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27.05.2012

17:18 Uhr

Aufstieg und Fall der PKV

„Die Kosten für Gesundheit werden weiter steigen“

VonMichael Detering

Sinkende Erträge und politischer Druck: Die Zeiten für private Krankenversicherer werden härter. Reinhold Schulte, Chef des PKV-Verbandes, spricht über die Finanzierung von Gesundheit und falsche Anreize der Politik.

Reinhold Schulte:  „Wir haben in Deutschland eine der besten medizinischen Versorgungen der Welt“ picture-alliance

Reinhold Schulte: „Wir haben in Deutschland eine der besten medizinischen Versorgungen der Welt“

Im Krankenkassenlager und auch in der Politik beschwören viele Stimmen das baldige Ende der privaten Krankenversicherung. Haben Sie Ihre Vertriebler schon darauf eingestimmt, dass sie bald keine Krankenversicherungen mehr verkaufen müssen?

Nein, natürlich nicht. Ich habe da persönlich auch überhaupt keine Sorgen. Die private Krankenversicherung wird es noch in vielen Jahrzehnten geben.

Ja, weil Sie Ihre Altkunden weiter behalten dürfen. Aber dürfen Sie auch noch neue Kunden aufnehmen?

Ich glaube, dass auch die Parteien, die statt der GKV und PKV eine Bürgerversicherung für alle proklamieren, damit nicht weit kommen werden. Wenn man von der Neiddebatte wegkommt und eine Politik mit Weitblick betreiben will, wird man schnell feststellen, dass die Gesundheitsleistungen nur mit Privatversicherten finanzierbar sind. Unsere Gesundheitswirtschaft wird ohne PKV nicht bezahlt werden können.

Private Krankenversicherung: Ein Fall für die Notaufnahme

Private Krankenversicherung

Ein Fall für die Notaufnahme

Privatpatienten waren einmal etwas Besonderes. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurden die Kunden der privaten Krankenversicherer zum Versuchsobjekt der Politik und zum Zahlmeister der Versicherer. Eine Bestandsaufnahme.

Warum?

Keiner hat sich bisher Gedanken darüber gemacht, welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen es eigentlich hätte, wenn es keine PKV mehr gibt. Die Ärzte werden doch gar nicht mehr ihre Praxen aufrechterhalten können. Oder die Zahnärzte, die Apotheken, die Krankenhäuser. Die sind doch alle angewiesen auf die Mehrzahlungen der Privatpatienten. Das wird immer völlig vergessen. Bei den Ärzten bringen zehn Prozent Privatpatienten rund dreißig Prozent der Einnahmen.

Wollen die Kunden denn noch in die PKV wechseln?

Wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, dann haben wir immer gewonnen. Auch im Jahr 2011 haben wir Marktanteile hinzugewonnen. Natürlich wechseln auch Privatversicherte in die gesetzliche Krankenversicherung - oft aber nur, weil sie dies müssen, also weil sie versicherungspflichtig werden. Mehr Leute gehen den umgekehrten Weg. Und die kommen freiwillig zu uns, nicht aus Zwang. 96 Prozent unserer Kunden sind zufrieden, ergeben Meinungsumfragen. Das kann man in der Diskussion doch nicht einfach ignorieren.

Aber es gab doch zuletzt enorme Preissteigerungen, bei einigen Tarifen ist von bis zu 50 Prozent die Rede.

Die, die so etwas behaupten, sollten sich mal hinsetzen und das genau nachrechnen. Die Beitragssteigerungen in der privaten Krankenversicherung waren in den letzten Jahren nur unwesentlich höher als in der gesetzlichen Krankenversicherung - im Schnitt lagen sie bei 3,3 Prozent bei den privaten und bei 3,1 bei den gesetzlichen Anbietern. Und dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass wir jährlich Beitragsrückerstattungen zahlen, zum Beispiel 2010 rund 1,3 Milliarden Euro.

Also schneiden Sie doch nicht viel schlechter ab, wie oft behauptet?

Nein. Außerdem muss man berücksichtigen, dass in der GKV Leistungen weggefallen sind. Da bekommen Sie keine Brille mehr gezahlt. Oder wenn sie mal die Eigenbeteiligung beim Zahnersatz sehen, oder die Praxisgebühr, oder die Eigenbeteiligung bei Medikamenten - das sind alles Eingriffe gewesen, da spricht heute keiner mehr von. Bei uns weiß man: Was der Kunde einmal zugesagt bekommt, das bleibt ein Leben lang. Wir können nicht an die Tarife gehen und die Leistungen ändern.

Die größten privaten Krankenversicherer - Platz 11 bis 20

Hallesche

versichert 229.815 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 1,0 Milliarden.

Landeskrankenhilfe

versichert 206.628 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,79 Milliarden.

Hanse-Merkur

versichert 172.255 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,71 Milliarden Euro.

Süddeutsche

versichert 168.876 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,68 Milliarden Euro.

Gothaer

versichert 167.488 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,79 Milliarden Euro.

Inter

versichert 150.304 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,65 Milliarden Euro.

uniVersa

versichert 142.274 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,49 Milliarden Euro.

Deutscher Ring

versichert 125.783 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,58 Milliarden Euro.

Union

versichert 113.082 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,59 Milliarden Euro.

Münchener Verein

versichert 94.607 Mitglieder voll und kassiert Beiträge in Höhe von insgesamt 0,47 Milliarden Euro.

Kommentare (12)

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Leopold

27.05.2012, 19:24 Uhr

Gesundheitskosten steigen, Energiepreise steigen, Mieten steigen nur die Renten dümpeln unter Inflationsniveau. Die Rentner werden gezielt ausgeblutet.

WalterMB

27.05.2012, 20:11 Uhr

Mit der Aussage, die Beitragssätze in der PKV sind nur im Niveau der GKV gestiegen ist eine bewußte Täuschung der Öffentlichkeit. Die PKV sollten mal die Steigerung der Beitragssätze nach Altersstufen veröffentlichen, also für die 30,40,50,60,70 jährigen gesondert darstellen. In der GKV ist die Steigerung der Beitragssätze linear. Seit 12 Jahren bin ich in der PKV, habe in dieser Zeit nie den Selbstbehalt überschritten, also die PKV nie belastet. Die Erhöhung meiner Beiträge war im Jahre 2012 ca. 21%. Diese Augenwischerei über vergleichbare Beitragserhöhungen sollten von der PKV ehrlicher und transparenter dargestellt werden. Was würden 70 jährige in der GKV sagen wenn ihr Monatsbeitrag um 21% angehoben würde.

Wahrheitssager

27.05.2012, 20:40 Uhr

Gesundheitsminister Bahr lobt (FDP) auf einem Ärztekongress das „duale System“ aus privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen, das „weltweit seinesgleichen“ suche und sich bewährt habe. Er weiß jedoch ganz genau, dass es sich um ein unfaires System handelt, wenn die privaten Versicherungen im wesentlichen nur gesundheitsüberprüfte Beamte und Gutverdiener aufnehmen und alle teuren Problemfälle auf die gesetzlichen Kassen abwälzen dürfen.

Da ist es logisch, dass eine solche Ungleichbehandlung weltweit einzigartig ist. Welches Volk ließe sich so etwas schon gefallen? Und für Herrn Bahr scheint es selbstverständlich zu sein, dass in seiner Welt eine Mehrheit die Lasten tragen und ein kleiner Rest davon profitieren soll.

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