Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.10.2016

19:48 Uhr

AOK und TK

Streit um Kassenfinanzen entbrannt

Lassen Kassen wie die regionalen AOK-Zweige ihre Patienten auf dem Papier von Ärzten kranker machen, um mehr Geld zu kriegen? Die TK hat schweres Geschütz aufgefahren – nun setzen sich die Angegriffenen zur Wehr.

Kurz vor der Entscheidung über die Höhe der neuen Krankenkassenbeiträge lassen die Unternehmen kein gutes Haar an Konkurrenten. dpa

Schlacht der Krankenkassen

Kurz vor der Entscheidung über die Höhe der neuen Krankenkassenbeiträge lassen die Unternehmen kein gutes Haar an Konkurrenten.

BerlinKurz vor der Weichenstellung für die Höhe der Krankenkassenbeiträge im kommenden Jahr streiten Kassen und Politik über die milliardenschweren Geldströme für Gesundheit. Die AOK attackierte den Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, wegen dessen Manipulationsvorwürfen gegen die gesetzlichen Kassen heftig. Baas wolle nur eine Änderung der Finanzregeln für die Kassen, sodass die TK künftig einen günstigeren Zusatzbeitragssatz im Krankenkassen-Wettbewerb anbieten kann, sagte AOK-Chef Martin Litsch am Montag in Berlin.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz stellte nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen die TK und weitere Krankenkassen bei Staatsanwalt Hamburg. Möglich sei eine Strafbarkeit wegen schweren Betrugs, sagte Vorstand Eugen Brysch.

Baas hatte gesagt: „Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren.“ Dann gebe es mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich.

Baas machte deutlich, dass regionale Kassen diese Schummelei besonders intensiv betrieben. „Sie bekommen 2016 voraussichtlich eine Milliarde Euro mehr (über den Risikostrukturausgleich) als sie für die Versorgung ihrer Versicherten benötigen.“ Baas meint dabei wohl vor allem die Kassen der AOK.

Techniker Krankenkasse: Gesetzliche Versicherer mogeln angeblich bei der Abrechnung

Techniker Krankenkasse

Gesetzliche Versicherer mogeln angeblich bei der Abrechnung

Laut Techniker-Krankenkasse schummeln gesetzliche Versicherer bei der Abrechnung: Um an mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu kommen, lassen Krankenkassen ihre Patienten demnach kränker erscheinen, als sie sind.

AOK-Chef Litsch warf der TK im Gegenzug vor, auf gesunde Patienten zu setzen, um Geld zu sparen. Diese „Risikoselektion zulasten von chronisch Kranken“ lohne sich aber nicht mehr. Das passe Baas offenbar nicht.

Hintergrund ist, dass die finanziellen Milliardenströme für die Krankenkassen sich auch danach richten, ob eine Kasse viele chronisch Kranke hat. Dann bekommt diese Kasse mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds. Das ist der Ausgleich für die Risikostruktur.

In dieser Woche kommt der Schätzkreis für die gesetzlichen Kassen zusammen. Am Donnerstag soll dann feststellen, wie hoch der Zusatzbeitrag für die Kassen im Schnitt im kommenden Jahr liegen muss, damit die Versicherungen ihre Leistungen zahlen können. Abweichungen vom Durchschnitt nach oben oder unten können eine Kasse im Wettbewerb bedrohen oder nach vorne bringen. Der Risikostrukturausgleich spielt dabei aber eine wichtige Rolle.

Die SPD verteidigte den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen als unverzichtbar. „Er wird seit jeher vor allem von denjenigen kritisiert, die sich als Einzahler sehen“, sagte die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis. Er müsse aber weiterentwickelt werden. Honorar für die Ausstellung falscher Diagnosen dürfe nicht fließen.

Krankenkassen: Zusatzbeitrag könnte 2017 doch stabil bleiben

Krankenkassen

Zusatzbeitrag könnte 2017 doch stabil bleiben

Entgegen bisheriger Berechnungen könnte der Zusatzbeitrag der Kassen im kommenden Jahr doch nicht steigen. Höhere Einnahmen und ein verhaltenes Ausgabenplus sollen die Krankenkassen unerwartet entlastet haben.

Die Transparenzorganisation Transparency International Deutschland forderte Justiz und Politik auf, Missbrauch öffentlicher Ressourcen durch falsche Diagnosen und höhere Ausgleichzahlungen zu unterbinden.

Die kommunalen Krankenhäuser warfen den Krankenkassen systematischen Abrechnungsbetrug vor und verlangten umgehende Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Offensichtlich nutzten die Kassen jährlich Beitragsmittel von mehreren hundert Millionen Euro, „um sich ungerechtfertigte Zahlungen zu sichern“, sagte die Vizechefin des Interessenverbandes kommunaler Krankenhäuser, Susann Breßlein.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×