Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.11.2015

17:38 Uhr

US-Zentralbank peilt Dezember an

Alles klarmachen zur Zinswende

Die Zinswende in den USA rückt näher. Eine deutliche Marktreaktion aufgrund der Leitzinsanhebung erwartet die Fed-Spitze allerdings nicht. Die Konjunktur sei stabil und verkrafte eine „moderate Erhöhung“.

Die US-Zinswende kommt vermutlich im Dezember. ap

Fed gibt deutliche Signale

Die US-Zinswende kommt vermutlich im Dezember.

New YorkFührungsmitglieder der US-Notenbank (Fed) bereiten die Finanzwelt mit immer deutlicheren Signalen auf die nahende Zinswende vor. Drei Mitglieder der Fed-Leitungsebene sprachen am Mittwoch auf einer Konferenz in New York offen über die Möglichkeit einer raschen Anhebung. Händler taxieren die Wahrscheinlichkeit, dass es im Dezember zur ersten Zinsanhebung seit knapp einem Jahrzehnt kommt, mittlerweile auf mehr als 70 Prozent.

Der Chef der Fed von New York, William Dudley, erwartet daher nicht, dass es zu Überraschungen oder gar zu deutlichen Marktreaktionen kommt, wenn die Zinsen steigen. Der Chef der Fed von Atlanta, Dennis Lockhart, der bereits im September auf eine Erhöhung gedrungen hatte, hält die Zeit nun für gekommen. Er fühle sich damit wohl, wenn die geldpolitischen Zügel bald angezogen werden sollten.

Die Konjunkturdaten seien insgesamt ermutigend und der Arbeitsmarkt habe sich im Vergleich zum Vorjahr aufgehellt. Seine Kollegin Loretta Mester von der Philadelphia Fed betonte, die US-Wirtschaft könne eine „moderate Erhöhung“ verkraften.

Die Fed-Spitze um Zentralbankchefin Janet Yellen hatte wiederholt die erste Zinsanhebung seit rund zehn Jahren in Aussicht gestellt. Yellen und ihr Stellvertreter Stanley Fischer betonten unisono, eine Abkehr von der seit Ende 2008 betriebenen Nullzinspolitik sei im Dezember durchaus möglich.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Zuvor will die Fed jedoch weitgehend sicher sein, dass die Wirtschaft stark genug dafür ist. Der Arbeitsmarkt brummt. Zudem läuft der Konsum - eine wichtige Stütze des Wachstums - rund. Auch der Immobilienmarkt hat sich deutlich erholt.

Im Oktober sank die Zahl der neu begonnenen Bauten zwar um elf Prozent. Mit einer Jahresrate von 1,06 Millionen Einheiten wird nunmehr jedoch seit sieben Monaten konstant die Millionen-Grenze überschritten. Das hat es seit 2007 nicht mehr gegeben und gilt als Anzeichen für eine nachhaltige Erholung am Markt.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×