Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.12.2012

15:47 Uhr

Allianz und Provinzial

Angst vor dem Ausverkauf

VonThomas Schmitt

Lange lagen Fusionspläne bei den Sparkassenversicherern auf Eis. Nun bringt ein gemeinsamer Feind die Kontrahenten wieder an einen Tisch: Das Übernahmeangebot der Allianz ist abgeschmettert, aber viele Hürden bleiben.

Die Feuerwehr hilft der Provinzial gegen die Allianz: „Wir sind überrascht über eine mögliche Verkaufsabsicht der Eigentümer, die Provinzial Versicherung an einen privaten Investor zu verkaufen“, erklärt Dr. Jan Heinisch, Vorsitzender des Verbandes der Feuerwehren in NRW. Foto: Verband der Feuerwehren in NRW

Die Feuerwehr hilft der Provinzial gegen die Allianz: „Wir sind überrascht über eine mögliche Verkaufsabsicht der Eigentümer, die Provinzial Versicherung an einen privaten Investor zu verkaufen“, erklärt Dr. Jan Heinisch, Vorsitzender des Verbandes der Feuerwehren in NRW. Foto: Verband der Feuerwehren in NRW

DüsseldorfWenn es brennt, kommt die Feuerwehr. Das ist auch bei der Provinzial Nordwest so. Der Versicherer sollte an die Allianz verkauft werden. Doch davon halten die Brandexperten gar nichts. Das wäre nicht zum Wohle der Menschen in der Region, rufen sie.

Denn dann gäbe es wohl keine Hochstrahlrohre mehr, mit denen in den vergangenen Jahren alle Feuerwehren in Westfalen dank der Unterstützung des Versicherers ausgerüstet wurden. Oder Wärmebildkameras und mobile Rauchverschlüsse. Ganz zu schweigen von Info-Mobilen für Schul- und Stadtfeste, ein Unwetterfrühwarnsystem sowie zinsgünstige Darlehen für Feuerwehrhäuser und Fahrzeuge. Von Zuschüssen zu Jugendzeltlagern und Jubiläen einmal ganz abgesehen.

Kurzum: „Ohne diese Förderungen, die dem Gemeinwohl zugutekommt, würde in vielen Fällen die Arbeit in den Feuerwehren leiden und damit für die Städte und Gemeinden als Träger der Feuerwehren eine nicht unerhebliche zusätzliche finanzielle Belastung bedeuten“, sagt Hans-Peter Kröger, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV).

Die Aktion der Feuerwehr ist die ungewöhnlichste Solidaritätsadresse für den mittelgroßen Versicherer aus Münster. Die Provinzial Nordwest war vergangene Woche in die Schlagzeilen geraten, weil der Allianz-Konzern an dem Unternehmen interessiert ist. Mehr als zwei Milliarden Euro würde der größte Versicherer Europas auf den Tisch legen, um den Sparkassen- und Landschaftsverbänden das Unternehmen abzukaufen.

Chronik: Der Kampf um die Provinzial

Der Versicherer

Die Provinzial Nordwest ist der zweitgrößte Versicherer im Sparkassenlager. Die Gesellschaft mit Sitz in Münster und Kiel nimmt im Jahr drei Milliarden Euro an Prämien ein. Besonders stark ist das Unternehmen in ihren Verkaufsregionen in der Schaden- und Unfallversicherung.

Quellen: dpa, Reuters, dapd, Bloomberg

Die Attacke

30. November
Europas größter Versicherer Allianz greift der „Financial Times Deutschland“ zufolge nach dem großen regionalen Versicherer Provinzial Nordwest. Wie das Blatt berichtet, wollen die Münchner das Unternehmen für 2,25 Milliarden Euro kaufen. Der Konzern lehnte am Freitag jede Stellungnahme dazu ab. Die Kommunen in Westfalen wollen ihr zur Sparkassenfinanzgruppe gehörendes Unternehmen aber wohl nicht einfach preisgeben.

Der Nachschlag

3. Dezember
Europas größter Versicherer Allianz will einem Pressebericht zufolge sein Übernahmeangebot für den Sparkassen-Versicherer Provinzial Nordwest aufstocken. Nach Informationen der „Financial Times Deutschland“ ist der Konzern nun bereit, deutlich mehr als den zunächst gebotenen Buchwert von 2,25 Milliarden Euro zu zahlen.

Der Strippenzieher

4. Dezember
Rolf Gerlach hat sein Ziel erreicht: Die Provinzial Nordwest, Deutschlands zweitgrößter Sparkassen-Versicherer, ist in aller Munde. Die Verhandlungen, die der Präsident des westfälischen Sparkassenverbandes mit dem Versicherungsriesen Allianz über einen Verkauf der Provinzial führt, haben die ganze Branche aufgescheucht. Doch viele in der Branche halten Gerlachs Vorstoß für ein rein taktisches Manöver.

Das Interesse

4. Dezember
Der zweitgrößte Sparkassen-Versicherer in Deutschland könnte verkauft werden. Die Eigentümer der Provinzial Nordwest bestätigten am Dienstag erstmals ein "Interesse aus dem Versicherungslager" an dem Münsteraner Unternehmen.

