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04.02.2016

00:20 Uhr

Verschärfte Konditionen

Fed wird immer vorsichtiger

VonFrank Wiebe

Bill Dudley, Präsident der Federal Reserve New York und damit einer der maßgeblichen Entscheidungsträger der US-Notenbank, warnt vor härteren Finanzierungsbedingungen und stellt eine rasche Zinserhöhung in Frage.

William (Bill) Dudley, Präsident der Federal Reserve New York, stellt eine rasche Zinserhöhung in Frage. Reuters

William C. Dudley

William (Bill) Dudley, Präsident der Federal Reserve New York, stellt eine rasche Zinserhöhung in Frage.

New YorkWenn die Märkte verrücktspielen, lässt die US-Notenbank (Fed) das theoretisch kalt. Aber praktisch besehen muss sie sich immer die Frage stellen, was diese Turbulenzen über die reale Wirtschaftsentwicklung aussagen.

Bill Dudley, Präsident der Fed New York und damit einer der wichtigsten Entscheidungsträger zusammen mit Fed-Chefin Janet Yellen und ihrem Stellvertreter Stanley Fischer, hat sich zu dem Thema noch etwas besorgter geäußert als seine Kollegen. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur MNI stellte er die entscheidende Frage: „Tun die Finanzmärkte, was sie tun, als Reaktion auf reale Entwicklungen in der Weltwirtschaft?“ Wenn ja, muss die Fed davon ausgehen, dass die Probleme anhalten. Und dann wird sie sich schwertun mit weiteren Zinserhöhungen nach dem ersten, kleinen Schritt im Dezember.

Gewinner und Verlierer der Fed-Zinswende

Die Entscheidung

Die US-Notenbank Fed hat die Zinswende gewagt: Mit der ersten Anhebung seit fast zehn Jahren läutet sie das Ende der Ära des ultra-billigen Geldes ein. Auch wenn die Währungshüter die geldpolitischen Zügel nur sanft angezogen haben, hat das an den internationalen Finanzmärkten große Effekte. Hier ein Überblick über die Gewinner und Verlierer des Manövers.

Euro unter Druck

Anders als in den USA ist in der Euro-Zone der Nullzins längerfristig zementiert. Daher dürfte die Gemeinschaftswährung wohl tendenziell weiter abwerten. Hiervon profitieren die Exporteure aus der Euro-Zone, da ihre Produkte im Dollar-Raum günstiger werden.

Verschuldung in Dollar wird zum Bumerang

Höhere US-Zinsen bedeuten höhere Finanzierungskosten für Firmen, die sich in Dollar verschuldet haben. Das könnte eine zusätzliche Belastung sein es für jene Unternehmen, die keine oder nur geringe Dollar-Einnahmen hätten. Firmen in China halten Schätzungen zufolge ein Viertel ihrer Unternehmenskredite in Dollar, machen ihre Gewinne aber in Yuan.

Schwellenländer geraten unter Druck

Deren Regierungen müssen sich darauf einstellen, dass verstärkt Geld aus ihren Ländern abfließt. Sie gehörten zu den Profiteuren der bisherigen Fed-Politik, da sie lange ausländische Anleger mit hohen Zinsen und starkem Wirtschaftswachstum anlockten. Nun ziehen Investoren ihr Geld wieder ab und stecken es in US-Papiere, weil diese jetzt weiter steigende Renditen versprechen und als weniger riskant gelten. 

Kaum noch Impulse für die Wall Street

Experten fürchten, dass die Wall Street kaum noch Luft nach oben habe. Dazu sind die dortigen Aktien bereits zu teuer.

Deutsche Banken bleiben gelassen

Die deutschen Privatbanken erwarten keine direkten Auswirkungen der Fed-Entscheidung auf ihre Geschäfte. „Die Ertragsunterschiede zwischen US-Banken und deutschen Instituten sind nicht auf die Geldpolitik in beiden Ländern zurückzuführen”, sagt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Die Hauptgründe für die geringere Profitabilität der hiesigen Häuser sieht er im harten Wettbewerb und in der schwächeren Konjunktur in Europa. Die Fed sei beim Ankurbeln der Wirtschaft erfolgreicher gewesen.

