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22.04.2014

14:09 Uhr

Ultralockere Geldpolitik

EZB schließt weiter sinkende Zinsen nicht aus

Es scheint kaum noch Luft nach unten, doch der EZB-Direktor macht klar: Die Zentralbank hat Handlungsspielraum, beim Zins und auch beim Ankauf von Wertpapieren. Das nährt Spekulationen vor dem baldigen Zinsentscheid.

Da geht noch einiges, glauben Sie mir: Benoit Coeure, Direktor der EZB gibt sich selbstbewusst. Reuters

Da geht noch einiges, glauben Sie mir: Benoit Coeure, Direktor der EZB gibt sich selbstbewusst.

ParisEZB-Direktor Benoit Coeure schließt noch niedrigere Zinsen im Euroraum nicht aus. „Wir haben viele Werkzeuge zur Hand, wenn es nötig werden sollte, unsere Geldpolitik zu lockern“, sagte er in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Zeitung „Le Monde“. Es gebe durchaus noch Spielraum, den Leitzins von 0,25 Prozent zu senken, betonte Coeure. Die EZB hatte im November den Schlüsselzins auf das Rekordtief gesenkt und damit auf den niedrigen Preisauftrieb im Euro-Raum reagiert. Die Inflationsrate fiel im März jedoch noch weiter auf 0,5 Prozent und liegt damit weit unter dem Ziel der EZB von knapp zwei Prozent.

Dies nährt die Furcht vor einer deflationären Spirale, also einem konjunkturschädlichen Preisverfall auf breiter Front. Coeure räumte ein, dass die Währungshüter ihr Augenmerk auch auf den relativ starken Euro richten: „Für uns stellt sich die Frage, ob die Höhe und die künftige Kursentwicklung des Euro eine Rückkehr zu einer Inflationsrate von nahe zwei Prozent verzögern könnten.“

Der EZB-Rat, der am 8. Mai wieder über den Leitzins entscheidet, hat bei dieser Drehschraube zwar nur noch wenig Spielraum nach unten. Er könnte jedoch auch mit dem Ankauf von Wertpapieren im großen Stil Gefahren eines Preisverfalls begegnen. Coeure sprach diese Möglichkeit in dem Interview ebenfalls an. Zudem erwähnte er die Option, eine Art Strafzins auf Einlagen der Banken bei der EZB zu erheben. Damit könnten Geldinstitute ermuntert werden, mehr Kredite zu vergeben statt ihr Geld bei der EZB zu horten.

Niedrige Inflation: Wie reagiert die EZB?

Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

Warum sind sinkende Preise schlecht?

Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

Wie real ist die Deflations-Gefahr?

„Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

Was kann die EZB tun?

Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Anfang des Monats beließ die Notenbank zwar den Leitzins unverändert, öffnete aber die Tür für eine mögliche weitere Lockerung auch mit unkonventionellen Mitteln. Der EZB-Rat ist sich darin einig, dass bei Bedarf alle im Rahmen des Mandats verfügbaren Instrumente eingesetzt werden können, um eine zu lange Phase niedriger Inflation zu verhindern.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

22.04.2014, 19:20 Uhr

Geldpolitisch sinnvoll wären höhere Zinsen und nicht niedrigere. Dies sind Zinsen, welche der mäßigen Bonität einiger Euro-Mitgliedstaaten angemessen wären. Dadurch würden diese Staaten Zugang zum Kapitalmarkt erhalten, ohne dass die EZB das Ausfallrisiko tragen muss. Was die ungedeckten Schecks betrifft, so müssen diese von den Gläubigern abgeschrieben werden. Dies geht leider nicht anders.

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