Der Vorstandschef

5. Dezember
Der Vorstandsvorsitzender der Westfälischen Provinzial-Versicherung, Ulrich Rüther, kam am Mittwochmorgen in ein Krankenhaus. Rüther sei mit einem Schraubenzieher in die Brust gestochen worden, sagte der Betriebsratsvorsitzende Albert Roer in Münster. „Glücklicherweise waren die Verletzungen nur oberflächlich“, teilte Oberstaatsanwalt Heribert Beck in Münster mit.

Die Gewerkschaften

5. Dezember
Im Ringen um die Zukunft der Versicherung Provinzial Nordwest rechnet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit einer Entscheidung für Verkaufsgespräche. "Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche eine Entscheidung für Verkaufsgespräche getroffen wird", sagte Frank Fassin, der für Verdi im Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest sitzt.

Die Proteste

5. Dezember
In Kiel zogen nach einer Betriebsversammlung fast tausend Mitarbeiter der Provinzial in Sorge um ihre Arbeitsplätze durch die Innenstadt. Eine Übernahme durch die Allianz wäre für Verdi und Betriebsrat „eine mittelschwere Katastrophe“, sagte der Landesleiter von Verdi Nord, Frank Schischefsky. Die Gewerkschaft kündigte einen harten Kampf an. „Wir werden alles tun, um die Provinzial zu erhalten“, sagte Schischefsky.

Die Gegenposition

10. Dezember
Der Vorsitzende des Verbands öffentlicher Versicherer, Ulrich-Bernd Wolff von der Sahl: "Der große Vorteil des Sparkassen-Finanzverbunds liegt in der Geschlossenheit aller Sparkassen und Verbundunternehmen". Er glaube bei einem Verkauf eines öffentlichen an einen privaten Versicherer nur an einen kurzfristigen positiven Effekt für die Eigentümer.

Die Politik

10. Dezember
Politik und Sparkassen wollen die Übernahme der Provinzial Nordwest durch die Allianz mit einem eigenen Fusionsplan vereiteln. Die Sparkassen-Versicherer Provinzial Nordwest und Provinzial Rheinland sollen bis Ende März 2013 Chancen auf einen Zusammenschluss ausloten, wie die nordrhein-westfälische Landesregierung nach einem Treffen in der Staatskanzlei mitteilte.

Der Dämpfer

Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe hat sich für Verhandlungen über einen Zusammenschluss des öffentlich-rechtlichen Versicherers Provinzial Nordwest mit der Provinzial Rheinland ausgesprochen. Übernahmepläne der Allianz erhalten damit einen weiteren Dämpfer.

Das Geständnis

Der Schraubenzieher-Angriff auf den Vorstandschef des Versicherungskonzerns Provinzial Nordwest, Ulrich Rüther, hat nie stattgefunden. Rüther habe den Angriff erfunden, teilten Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft Münster am Dienstag mit. Er habe dies gegenüber den Behörden damit begründet, dass die Turbulenzen bei der Provinzial "enorme Auswirkungen auf seine Familie" hätten.

Schon die Absicht brachte nicht nur die Region rund um Münster auf die Barrikaden, sondern auch andere Teilen der Republik. Überall dort, wo die Provinzial Nordwest tätig ist: Nicht nur in Westfalen agiert das Unternehmen, auch in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sind Provinzial-Vertreter aktiv. Wie aufgewühlt die Menschen waren, kam daher auch schnell in der Politik an. Die sorgte dann am Montag überraschend schnell für etwas Entspannung und bereitete eine schnelle Entscheidung heute in Kiel vor.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

oohpss

12.12.2012, 13:48 Uhr

Im Bild heißt es:
"Der Vorstandschef des Sparkassenversicherers Provinzial Nordwest, Ulrich Rüther. Ein Unbekannter hat ihn am Mittwoch in Münster attackiert. Der Manager wurde in ein Krankenhaus gebracht. "

Einige Zeilen weiter dagegen:
"Provinzial-Chef täuscht Angriff vor
Verletzungen mit einem Schraubenzieher hat sich der Manager selbst zugefügt."

Es wäre toll, wenn die Redaktion anerkennen würde, dass der Provonzial-Chef kein Unbekannter ist ...

CHR

13.12.2012, 17:55 Uhr

2. Seite, 2. Absatz:
"Anteilseigner sind neben dem Kieler Verband die Sparkassenverbände Westfalen-Lippe, der Rheinische Sparkassen- und Giroverband sowie der Ostdeutsche Sparkassen- und Giroverband."
Richtig ist, dass der Landschaftsverband Westfallen-Lippe und nicht der Rheinische Sparkassen- und Giroverband Anteilseigner der Provinzial NordWest ist.

Account gelöscht!

14.12.2012, 06:34 Uhr

Zumindest versteht der gemeine Leser bei diesem regional westfälischem Engagement jetzt besser, warum Provinzial etwa 30% über durchschnittlichem Marktpreisniveau liegt.

Dabei sind Gelder für einen, wie gestern beschrieben, höchst kapriziösen Vorstand oder zur zusätzlichen Altersabsicherung aller Agenturinhaber in Höhe eines 1/20 des jeweilig gesamten Agenturbestandes pro Kalenderjahr Zugehörigkeit noch das mindeste ...

In diesem Sinne Ihnen allen noch einen weiteren schönen frühwinterlichen Adventszeitarbeitstag.
_____________________________
Ihr Versicherungsmaklerbureau

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×