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24.03.2016

21:07 Uhr

US-Notenbank

Wieso Yellen keine Taube ist

VonFrank Wiebe

Die Märkte haben die Fed falsch verstanden. Die Politik der US-Notenbank ist nicht weicher geworden. Sie setzt ihren Weg unbeirrt fort, wie jüngste Äußerungen von Geldpolitikern zeigen.

Die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, nimmt ihre Brille ab: Der grundsätzliche Wille der Fed, die Zinsen Schritt für Schritt weiter anzuziehen, hat sich seit Dezember nicht geändert. Reuters

Janet Yellen

Die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, nimmt ihre Brille ab: Der grundsätzliche Wille der Fed, die Zinsen Schritt für Schritt weiter anzuziehen, hat sich seit Dezember nicht geändert.

New YorkSeit Mitte März gilt Fed-Chefin Janet Yellen wieder als „Taube“. Die Märkte interpretierten ihre Äußerungen als Ankündigung einer weichen Geldpolitik und reagierten entsprechend positiv. Aber wie berechtigt ist diese Erwartung?

Nach der ersten Zinserhöhung der US-Notenbank (Fed) seit Jahren im Dezember hatten die Märkte den Eindruck, dass sie nicht länger auf die Unterstützung durch die Geldpolitik rechnen können. Das trug zu den Kurswirren im Januar und Februar bei.

Dieser Eindruck änderte sich im März. Yellen präsentierte nach der Sitzung des geldpolitischen Ausschusses die Entscheidung, die Zinsen unverändert zu lassen, ein vorsichtig formuliertes Statement und niedrigere Prognosen für die wirtschaftlichen Trends als im Dezember. Die Märkte reagierten mit Erleichterung.

US-Notenbanker Bullard: Zinserhöhung „womöglich nicht weit entfernt“

US-Notenbanker Bullard

Zinserhöhung „womöglich nicht weit entfernt“

Die meisten US-Notenbanker wählen ihre Worte weise. So auch James Bullard. Für den Fed-Chef von St. Louis ist eine Zinserhöhung „womöglich nicht weit weg“ – vorausgesetzt, die Wirtschaft entwickle sich wie erwartet.

Schon in der Pressekonferenz nach der Sitzung wurde Yellen mit der Kritik konfrontiert, sie ignoriere die deutlich gestiegene Inflation. So haben die Investoren seit März wieder das Gefühl, die Fed stehe ihnen zur Seite und nehme ein bisschen mehr Inflation in Kauf. Aber dieser Eindruck ist trügerisch.

Yellen wird sich das nächste Mal wieder am Dienstag in New York zu dem Thema äußern. Regionale Fed-Präsidenten haben ihre Vorstellungen aber schon deutlich gemacht. John Williams aus San Francisco und Dennis Lockhart aus Atlanta würden sogar eine Erhöhung im April befürworten. Patrick Harker aus Philadelphia forderte ebenfalls, mit den Zinserhöhungen weiterzumachen.

Alle drei sind zurzeit turnusgemäß nicht abstimmungsberechtigt, aber trotzdem Mitglieder des FOMC, des Ausschusses, der über die Geldpolitik entscheidet. Esther George aus Kansas City hatte im März schon abweichend für eine Erhöhung gestimmt. Hinzu kommt, dass der einflussreiche Fed-Vize Stanley Fischer bekundete, er sehe erste Anzeichen von Inflation.

Gewinner und Verlierer der Fed-Zinswende

Die Entscheidung

Die US-Notenbank Fed hat die Zinswende gewagt: Mit der ersten Anhebung seit fast zehn Jahren läutet sie das Ende der Ära des ultra-billigen Geldes ein. Auch wenn die Währungshüter die geldpolitischen Zügel nur sanft angezogen haben, hat das an den internationalen Finanzmärkten große Effekte. Hier ein Überblick über die Gewinner und Verlierer des Manövers.

Euro unter Druck

Anders als in den USA ist in der Euro-Zone der Nullzins längerfristig zementiert. Daher dürfte die Gemeinschaftswährung wohl tendenziell weiter abwerten. Hiervon profitieren die Exporteure aus der Euro-Zone, da ihre Produkte im Dollar-Raum günstiger werden.

