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26.08.2015

12:35 Uhr

Übernahmen

Ist die Fusionsparty jetzt beendet?

An den Börsen geht es schroffer zu. Immense Verluste wechseln sich mit deutlichen Kursgewinnen ab. Die Turbulenzen bringen den bislang boomenden Markt für Fusionen und Übernahmen in arge Bedrängnis.

Die Kursverwerfungen in Fernost stecken weltweit die Börsen an. Davon ist auch der M&A-Markt betroffen. dpa

Kursturbulenzen in Shanghai

Die Kursverwerfungen in Fernost stecken weltweit die Börsen an. Davon ist auch der M&A-Markt betroffen.

Die Aktivitäten im Geschäft mit Käufen und Verkäufen von Unternehmen bewegten sich 2015 auf ein Volumen von mehr als drei Billionen Dollar (2,6 Billionen Euro) zu, was ein neuer Rekordwert gegenüber dem bisherigen Hoch von 2007 gewesen wäre. Nun könnte das Tempo nachlassen, da die Verkaufswelle an den Börsen die Zuversicht der Entscheidungsträger belasten dürfte, durch Fusionen und Übernahmen oder Börsengänge Wachstum zu erzeugen. Vor allem Transaktionen mit Aktienkomponenten laufen Gefahr zu platzen. In mehr als der Hälfte der laufenden, noch nicht abgeschlossenen Transaktionen, sind Aktien Teil des Deals.

„Die große Verkaufswelle an den Aktienmärkten und Sorgen im Hinblick auf Chinas derzeitige Wachstumsraten werden wohl negative Auswirkungen auf anstehende M&A-Deals und IPOs haben“, sagte Richard Cranfield, Partner in der Kanzlei Allen & Overy in London, in einem Telefoninterview. Deals, welche noch im Verhandlungsstadium und noch nicht publik seine, seien jetzt in Gefahr, ergänzte Cranfield, der in der Kanzlei Vorsitzender der weltweiten Gruppe für Unternehmenstransaktionen ist und Co-Head für Finanzinstitute.

Da die Aktienbewertungen schwanken, könnten Transaktionen, bei denen der Gesamtpreis oder auch ein großer Teil davon in Aktien abgegolten werden soll, besonders leicht platzen.

Einige große Übernahmen auf Aktienbasis sind im laufenden Jahr angekündigt oder vorgeschlagen worden aber bislang nicht abgeschlossen. Shire hat im Rahmen einer Übernahmeofferte im Umfang von 30 Milliarden Dollar 0,1687 seiner in den USA gelisteten Anteilsscheine (ADRs) je Aktie von Baxalta geboten. Royal Ahold hat im Juni zugestimmt, Delhaize Group für rund 9,32 Milliarden Euro in Aktien zu übernehmen.

„Bares ist Trumpf“, sagt Gilles Maggiorani, Spezialist für Sondersituationen beim Berater United First Partner in London, im Telefoninterview. „Investoren wollen ihr Marktrisiko begrenzen. Sie fragen zunehmend nach Schutzwällen, um das potenzielle Verlustrisiko bei Geboten mit hohem Aktienanteil einzugrenzen.“

Am Montag hatten die Börsen weltweit hohe Verluste erlitten. Die Verkaufswelle hatte über fünf Billionen Dollar Marktkapitalisierung vernichtet, nachdem China am 11. August überraschend die Landeswährung abgewertet hatte. Für die europäischen Börsen war der Montag der schwächste Handelstag seit 2008, während der S&P 500 Index um 3,9 Prozent einbrach und damit in die erste Korrektur in knapp vier Jahren eintrat.

Warum in China die Börse abstürzt

Wie tief fallen die Kurse noch?

Am 27. Juli erlebte Chinas Börse den größten Tageseinbruch seit acht Jahren. Wie weit es noch nach unten geht, kann niemand sagen. Doch der Einbruch wäre vermutlich noch schlimmer ausgefallen, wenn die Börsenaufsicht und die Zentralbank nicht neue Hilfen angekündigt hätten.

Welche Rolle spielt der Staat für die Entwicklung an den Börsen?

Indem die chinesische Regierung Privatanleger in Aktien drängt, versucht sie, das Finanzierungsproblem für Unternehmen zu lösen – und die Schwächen des Bankensektors zu vertuschen.

Welche Nachteile ergeben sich hieraus?

Einmal angefangen, kommt der Staat nun nicht mehr aus der Sache heraus: Damit die Strategie aufgeht, sich das Ersparte für Kleinanleger mehrt und Firmen an Geld kommen, müssen die Kurse oben bleiben. Einen Crash kann man sich schon wegen der Reputation im Grunde nicht leisten.

Warum greifen die staatlichen Maßnahmen nicht?

Die Hilfsprogramme der Regierung nutzen sich ab – oder besser: sie nützen nichts, wenn gleichzeitig immer mehr Anleger nicht mehr an die Börsen glauben.

Hat der Börsencrash in China Auswirkungen auf die Realwirtschaft?

Wenig. Der Aktienmarkt hat sich schon lange von der Realwirtschaft entkoppelt.

Wie hart trifft der Börsencrash die chinesischen Sparer?

Chinesen sind zwar emsige Sparer. Sie haben aber nur einen kleinen Teil ihres Geldes in Aktien investiert. Fünf Prozent der Ersparnisse stecken in Wertpapieren.

Welche deutschen Aktien geraten durch die Turbulenzen in China unter Druck?

Besonders exportorientierte deutsche Unternehmen. Für Volkswagen und Daimler ist China enorm wichtig. Auch Chemiekonzerne wie Bayer und BASF geraten unter Druck.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr an den Börsen der Welt?

Lange Zeit durften Ausländer nicht an Chinas Börsen handeln. Peking hatte seine Finanzmärkte weitgehend abgeschottet. Dadurch schlagen Turbulenzen in China nur sehr abgeschwächt auf internationale Börsen durch.

Welche Rollen spielen ausländische Anleger bei dem Börsen-Crash?

Seit den Turbulenzen ziehen viele internationale Anleger ihr Geld über die Börse in Hongkong wieder aus dem chinesischen Festland ab. Bis Wochenanfang waren auf diesem Weg bereits mehr als sechs Milliarden US-Dollar abgeflossen.

Akteure im M&A Markt hoffen darauf, dass die hohen Kursausschläge vorübergehender Natur sind. Eine länger anhaltende Verkaufswelle könnte die Bewertungen unter Druck setzen, die Verhandlungen beeinträchtigen und auf kurze Sicht dazu führen, dass Deals verschoben werden, so George Casey, Partner und weltweiter Vorsitzender der M&A Gruppe bei der Kanzlei Shearman & Sterling in New York. „Ein volatiler Aktienmarkt könnte auch das Vertrauensniveau ankratzen, das Käufer in diesem Jahr an den Tag gelegt haben“, merkte Casey in einem Telefoninterview an.

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