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17.12.2015

00:14 Uhr

US-Notenbank Federal Reserve

Die Zinswende ist da – und so reagieren die Märkte

VonMartin Dowideit

Die US-Notenbank hat tatsächlich zum ersten Mal seit vielen Jahren die Zinsen erhöht. Rund um die Welt haben Anleger gespannt auf die Entscheidung gewartet – und reagieren so auf die Entscheidung.

Szene an der Wall Street. ap

Börsenhändler in New York

Szene an der Wall Street.

DüsseldorfUm 20 Uhr deutscher Zeit ist eine Epoche der US-Geldpolitik zu Ende gegangen. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) hat das Ende der Nullzins-Politik eingeläutet. Statt zwischen null und 0,25 Prozent wird der Leitzins in der größten Volkswirtschaft der Welt jetzt zwischen 0,25 und 0,5 Prozent liegen. Was nach wenig klingt, ist eine Trendwende der besonderen Art. Es ist die erste Richtungsänderung bei den Zinsen seit 2006. Und auch wenn die Märkte die Entscheidung in den vergangenen Wochen erwartet hatten, reagieren sie nur kurz nervös auf den Beschluss der von Janet Yellen geführten Fed.

In den ersten Minuten nach der Verkündung drehte der Dow Jones-Index zwar leicht ins Minus. Doch der wichtige Gradmesser für die größten US-Industriekonzerne berappelte sich schnell wieder und schloss mit einem Plus von 1,28 Prozent auf 17.749 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 gewann 1,45 Prozent auf 2073 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq ging mit plus 1,52 Prozent bei 5071 Stellen aus dem Handel.

Reaktionen auf die Fed-Zinsentscheidung

Deutsche Bank - Chefvolkswirt David Folkerts-Landau

"Die heutige Entscheidung der Fed, die Zinsen zum ersten Mal seit fast zehn Jahren zu erhöhen, ist ein historischer Moment. Die Zinsanhebung markiert das offizielle Ende der globalen Finanzkrise für die USA und bildet den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik.

Dieser Schritt wurde allgemein erwartet. Vor dem Hintergrund, dass auf dem US-Arbeitsmarkt nahezu Vollbeschäftigung herrscht und im kommenden Jahr ein Anstieg der Inflation erwartet wird, war eine Anhebung der Zinsen längst überfällig. Diejenigen, die die Zinsanpassung kritisch sehen, lassen außer Acht, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durchaus Zinssätze zwischen zwei und drei Prozent und eine Fed-Bilanz ohne Überschussreserven rechtfertigen - eine Zinspolitik, die weit entfernt vom Krisenmodus ist, der selbst heute noch dominiert."

Dekabank - Chefvolkswirt Ulrich Kater

"Ein kleiner Schritt für die Fed, aber ein großer für das Finanzsystem. Zwei Botschaften verbinden sich mit der Zinswende. Zum ersten begräbt damit die Fed symbolisch die Finanz- und Bankenkrise von 2008. Und zum zweiten schürt diese Zinswende die Hoffnung, dass auch in Euro-Land eine Umkehr bei den Zinsen irgendwann möglich ist, selbst wenn dies noch zwei oder drei Jahre hin sein sollte."

KfW - Chefvolkswirt Jörg Zeuner

"Wir sind auf dem Weg in die Normalität. Die US-Konjunktur läuft solide, der Arbeitsmarkt hat Vollbeschäftigung erreicht und die Kerninflation ist jetzt schon hoch genug, um mit dem Zinserhöhungszyklus zu starten. Mit dem Zinsschritt beginnt die Fed, Handlungsspielraum für neue Herausforderungen zurückzugewinnen. Denn ein langfristig starker Dollar und ein dauerhaft niedriger Ölpreis bringen durchaus Schwierigkeiten für die US-Wirtschaft."

Münchener Rück - Chefvolkswirt Michael Menhart

"Mit der Zinsentscheidung der Fed ist der lange erwartete Einstieg in eine restriktivere Geldpolitik da. Für nächstes Jahr ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen. Gleichwohl wird die US-Zentralbank unter den Notenbanken der großen Volkswirtschaften wohl erst mal alleine bleiben - die EZB hat ja jüngst sogar ihre expansive Politik noch zeitlich ausgeweitet. Angesichts der Risiken für die Finanzstabilität wäre eine Abkehr von der Politik des billigen Geldes wünschenswert."

