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10.11.2011

14:33 Uhr

Tipps für Anleger

„Der Euro ist nichts für wild gewordene Nationalstaaten“

VonKatharina Schneider

Die Schuldenkrise belastet den Euro und die Nerven der Anleger. Doch trotz Wackelbörse können Investoren Gewinne machen – wenn sie bescheiden sind. Renommierte Volkswirte geben Tipps.

Anleger müssen dieser Tage genau prüfen, wie sie ihr Geld investieren. dpa

Anleger müssen dieser Tage genau prüfen, wie sie ihr Geld investieren.

FrankfurtDie Meldungen aus Griechenland und Italien überschlagen sich. Und meistens sind sie negativ: Heute vermeldet die EU-Kommission, dass die Gesamtverschuldung der Griechen ohne Rettungsmaßnahmen auf 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ansteigen wird. In Italien schnellen derweil die Anleihezinsen in die Höhe und machen es dem hoch verschuldeten Land noch schwerer, sich an den Märkten zu refinanzieren.

Ein Ende der desolaten Lage scheint nicht in Sicht. „Die Staatsschuldenkrise wird sich zuspitzen“, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, am Mittwoch auf einer Investorenkonferenz von Morningstar in Frankfurt.

Die aktuelle Situation in Griechenland sieht Krämer trotz Schuldenschnitt und Ausweitung des Rettungsfonds EFSF sehr kritisch. Das Risiko, dass die Politik Griechenland doch den Geldhahn zudreht, liege seiner Meinung nach bei über 50 Prozent. „Es ist gut möglich, dass das Land aus der Währungsunion rausgeht.“

Was Anleger angesichts der Italien-Krise tun können

Was genau passiert an den Finanzmärkten?

Die Nachfrage nach italienischen Staatsanleihen sinkt, das Angebot nimmt wegen der steigenden Schulden aber zu. In der Konsequenz sinkt der Wert der Anleihen, die bereits im Umlauf sind. Die Papiere sind weniger beliebt, weil die Zweifel der Anleger wachsen, dass sie ihr an Italien verliehenes Geld wie vereinbart zurückbekommen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Italien muss immer höhere Zinsen auf neu ausgegebene Anleihen zahlen, um überhaupt noch Geld zu bekommen. Wegen der steigenden Zinslast schwindet aber das Vertrauen, dass Rom mit der Krise fertig wird.

Was bedeutet die Krise der italienischen Anleihen für das Vermögen der Anleger?

Die stärksten Auswirkungen sind außer auf Rentenfonds vor allem auf die Vermögensbestände von Versicherungen zu erwarten. Versicherungen legen Geld vor allem in Staatsanleihen an. Da italienische Papiere bis vor nicht allzu langer Zeit als sehr sicher galten, investierten viele Gesellschaften in sie. Die gegenwärtige Krise kann zur Folge haben, dass Versicherungen ihre Anlagen niedriger bewerten müssen, wie Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg erklärt. Da die Gesellschaften ihre Anlagen streuen, dürften sich die kurzfristigen Auswirkungen aber in Grenzen halten.

Wie schlimm ist die Schuldenkrise auf die lange Sicht?

„Die Situation ist extrem ernst“, sagt Andreas Beck, Leiter des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). Die Politik habe noch nicht einmal ansatzweise auf das dahinter liegende Problem reagiert. Mit Spekulation hätten die Schwierigkeiten Italiens nichts zu tun, das Problem sei viel einfacher zu erklären: „Die Anleger kaufen halt keine Anleihen mehr.“ Beck spricht von einer Nachfragelücke, die mit der Überalterung Europas zu tun habe. Die Versicherungsgesellschaften müssten immer mehr von dem angelegten Geld auszahlen, weil die Anleger das Rentenalter erreicht hätten. Deshalb hätten die Versicherungen weniger Geld zur Verfügung, mit dem sie Anleihen kaufen könnten.

Was können Anleger jetzt tun?

