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15.12.2016

07:19 Uhr

US-Zinsentscheid

Yellen fährt vorsichtig die Krallen aus

VonFrank Wiebe

Fed-Chefin Janet Yellen erhöht die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte – und deutet drei weitere Zinsschritte für das kommende Jahr an. Die Anleihe- und Devisenmärkten reagieren deutlich.

US-Notenbank

Yellen dreht die Zinsschraube gen Normalität

US-Notenbank: Yellen dreht die Zinsschraube gen Normalität

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WashingtonDie US-Notenbank (Fed) hat wie erwartet die Zinsen um einen Viertel Prozentpunkt auf eine Spanne zwischen 0,5 und 0,75 Prozent erhöht. Es handelt sich um die zweite Anhebung seit der Finanzkrise nach einem ersten Schritt vor genau einem Jahr. Zusätzlich haben die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses ihre Prognosen, die sogenannten Dots, für das kommende Jahr angepasst. Sie erwarten jetzt drei statt nur zwei weitere Zinsschritte für 2017 und schon für 2019 einen Anstieg auf knapp drei Prozent.

Das sei eine Überraschung, nachdem zuletzt noch zwei Erhöhungen prognostiziert worden seien, erklärte Marktstratege Lee Ferridge vom Vermögensverwalter State Street Global Advisors. Die Fed scheine es angesichts der vom künftigen US-Präsidenten Donald Trump geplanten expansiven Fiskalpolitik sowie Anzeichen eines steigenden Preisdrucks für gerechtfertigt zu halten, ein aggressiveres Ansteigen der Zinsen zu forcieren.

Am US-Rentenmarkt gerieten die Kurse von US-Staatsanleihen unter Druck: Richtungweisende zehnjährigen Papiere notierten deutlich schwächer bei 95 Prozent. Im Gegenzug stieg die Rendite auf 2,6 Prozent. Auch die Devisenmärkte reagierten deutlich auf das Fed-Votum: Der US-Dollar erhielt Rückenwind und schickte den Euro-Kurs auf Talfahrt: Die Gemeinschaftswährung rutschte kurzzeitig unter die Marke von 1,05 Dollar und kostete zuletzt 1,0528 Dollar.

Die Prognosen der Experten zeigen zudem, dass die Geldpolitiker etwas mehr Wachstum und etwas geringere Arbeitslosigkeit als bei den letzten Vorhersagen im September erwarten. Die Fed hält geheim, wer im Ausschuss welche Prognose abgegeben hat. Dem Gremium gehören außer Yellen und ihrem Stellvertreter noch die Fed-Gouverneure und die Präsidenten regionaler Ableger der Notenbank an.

Was die Fed mit ihrer Zinserhöhung bewirkt

Was ist der Leitzins der US-Zentralbank?

Der Leitzins ist der Satz, zu dem sich US-Banken untereinander Geld leihen, um ihre Reserven bei der Zentralbank auf der gesetzlich vorgeschriebenen Höhe zu halten und den sogenannten Mindestreservesatz einzuhalten. Dabei verleihen Banken, die gerade einen Reserveüberschuss bei der Fed haben, Geld an Banken, die für die Kreditvergabe auf ihre Reserven bei der Fed zurückgreifen mussten. Dabei wird häufig von Übernachtkrediten gesprochen.

Warum ist der Leitzins derzeit so niedrig?

Als die US-Wirtschaft 2007 ins Stocken geriet, senkte die Fed den Leitzins drastisch in zehn Schritten: Von 4,75 Prozent im September 2007 auf ein Rekordtief zwischen null und 0,25 Prozent im Dezember 2008. Damit wollte die US-Notenbank eine komplette finanzielle Implosion verhindern. Erst im Dezember 2015 gab es wieder eine Anhebung.

Warum wird der Leitzins geändert?

Leitzinsänderungen wirken sich auf die Wirtschaft aus, sie beeinflussen die Zinssätze für kurzfristige und langfristige Anleihen, den Wechselkurs des Dollar und eine Menge anderer Faktoren, darunter die Beschäftigung und Verbraucherpreise. Für die Zentralbank ist der Leitzins ein Instrument, um die Entwicklung von Konjunktur und Preisen in einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Liegt die Wirtschaft am Boden, können die Zentralbanker über niedrige Zinssätze und damit billiges Geld das Wachstum anschieben. Wenn die Konjunktur heiß läuft, können sie einer drohenden Inflation mit höheren Zinssätzen entgegenwirken.

Welche Vor- und Nachteile hat ein Leitzins nahe Null?

Der niedrige Zinssatz hat die Kreditvergabe erleichtert. Das billige Geld ermutigte zum Haus- und Autokauf und half damit dem Wohnungsbau und der Automobilindustrie. Auf der anderen Seite treffen die niedrigen Zinsen jedoch die Ersparnisse und Vermögenswerte der Verbraucher, die kaum noch Rendite bekommen. Gleichzeitig können sie die Voraussetzung für eine neue Inflation schaffen.

Welche Folgen wird eine Zinserhöhung haben?

Die Auswirkungen dürften sich in den USA in Grenzen halten. An den Finanzmärkten wird die Anhebung seit Längerem erwartet und ist eingepreist. Auch die Investitionen etwa in Immobilien werden nach Ansicht von Analysten nicht spürbar gebremst, da die Erhöhung nur gering ausfallen dürfte. Für Verbraucher, die einen Immobilienkredit aufgenommen haben, ändert sich wenig, da in den USA inzwischen eine längerfristige Zinsbindung üblich ist. Manche Analysten sehen Probleme auf Schwellenländer zukommen – höhere Leitzinsen machen in Dollar notierte Anlageprodukte attraktiver.

Quelle: Reuters

Yellen gilt seit langem als „Taube“, als Vertreterin einer weichen Geldpolitik. Die neue Entscheidung gibt ihr etwas mehr den Anstrich eines „Falken“ – sie wirkt also mehr als Vertreterin einer harten Geldpolitik. Torsten Slok von der Deutschen Bank spricht von einem „hawkish hike“, einer falkenhaften Zinsanhebung. Er erwartet als Reaktion ein Anziehen der kurzfristigen, aber nicht unbedingt der langfristigen Zinsen und einen Aufwärtstrend für Aktien, den Dollar und den Ölpreis.

Die Fed-Chefin fährt die Krallen aber sehr vorsichtig aus. Sie betont, die Geldpolitik unterstütze weiter die US-Wirtschaft. Mit Blick auf die Prognosen spricht sie von „kleinen Veränderungen“, räumt aber ein, dass dabei neben der Verbesserung der wirtschaftlichen Daten auch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten eine Rolle gespielt habe. Seit der Wahl im November gehen die Märkte von mehr Wachstum und höherer Inflation aus, getrieben durch eine steigende Staatsverschuldung.

Während Yellen wie andere Geldpolitiker früher hin und wieder einen stärkeren Beitrag der Finanzpolitik zur Gesundung der Wirtschaft gefordert hat, gibt sie sich jetzt deutlich vorsichtiger. Sie will offensichtlich Trump nicht auch noch dazu antreiben, die USA tiefer in die Verschuldung zu führen. Bei einer Arbeitslosigkeit von 4,6 Prozent sei ein Anschub durch die Finanzpolitik „nicht nötig“, sagt sie.

Kommentare (5)

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15.12.2016, 08:06 Uhr

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15.12.2016, 08:29 Uhr

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15.12.2016, 10:55 Uhr

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