Institut für Weltwirtschaft - Stefan Kooths

"Klar ist, dass sich im Zuge der Normalisierung des Zinsniveaus die Preisblasen an Anleihe-, Aktien- und Immobilienmärkten zurückbilden werden. Bei diesem Prozess lauern erhebliche Gefahren eines sprunghaften Verlaufs, nicht zuletzt auch für die Devisenmärkte und die in US-Dollar verschuldeten Schwellenländer. Es nützt aber nichts, aus Furcht davor den Ausstieg aus der ultra-expansiven Zentralbankgeldversorgung immer weiter hinauszuzögern. Je länger die künstlich niedrigen Zinsen bestehen bleiben, umso mehr Verzerrungen entstehen und desto schmerzhafter würde eine noch spätere Korrektur. Von einer Normalisierung ist die US-Geldpolitik immer noch meilenweit entfernt. Entscheidend wird jetzt sein, wann die Marktteilnehmer den nächsten Schritt erwarten."

GDV (Versicherungsverband) - Chefvolkswirt Klaus Wiener

"Die erste Straffung der US-Leitzinsen seit dem Jahr 2006 markiert sicher einen historischen Wendepunkt, das allgemeine Zinsniveau wird sich dadurch aber kaum ändern. Für die EZB hat der Zinsentscheid der Fed keine Signalwirkung – dazu sind auch die konjunkturellen Rahmenbedingungen zu unterschiedlich. Die Kapitalmarktzinsen im Euroraum werden wohl noch für sehr lange Zeit auf ihrem extrem niedrigen Niveau verharren."

Am meisten Bewegung zeigte der Euro. Er schwächelt kurzzeitig und gab von über 1,0950 Dollar auf 1,09 Dollar nach. Doch zwanzig Minuten nach der Mitteilung durch die Fed lag der Kurs bei 1,0930 Dollar und damit genau auf dem Niveau des Vortags. Im Verlauf der Pressekonferenz Yellens knackte die Währung dann wieder die 1,10-Dollar-Marke. Die USA müssen sich Experten zufolge nun darauf einstellen, dass der Dollar zum Euro wegen der Zinsdifferenz tendenziell stärker wird und sich amerikanische Firmen im Export schwertun, weil ihre Produkte in Übersee teurer werden.

Der Deutsche Aktienindex zeigte sich im nachbörslichen Handel etwas beeindruckt und schwankte um die 10.550 Punkte. Das waren 80 Punkte mehr als zum regulären Handelsschluss am Mittwoch. Gold wurde um 20.40 Uhr zum Preis von 1072 Dollar je Unze gehandelt, das entsprach annähernd dem Wert vor der Mitteilung zur Zinswende.

Die Kurse amerikanischer Staatspapiere gerieten deutlich unter Druck. Im Umkehrschluss legte die Rendite deutlich zu. So notierten Papiere mit zweijähriger Laufzeit erstmals seit fünf Jahren über ein Prozent. „Ich finde die Zinserhöhung angemessen, im Grunde überfällig“, sagte Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt der Nordea Bank.

Fed-Chefin Janet Yellen machte deutlich, dass sie die Turbulenzen am Markt für hochverzinsliche Papiere nicht für Vorboten einer größeren Krise hält. Auslöser der Kursschwankungen war, dass am vergangenen Donnerstag ein Fonds der Firma Third Avenue den Abfluss von Anlegergeld unterbunden hat. „Dabei handelte es sich um einen sehr speziell Fonds, der in besonders illiquide Anlagen investiert hat“, betonte Yellen.

Hans-Werner Sinn begrüßt Zinswende

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hat die Zinserhöhung der US-Notenbank begrüßt. „Das wurde aber auch wirklich Zeit. Durch die jahrelange Nullzinspolitik hat der Zins seine Kontrollfunktion verloren, mit der unterschieden wird zwischen rentablen und unrentablen Objekten. Das ist volkswirtschaftlich schlecht, denn es verführt zu dem Irrtum, die Ressourcen seien unbegrenzt“, sagte er in München. „Zu niedrige Zinsen führen auch zu Vermögensblasen, die später platzen und die Banken in Not bringen können. Und wenn die Blasen platzen, muss wahrscheinlich wieder der Steuerzahler 'ran.“ Das gelte auch für die Europäische Zentralbank.

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