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13.09.2015

15:57 Uhr

US-Zinswende und die Börse

„Unnötig wie ein Kropf“

VonJessica Schwarzer

Unklarheiten mögen Börsianer nicht, Verwirrung schon gar nicht. Doch die US-Notenbank stiftet Unruhe: Kommt die Zinserhöhung nächste Woche oder nicht? Was Beobachter erwarten, je nachdem wie die Antwort ausfällt.

„Unnötig wie ein Kropf“, sagt mancher Börsenbeobachter zu einer Zinserhöhung in den USA. Imago

Fregattvogel

„Unnötig wie ein Kropf“, sagt mancher Börsenbeobachter zu einer Zinserhöhung in den USA.

DüsseldorfSo mancher Börsianer wünscht sich in diesen Tagen wohl eine Glaskugel oder möchte doch zumindest Mäuschen spielen, wenn die Chefin der amerikanischen Notenbank Fed, Janet Yellen, sich mit den Gouverneuren der regionalen Notenbanken austauscht. Doch kein (klärendes) Wort dringt nach Außen, stattdessen: Unklarheit, Spekulationen, Verwirrung.

Kaum ein Thema bewegt die Märkte aktuell mehr als die erwartete Zinswende in den USA, abgesehen von den Sorgen um die chinesische Konjunktur. Wenige Tage vor der seit Jahren wichtigsten Entscheidung der amerikanischen Notenbank blicken Börsianer nach Washington und warten auf ein Signal. Doch es kommt keins. Kein Wunder, dass die New Yorker Börse in ihren Einschätzungen tief gespalten ist. Das gilt nicht nur für die Frage, ob die Währungshüter von ihrer seit sieben Jahren durchgehaltenen Nullzinspolitik abweichen, und vor allem wann. Auch die Folgen einer möglichen Zinserhöhung schätzen die Investoren völlig unterschiedlich ein.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Hedgefonds-Titan Ray Dalio sieht die Zinserhöhung als „historischen Fehler“ angesichts einer anfälligen Weltwirtschaft und erwartet, dass die Federal Reserve das Ruder schon bald abrupt herumreißen und wieder Geld drucken wird. Mit dieser Einschätzung ist er an der Wall Street nicht alleine. Auch hierzulande gibt es deutliche Kritik an der Politik der Fed. „Die US-Leitzinswende ist so unnötig wie ein Kropf“, schreibt beispielsweise Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank in seinem wöchentlichen Kapitalmarktmonitor. „Volkswirtschaftlich sind die Argumente für Zinserhöhungen in den USA rar gesät.“ Neben einem ohnehin schwächeren weltkonjunkturellen Umfeld leide Amerika zusätzlich unter dem starken, exportschädlichen US-Dollar.

Unklar ist ja auch, wie stark und wie oft die Fed an der Zinsschraube dreht. Christina Böck, Anlagestrategin bei Axa Investment Managers, glaubt, dass die Zentralbanken in den wichtigsten Regionen auch in der näheren Zukunft keine Eile haben, ihre expansive Politik zu ändern. Die Fed werde darum erst im Dezember eine erste Zinserhöhung vornehmen, so Böck, und die Wertpapierkäufe der EZB werden noch für weitere zwölf Monate Liquidität in die Märkte bringen.

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Die Notenbank-Welt ist aus den Fugen – es ist an der Fed-Chefin, ein Zeichen zu setzen: Die US-Notenbank sollte sich über alle Bedenken hinwegsetzen und die Zinsen anheben. Warum die Zeit dafür reif ist. Eine Analyse.

Doch es gibt durchaus Experten, die sich für eine Zinswende aussprechen. Citigroup-Volkswirt William Lee beispielsweise ist der Auffassung, dass die Wirtschaft sieben Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise stark genug ist und höhere Zinsen vertragen kann. Eine Anhebung nächste Woche wäre der erste Schritt in einer Reihe von mehreren Zinserhöhungen im Laufe des nächsten Jahres.

Zwei Meinungen, zwei Lager und ungewöhnlich große Unsicherheit an der Börse. Scotiabank-Stratege Guy Haselmann hat, wie er sagt, in knapp drei Jahrzehnten an der Wall Street noch nie eine solche Verwirrung erlebt. Einen großen Teil davon führt er auf die unterschiedlichen Signale aus, die die Fed vor einiger Zeit ausgesandt hat. Während an einem Tag ein Fed-Vertreter die Vorteile einer späteren Zinserhöhung anpries, kam am nächsten Tag ein anderer Vertreter der Notenbank und forderte sofortiges Handeln. Kurz vor der alles entscheidenden Sitzung herrscht Ruhe, was die Verwirrung auch nicht mildert.

Die extremen Unterschiede bei der Einschätzung der Situation durch die Experten zeigt auch, wie viel auf dem Spiel steht. Wenn die amerikanischen Notenbanker mit ihrer Entscheidung falsch liegen, könnten sie die Konjunktur abwürgen und auch ihrer eigenen Glaubwürdigkeit großen Schaden zufügen.

Die Fed will ihre Entscheidung am 17. September nach einer zweitägigen Sitzung bekanntgeben. Bei Handelsschluss am Donnerstag sahen Futures-Händler eine Wahrscheinlichkeit von 28 Prozent für eine Anhebung um einen viertel Prozentpunkt auf eine Spanne von 0,25 Prozent bis 0,50 Prozent. Analysten sind sich etwas sicherer, dass die Fed die Zinsschraube anziehen wird. In einer Bloomberg-Umfrage unter 81 Analysten rechnete etwa die Hälfte der Befragten mit einer Zinsanhebung. Die andere glaubt es nicht.

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