Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.04.2017

17:37 Uhr

Trump, Frankreich-Wahl und die Notenbanken

Nie waren die Börsen so politisch wie heute

VonJessica Schwarzer

Türkei-Referendum, Wahlen in Frankreich, das sich verschlechternde Verhältnis zwischen den USA und Russland sowie die Politik der Notenbanken – spannende Zeiten, auch für Aktionäre. Die Börsen sind so politisch wie nie.

US-Präsident Trump ist nur ein vermeintlicher Risikofaktor für die Börsen. dpa

Händler an der Frankfurter Börse

US-Präsident Trump ist nur ein vermeintlicher Risikofaktor für die Börsen.

DüsseldorfDie Börse im Sog der Politik. Krisenherde und Wahlen sowie Abstimmungen, deren Ausgang in eine Krise führen könnten, gibt es derzeit reichlich. An diesem Wochenende stimmt die Türkei über ein Verfassungsreferendum ab. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kann sich jüngsten Umfragen zufolge bis zuletzt nicht sicher sein, dass die Türken dem von ihm angestrebten Präsidialsystem zustimmen. Bisher hat das Referendum die Börsen kalt gelassen, ob das so bleibt, wird sich zeigen, wenn das Ergebnis feststeht.

Auch der US-Angriff auf einen syrischen Fliegerhorst in der vergangenen Woche bewegte die Märkte kaum. Allerdings verlief die Karwoche wegen der politischen Unsicherheiten von Syrien bis Nordkorea eher verhalten. Der US-Angriff auf Syrien kam überraschend, auch für die internationalen Finanzmärkte. Ein Einschreiten der USA in den Krieg und eine Konfrontation mit Russland könnte die Börsen wieder sehr politisch machen.

Das muss aber nicht unbedingt ein Problem sein, denn eine alte Börsenweisheit besagt: Politische Börsen haben kurze Beine. Übersetzt heißt das, dass politische Ereignisse die Kurse nur sehr kurz beeinflussen. Die Experten von Sal. Oppenheim sind Anhänger dieser Aussage, und das obwohl sie Börsenweisheiten ansonsten eher kritisch gegenüber stehen. „Politische Börsen haben in der Tat kurze Beine, derzeit besonders viele davon“, sagt Jördis Hengelbrock, Portfoliomanagerin bei der Kölner Privatbank. „Aber erst wenn politische Entscheidungen die Einflussgrößen für die Börsen nachhaltig verändern, passt die Weisheit nicht mehr zur Realität, die ‚Beine‘ werden länger.“

Sorge vor Le Pen: Die Börsenwelt blickt nach Frankreich

Warum schauen viele Anleger auf die Frankreich-Wahl?

Im Gegensatz zu den Niederlanden oder auch zum pleitebedrohten Griechenland ist Frankreich als zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ein echtes Schwergewicht. Entsprechend nervös sind die Investoren: „Gewinnt Le Pen die Wahl, werden Frankreichs Börsen beben“, schreibt Analyst Daniel Burgmann von der Ratingagentur Scope.

Auch deutsche Anleger, die in europäische Aktien- und Rentenfonds investiert haben, würden die Turbulenzen spüren. Denn der Anteil französischer Werte an den europäisch ausgerichteten Fonds sei groß - häufig größer als der deutscher Werte. Doch auch wer vornehmlich den Leitindex Dax im Blick hat, dürfte stark betroffen sein: Analyst Cedric Spahr von der Schweizer Bank J. Safra Sarasin warnt vor einem Ausverkauf bei vielen kontinentaleuropäischen Aktien.

Quelle: dpa

Wie haben die Börsen bisher auf unerwartete Ereignisse reagiert?

Die jüngste Vergangenheit zeigt, dass die Anleger überraschende und auf den ersten Blick negative politische Nachrichten immer schneller verdaut haben. Dauerte die Kurserholung im Fall des Brexits noch vier Wochen, seien es bei der Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten nur noch vier Stunden und beim italienischen Verfassungsreferendum maximal vier Minuten gewesen, schreibt Analyst Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Ein wichtiger Grund für die gelassene Reaktion der Börsen war das Vertrauen der Anleger in die Geldpolitik der Notenbanken: Die Währungshüter dies- und jenseits des Atlantiks standen immer bereit, notfalls die Märkte zu stützen.

Was droht den Börsen im Falle eines Sieges von Le Pen?

