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21.06.2015

17:48 Uhr

Verluste vermeiden, Gewinne ignorieren

Warum wir das Sparbuch jeder Rendite vorziehen

VonDieter Schnaas, Christopher Schwarz, Christof Schürmann
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Die Hyperinflation der 1920er Jahre hat sich ebenso tief in die Anlagepsyche der Deutschen gegraben wie die Lehman-Pleite. Vom Aktienboom wollen sie nicht profitieren. Finanzieller Wahnsinn? Nein, eher Aufgeklärtheit.

Eine schwierige Geschichte: die Deutschen und die Aktien. IMAGO

Aktien oder Sparbuch?

Eine schwierige Geschichte: die Deutschen und die Aktien.

DüsseldorfJo Lendle, der Hanser-Verleger, hat einmal in der WirtschaftsWoche bekannt, dass er zu Aufbau und zur Pflege seines Privatvermögens ein ironisch-distanziertes Verhältnis hat. Auf die Frage „Aktien oder Gold?“ erwiderte er mit sanfter Koketterie: „Müder Blick meines Bankberaters: Anlegen ist nicht so Ihr Ding, oder?“ Das ist herrlich gekontert und trefflich ausgedrückt. Denn es führt weg von den Kategorien „Risikoscheu“, „Verlustaversion“ und „Finanz-Analphabetismus“, mit denen Ökonomen, Unternehmer und Banker die Deutschen seit Jahren traktieren, auch weg von den küchenpsychologischen Befunden der Vulgärliberalen, in Deutschland gediehen „Reichtumsneid“ und „antikapitalistische Reflexe“ besonders gut.

Echte Anleger sind...

...gelassen

"Sie wissen, dass Aktienkurse von allen möglichen unvernünftigen Kräften beeinflusst werden, dass sie ebenso fallen wie steigen können und dass das auch für Aktien gilt, die sie selbst besitzen. Wenn das passiert, reagieren sie darauf mit Gleichmut. Sie wissen, dass der Preis wieder zurückkommt, solange das Unternehmen die Eigenschaften behält, die sie als Anleger zunächst angezogen hatten."

...geduldig

"Anstatt sich von der Begeisterung der Menge mitreißen zu lassen, warten echte Anleger die richtige Gelegenheit ab. Sie sagen öfter Nein als Ja."

...rational

"Sie gehen auf der Basis klaren Denkens an den Markt und die Welt heran. Sie sind weder übermäßig pessimistisch noch irrational optimistisch; sie sind vielmehr logisch und rational."

Quelle: Robert G. Hagstrom, "Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie.", Börsenbuchverlag 2011.

„Anlegen ist nicht so Ihr Ding“ – das ist eine profane Alltagsbeobachtung und zugleich eine Tiefenbohrung in die Kollektivseele: Die meisten Deutschen finden den Erwerb und die Vermehrung von Geld, überhaupt alles, was nach Finanzwelt riecht, nicht wirklich spannend. Mehr noch: Gelddinge sind ihnen so lästig wie eine Stubenfliege. Sie sortieren den Finanzteil der Zeitung als Erstes aus, reichen die Steuererklärung an ihren Steuerberater weiter, wechseln weder Krankenkasse noch Stromanbieter, überfliegen widerwillig ihre Kontoauszüge und entsorgen die monatlich ins Haus flatternden Anlagetipps der Sparkasse mit den Werbeprospekten. Vier von zehn Deutschen halten Geldanlage für ein notwendiges Übel, so eine Studie der großen deutschen Direktbanken. Aber warum?

Nicht, dass die Deutschen Wohlstand und Prosperität verachten würden. Im Gegenteil, sie wissen sehr genau, dass materielle Sicherheit und stabile Finanzen die Grundbedingungen für die Kultivierung eines guten, schönen Lebens sind. Eben drum kalkulieren sie mit dem, was sie haben, statt auf das zu spekulieren, was sie haben könnten.

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Der Deutsche lebt gern im Indikativ. Er will lieber keine Überraschungen erleben, als zwei gute und eine böse. Er freut sich auf die nächste Gehaltsüberweisung. Sie beschert ihm, Monat für Monat, das unendliche Glück, Wochenende für Wochenende mit seinen Kindern im Schlosspark spazieren gehen, auf dem Markt einkaufen oder im Manufactum-Katalog blättern zu können – das unendliche Glück, sich in seiner Freizeit nicht mit fallenden Ölpreisen und Deflationsängsten belasten, sein Privatleben nicht mit Stop-Loss-Ordern und Schulter-Kopf-Schulter-Formationen behelligen zu müssen.

Es ist den Deutschen so unverständlich wie egal, dass Finanzverwalter, Spekulanten (und Börsenjournalisten) ihr ausgeprägtes Desinteresse wie eine narzisstische Kränkung empfinden: Aber der Dax-Index hat seinen Wert seit dem jüngsten Tief vor sechs Jahren verdreifacht! Die Unternehmen schütten reiche Dividenden aus! Warum aber ist hierzulande nur jeder neunte Arbeitnehmer im Besitz von Unternehmensanteilen, während es in Schweden, Großbritannien und den USA jeder dritte oder vierte ist? Hätten die Deutschen von 2001 an nur jeden vierten Spar-Euro in Aktien investiert, hätten sie zwei Jahre lang ihre Benzinrechnung bezahlen können! Und?

Kommentare (6)

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Herr Christoph Weise

22.06.2015, 07:28 Uhr

Viele "Anleger" ahnen, dass die Entwicklung der Börsenindizes nur eine Wahrheit ist und dass nach der Abzocke von Banken (Gebühren), Staat (Steuern) und High-Frequency-Tradern (Wegelagerern) nur noch wenig übrig bleibt. Während diese drei Gruppen sichere Gewinner jedes Aktienkaufs und Aktienverkaufs sind, trifft den "Anleger" ganz alleine das Risiko, im Extremfall das Risiko des Totalverlusts. Diese simple Tatsache hätte es es durchaus auch in die Zeitung schaffen können, die von keinem Geringeren als Gabor Steingart herausgegeben wird - einem der Wenigen, welche die wirtschaftlichen Zusammenhänge (von solchen platten Wahrheiten einmal ganz abgesehen) wirklich verstehen

Herr walter rehm

22.06.2015, 08:20 Uhr

Würden sie alle knappe Calls kaufen...gäbe es solche Artikel nicht...mit knappen Calls Renditen von über200% in wenigen Minuten keine Seltenheit....morgens kaufen...NACHmittags verkaufen...es ist so einfach...noch einfacher mit Hochfrequenzrechnern der Reichen....mit Programmen und immerwährendem Gewinn in deren Selbstbedienungsladen...gehandlet wird mit System und Technik...emotionslos und vollautomatisch...Gewinne in Nanosekunden...es ist so einfach

Herr Tom Bauer

22.06.2015, 09:39 Uhr

Langer Text kurzer Zusammenhang:

Der Deutsche beteiligt sich lieber am Fremdkapital als am Eigenkapital.
Das ist rein formal auch sicherer, hat aber weniger Renditechance.
Ich führe das aber auf das typisch deutsche, das Ängstliche zurück: "An einer Firma beteiligen? Selbst in die Verantwortung und somit ins Risiko. Das sollen andere tragen!"

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