Sowohl Verbraucherschützer Nauhauser als auch Geldanlage-Experte Beck raten zu einer alten Strategie, nämlich das Vermögen auf verschiedene Länder und Anlageformen zu streuen. „Dann kann ein Anleger gelassen zuschauen, weil er noch viele andere Eier in vielen anderen Körben hat“, sagt Nauhauser. Wer seine Anlagen schon diversifiziert habe, sollte nun nicht in Hektik verfallen. Beck hat indes keine große Hoffnung, dass sich die Bürger den Folgen einer eskalierenden Schuldenkrise entziehen könnten. „Der Bürger bürgt“, sagt er. Auch zum Beispiel eine Investition in Immobilien sei kein großer Schutz. In der Vergangenheit seien es oft gerade die Hausbesitzer gewesen, die zur Sanierung der Staatsfinanzen hätten herhalten müssen.

Der Schuldenerlass für Griechenland reiche noch nicht aus. Selbst wenn alle Gläubiger auf 50 Prozent ihrer Forderungen verzichten, würde Griechenland den Schuldenstand nur um 40 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts senken können, so Krämer. Derzeit liegt die Verschuldung aber bei 160 Prozent – es blieben also noch 120 Prozent übrig. Das sei immer noch zu viel und gebe dem Land kaum eine Chance sich zu stabilisieren.

Die Chance, dass sich Italien wieder erholt, sieht Krämer bei 50:50. Es hänge davon ab, dass ein neuer Ministerpräsident komme, „der sich primär um das Land kümmert und nicht primär um seine eigenen juristischen Probleme“, so der Volkswirt. Und wenn auch noch Italien unter den Rettungsschirm schlüpfen müsste? Die Kraft des EFSF wurde von den Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone zwar erhöht. „Die Frage ist nur, ob Anleger dieses teilversicherte Papier tatsächlich kaufen“, sagte Krämer.

Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assenagon Gruppe, sieht die staatlichen Euro-Hilfspakete generell kritisch. Was wirklich helfen würde, sei ein grundsätzliches Umdenken in der Euro-Zone. „Der Euro ist eine gute Währung, wahrscheinlich die beste, die wir je hatten“, sagte Hüfner. Doch die Hilfsprogramme liefen ins Leere. Seine Analyse: „Der Euro ist eine Währung für Europa. Der Euro ist keine Währung für eine Horde wild gewordener Nationalstaaten.“

Eine allgemeine Abkehr von der Gemeinschaftswährung sei jedoch nicht die richtige Lösung. Vielmehr müssten sich die Menschen stärker zu Europa bekennen. „Auch 2020 werden wir den Euro noch haben“, sagte Hüfner. „Allerdings mit zwei Mitgliedern weniger und acht mehr.“ Er rechne damit, dass zwei Staaten aus dem Euro aussteigen und acht neue – insbesondere aus Osteuropa – hinzukommen.

Kommentare (3)

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Gigolo

10.11.2011, 15:32 Uhr

Tolle Tipps! So genau wollte ich das gar nicht wissen...
Sagt mir lieber welche Sliderstellung ich bei Zuwax in der aktuellen Situation bevorzugen soll :(

Bernd

10.11.2011, 17:53 Uhr

Wer in der jetzigen Situation Aktien empfiehlt hat entweder den Verstand verloren oder ist ein Banker ,der vom Aktienan- und Verkauf lebt. Das ist das Geld in einer Spielhaller besser angelegt. Auch die angeblich sicheren Aktien stürzen derzeit ab! Alle gehen derzeit in Gold und Silber bevor der große Knall kommt, aber vom Verkauf von Gold oder Silberbarren verdienen die Banken nix.

007

16.11.2011, 19:36 Uhr

Was soll ich von Kommentatoren zum Thema globalisierter Finanzwelt halten, die nicht einmal vernünftiges Deutsch, geschweige denn fachlich interessante Kritik, Meinung oder sogar Verbesserungsvorschläge, formulieren können?

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