmen. Aber ohne Kreditwachstum wachsen in einem Kreditgeldsystem Geldmenge und Wirtschaft nicht – es gibt keine Inflation. Da helfen auch keine Null- und Negativzinsen. Stattdessen schaffen die Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik nur neue Blasen an den Finanzmärkten.

Kommentare (39)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Hans Mayer

22.04.2016, 10:52 Uhr

Helikoptergeld, also eine Art von Abwrackprämie für unser kaputtes Geldsystem. Unser Fiatmoney- System nähert sich rasant dem Punkt zu, wo es heißt, Game over.
Nirgends läuft es richtig rund, Lug und Betrug wohin das Auge schaut, Die Menschen merken das natürlich immer schneller und mit dem Wissen das keiner ungestreift daran vorbeikommen wird sind auch alle Beschwichtigungsversuche zum scheitern verurteilt. Die Zukunft wird sehr spannend werden, unruhig und auch gefährlich.

Herr Herbert Maier

22.04.2016, 10:56 Uhr

Guter Artikel. Geld ist heute nur noch ein ganz kurzfristiger Durchlauf-Tauschgegenstand. Man bekommt es für seine Arbeitsleistung, und sollte es schnellstmöglich in etwas anderes Wertbeständiges umtauschen, Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Edelmetalle, oder verkonsumieren. Wer Geld hält zum Sparen, also späterer Existenzsicherung, ist der Dumme. Denn die Politik sort dafür dass das Geld selbst ständig an Wert verliert. Das andere Problem ist die Überschuldung.

Herr Tom Schmidt

22.04.2016, 11:01 Uhr

An dieser Stelle habe ich ein massives Verständnisproblem: "Aber ohne Kreditwachstum wachsen in einem Kreditgeldsystem Geldmenge und Wirtschaft nicht – es gibt keine Inflation. "

Aber nicht nur ich, sondern wohl viele Volkswirte. Sandra Navidi hat z.B. mal von sich gegeben, dass in einem Goldstandard-System es kein Wirtschaftswachstum gibt. Tatsache ist aber, dass es damals sehr wohl Wirtschaftswachstum gab. Und zumindest, bevor die Banker meinten sie wären die Wirtschaft, wurde Wirtschaftswachstum ganz anders gemessen. Damals wurden z.B. Anzahl von Maschinen, Lokomotiven, etc. zur Bestimmung der Wirtschaftsgröße herangeszogen. Der Grund für Wachstum waren Innovationen! Nicht Geld! Aber irgendwie war das den Volksiwrten wohl zu langweilig? Wer hat da einfach die Wissenschaft verändert? Und mit welcher Begründung?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×