Sollte tatsächlich Le Pen in der voraussichtlich notwendigen Stichwahl am 7. Mai als Siegerin vom Platz gehen, könnten die Anleger diesmal weniger entspannt reagieren als in der Vergangenheit. Im Falle eines Triumphs der Rechtspopulistin könnte der EuroStoxx 50 um bis zu 35 Prozent einbrechen, befürchtet Analyst Lefteris Farmakis von der Schweizer Bank UBS. Dies würde den Eurozonen-Leitindex auf den Stand von Mitte 2012 zurückwerfen. Wegen der Bedeutung Frankreichs für das europäische Projekt hält der Experte den Spielraum für Schadensbegrenzung etwa der Notenbank für weit geringer als zum Beispiel bei der Bekämpfung der griechischen Schuldenkrise.

Wie könnten die Anleger auf eine Niederlage Le Pens reagieren?

Falls der bislang favorisierte und parteilose Kandidat Macron in der entscheidenden zweiten Runde im Mai gewinne, „werden wir eine massive Umschichtung von Geldern in Richtung Europa sehen“, prophezeit Stephanie Flanders, Chef-Anlagestrategin Europa des US-Fondsriesen JP Morgan Asset Management. Schon die Parlamentswahl in den Niederlanden, wo die Rechte unter Geert Wilders klar verloren hatte, habe zu einem vorsichtigen Meinungswandel unter Investoren geführt. Für Europas Börsen dürfte es bei einer Niederlage Le Pens daher weiter nach oben gehen.

Spannend sind in naher Zukunft vor allem die Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Im Falle eines Wahlsiegs der Rechtsradikalen Marine Le Pen dürfte es zu heftigen Reaktionen an den Märkten kommen. Experten erwarten für diesen Fall deutlich negative Kursausschläge. Zwar sieht es derzeit nicht nach einem Sieg für sie auch, aber ausgeschlossen ist er auch nicht. Deshalb warnt Hengelbrock davor, dass die Aktienmärkte das Risiko eines Siegs Le Pens derzeit kaum einpreisen. Sollte die umstrittene Politikerin doch gewinnen, würde eine Debatte über den Ausstieg Frankreichs aus der Euro-Zone definitiv zu sehr politischen Börsen führen. „Wenn es Le Pen dann allerdings nicht gelingt, eine Mehrheit für den Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro zu bewegen, dürften auch die europäische Kapitalmarktentwicklung nach wenigen Wochen bis Monaten wieder von anderen Themen dominiert werden“, sagt die Sal.-Oppenheim-Expertin.

Anders sähe die Lage im Falle eines „Frexit“ aus. Eine solche Zäsur würde die EU in ihre größte Krise stürzen und könnte zu einer Auflösung der Gemeinschaftswährung führen. „Damit hätte eine politische Entscheidung längerfristige Auswirkungen auf die europäische Geldpolitik, Zinsen, Wechselkurse, Konjunktur und die Gewinnaussichten der Unternehmen – und damit auf wesentliche Determinanten der Finanzmarktentwicklung“, so Hengelbrock. In diesem Falle hätte die politische Börse sehr, sehr lange Beine. Doch darauf spekulieren Investoren derzeit nicht.

Dirk Müller

„Der nächste Abwärtszyklus steht vor der Tür“

Dirk Müller: „Der nächste Abwärtszyklus steht vor der Tür“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die Geldpolitik ist aber natürlich auch ohne den „Frexit“ ein extrem wichtiges Thema für die Märkte. Die Politik der Notenbanken rund um den Globus treibt Börsianer um und bewegt die Kurse. Die Leitzinsen in der Euro-Zone sind nach wie vor auf einem Rekordtief. Während die Fed bereits drei Mini-Zinserhöhungen hinter sich hat, hält die EZB am Nullzins fest. Doch wie lange noch? Immer wieder gibt es Spekulationen, nicht zuletzt weil die Inflationsrate zum Jahresbeginn angezogen hat. EZB-Direktor Benoit Coeure hat zuletzt die Regierungen aufgefordert, sich auf ein Ende der Nullzins-Phase einzustellen. „Es ist offensichtlich, dass der Finanzsektor und andere Wirtschaftsakteure, vor allem Regierungen, sich vorbereiten müssen", sagte er. „Ich hoffe, dass die Regierungen in der Euro-Zone wissen, dass die Zinsen nicht auf dem aktuellen Niveau bleiben werden.“ Doch noch ist es nicht so weit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×