Rückenwind für die Versicherer

Für Versicherer ist die US-Zinswende positiv. Denn nach Einschätzung des neuen Chefvolkswirts des Branchenverbandes GDV, Klaus Wiener, werden nun die Renditen der US-Anleihen moderat steigen. Tendenziell würden auch die Zinsen der Bundesanleihen anziehen. Für Assekuranzen bedeute das mehr Anlagechancen. Kosten für die Absicherung des Währungsrisikos zehrten allerdings einen Teil des Zinsvorteils wieder auf.

Laut Dudley ist es noch zu früh, diese Frage zu beantworten. Fest steht seiner Meinung nach aber, dass sich die Finanzierungskonditionen bereits verschärft haben. Zwar sind die Zinsen im langfristigen Bereich kaum gestiegen, doch durch die Panik an den Märkten haben sich die Risikoaufschläge, die Unternehmen auf ihre Anleihen zahlen müssen, deutlich ausgeweitet. „Wenn die Finanzierungskonditionen so bleiben, müssen wir das bei unserer nächsten Sitzung im März berücksichtigen“, sagte Dudley und gab damit einen relativ klaren Hinweis auf die Diskussionslage innerhalb der Fed.

Die Notenbank hatte noch im Dezember die Erwartung gehegt, im Jahr 2016 die Zinsen viermal anzuheben, was einem Anstieg in Viertelschritten auf 1,25 Prozent entsprechen würde. Die Investoren gehen eher von zwei Schritten aus, nach den jüngsten Turbulenzen möglicherweise von noch weniger.

Nach ihrer Januar-Sitzung hatte die Fed in ihrem Statement bereits betont, sie beobachte sehr sorgfältig die wirtschaftliche Entwicklung. Außerdem stellte sie dort erstmals klar heraus, sie erwarte kurzfristig keinen Anstieg der Inflationsrate. Weil die weit unter der gewünschten Marke von zwei Prozent liegt, hatte die Fed damit de facto schon die Zinserhöhung im März abgesagt. Fischer äußerte sich vor Kurzem ebenfalls sehr vorsichtig.

Ölpreissturz hinterlässt Spuren: US-Unternehmen verbuchen weniger Gewinn

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Seit drei Quartalen sinken bei den US-Konzernen die Überschüsse. Nach den Energieriesen leiden auch viele exportstarke Industrie- und Konsumgüterfirmen. Die Kursrückgänge an den Börsen beunruhigen die Anleger.

Ökonomen fragen sich inzwischen nicht nur, inwieweit die Turbulenzen an den Märkten reale Entwicklungen widerspiegeln. Sie sorgen sich auch, dass die Kurseinbrüche selbst auf die breite US-Wirtschaft zurückwirken. Torsten Slok von der Deutschen Bank etwa verweist auf eine Studie von Roger Farmer, nach der Kurseinbrüche im Endeffekt häufig zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt haben. Sollte das eintreten, wäre die Fed endgültig in der Sackgasse, weil sie ihre Zinserhöhungen nur mit dem bisher starken Arbeitsmarkt begründet hat. In dem Zusammenhang stimmt auch bedenklich, dass es in den USA erste Anzeichen für ein Übergreifen der wirtschaftlichen Schwäche im Industriesektor auf den Dienstleistungssektor gibt.

Die Fed steht vor schwierigen Entscheidungen. Yellen möchte endlich die Jahre anhaltende sehr weiche Geldpolitik normalisieren. Sie will sich damit Spielraum verschaffen, um bei künftigen Krisen reagieren zu können – je höher der Leitzins ist, desto deutlicher kann er im Bedarfsfall gesenkt werden.

Hinzu kommt, dass die Geldpolitik gerade im Wahljahr unter Beschuss der Politik steht. Republikaner wie der Präsidentschaftskandidat Ted Cruz stehen der Fed feindlich gegenüber. Vor dem Hintergrund wäre es wichtig, die Kritik an einer angeblich zu weichen Zins-Politik entkräften zu können. Auf der anderen Seite werden die Fed-Granden aber seit der Finanzkrise von der Angst getrieben, das Land könnte in eine Deflation abrutschen, die mit real steigender Schuldenlast und einer Lähmung der Wirtschaft verbunden ist.“

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