Verschuldung in Dollar wird zum Bumerang

Höhere US-Zinsen bedeuten höhere Finanzierungskosten für Firmen, die sich in Dollar verschuldet haben. Das könnte eine zusätzliche Belastung sein es für jene Unternehmen, die keine oder nur geringe Dollar-Einnahmen hätten. Firmen in China halten Schätzungen zufolge ein Viertel ihrer Unternehmenskredite in Dollar, machen ihre Gewinne aber in Yuan.

Schwellenländer geraten unter Druck

Deren Regierungen müssen sich darauf einstellen, dass verstärkt Geld aus ihren Ländern abfließt. Sie gehörten zu den Profiteuren der bisherigen Fed-Politik, da sie lange ausländische Anleger mit hohen Zinsen und starkem Wirtschaftswachstum anlockten. Nun ziehen Investoren ihr Geld wieder ab und stecken es in US-Papiere, weil diese jetzt weiter steigende Renditen versprechen und als weniger riskant gelten. 

Kaum noch Impulse für die Wall Street

Experten fürchten, dass die Wall Street kaum noch Luft nach oben habe. Dazu sind die dortigen Aktien bereits zu teuer.

Deutsche Banken bleiben gelassen

Die deutschen Privatbanken erwarten keine direkten Auswirkungen der Fed-Entscheidung auf ihre Geschäfte. „Die Ertragsunterschiede zwischen US-Banken und deutschen Instituten sind nicht auf die Geldpolitik in beiden Ländern zurückzuführen”, sagt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Die Hauptgründe für die geringere Profitabilität der hiesigen Häuser sieht er im harten Wettbewerb und in der schwächeren Konjunktur in Europa. Die Fed sei beim Ankurbeln der Wirtschaft erfolgreicher gewesen.

Rückenwind für die Versicherer

Für Versicherer ist die US-Zinswende positiv. Denn nach Einschätzung des neuen Chefvolkswirts des Branchenverbandes GDV, Klaus Wiener, werden nun die Renditen der US-Anleihen moderat steigen. Tendenziell würden auch die Zinsen der Bundesanleihen anziehen. Für Assekuranzen bedeute das mehr Anlagechancen. Kosten für die Absicherung des Währungsrisikos zehrten allerdings einen Teil des Zinsvorteils wieder auf.

Tatsächlich hat sich am Kurs der Fed nicht viel geändert. Sie hat im März die Zinsen nicht erhöht, weil ihr das kurz nach den Kursturbulenzen der Vormonate zu riskant war und die Daten etwas schwächer als im Dezember waren. Hinzu kommt: Die Inflation ist zwar leicht gestiegen. Aber die Erwartungen der Amerikaner über künftige Preissteigerungen sind immer noch relativ niedrig. Das bedeutet nicht, dass die Fed wegschaut. Aber sie hatte Mitte März keinen Grund zur Eile.

Die Geldpolitiker haben mehr Angst vor zu niedrigen als vor zu hohen Inflationserwartungen. Wenn sie zu niedrig sind, kann die Fed nicht viel dagegen machen bei einem Zinsniveau von weniger als einem halben Prozent. Wenn sie zu sehr ansteigen würden, könnte die Fed leicht mit weiteren Zinsschritten gegensteuern.

Goldman an Fed: Sorgen um Dollar-Aufwertung sind übertrieben

Goldman an Fed

Sorgen um Dollar-Aufwertung sind übertrieben

Die US-Notenbank Fed sei zu stark auf den Dollarkurs fixiert, finden die Analysten von Goldman Sachs. Dabei stelle die Währung kein großes Risiko für die geldpolitischen Ziele der Bank dar.

Was sich seit Dezember nie geändert hat, ist der grundsätzliche Wille der Fed, die Zinsen Schritt für Schritt weiter anzuheben. Sie will zwar kurz nach heftigen Kursturbulenzen, wie in den ersten beiden Monaten des Jahres, kein Öl ins Feuer gießen. Aber auf mittlere Sicht hat die Normalisierung der Geldpolitik Vorrang vor der Rücksicht auf Börsen und Kurse.

Darauf sollten die Investoren sich einstellen. Eine weitere Zinserhöhung im April ist zwar unwahrscheinlich, aber im Juni ist alles offen, und danach erst recht.

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