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30.08.2012

06:28 Uhr

Besuch im Swinger-Club

Ergos eigene Ermittler entdecken weitere Lustreisen

VonSönke Iwersen

ExklusivDas Letzte, womit ein Vorstandsvorsitzender in Verbindung gebracht werden will, sind Sex-Abenteuer der Mitarbeiter auf Kosten des Konzerns. Doch Ergo-Chef Torsten Oletzky kommt aus dieser Misere einfach nicht heraus. 

Ergo-Lustreisen sägen an der Chefetage

Video: Ergo-Lustreisen sägen an der Chefetage

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DüsseldorfDie Motivation von freien Versicherungsvertretern mittels Sex-Reisen war im Ergo-Konzern üblicher als bisher angegeben. Nach Recherchen des Handelsblattes durften die leistungsstärksten freien Vertreter der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer nicht nur auf Konzernkosten ins Bordell auf Mallorca, die Versicherung zahlte bis vor kurzem sogar für tagelange Aufenthalte in einem Swinger-Club auf Jamaika. Dies zeigen drei Berichte der Ergo-Konzernrevision, die dem Handelsblatt vorliegen.

Der Ergo-Vorstandsvorsitzende Torsten Oletzky hatte bislang stets beteuert, die Lustreise 2007 nach Budapest, bei der 20 Prostituierte engagiert worden waren, sei ein Einzelfall gewesen. Doch die Konzernrevision berichtete dem Unternehmenschef schon 2011 über einen vom damaligen Vertriebschef gesponserten Bordell-Besuch auf Mallorca 2005, der diesem später als Kosten für „Speisen und Getränke“ erstattet worden sei. Im Revisionsbericht vom 16. Juni 2011 heißt es: „Aufgrund der vorliegenden Information ist es aus Sicht von REV (Revision) wahrscheinlich, dass mit den eingereichten Bewirtungsbelegen über gesamt 2428 Euro Aufwendungen für einen Nachtclub/Bordellbesuch finanziert wurden.“

Ergo: Chronik eines Skandals

19. Mai

Das Handelsblatt berichtet über die Sex-Reise der Hamburg-Mannheimer (HM) nach Budapest. Die Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme räumte daraufhin ein: "Es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise des HMI-Vertriebs nach Budapest gegeben hat. Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise ca. 20 Prostituierte anwesend waren. Von öffentlichen Sexdarbietungen ist uns nichts bekannt."

19. Mai

Ergo richtet eine Task-Force zur Aufklärung der Vorgänge ein. Sie wächst im Laufe der kommenden Wochen auf mehr als 100 Mitarbeiter an.

22. Mai

Die "Bild am Sonntag" zeigt Bilder und ein Video von vermeintlich koksenden Versicherungsvertretern der Hamburg-Mannheimer.

23. Mai

Die Ergo erklärt: "Die Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten Top-5-Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase."

24. Mai

Fußballtrainer Jürgen Klopp lässt seinen Werbevertrag mit Ergo (HMI) ruhen. "Was man von dieser Reise liest, kann man nur aufs Schärfste verurteilen", sagt sein Berater Marc Kosicke.

25. Mai

Ergo gibt bekannt, seine Werbekampagne, die allein im Jahr 2010 mehr als 50 Millionen Euro kostete, zu reduzieren.

26. Mai

Auf Youtube taucht eine Parodie auf die jüngste Ergo-Werbekampagne auf. Der Spot wurde bislang fast 200 000-mal angeklickt - vier mal so oft wie das Original.

29. Mai

Die "Welt am Sonntag" berichtet, Ergo habe die Sex-Reise von der Steuer abgesetzt.

1. Juni

Fußballtrainer Jürgen Klopp kündigt seinen Vertrag mit Ergo (HMI).

8. Juni

Der Ergo-Aufsichtsrat tagt und beschließt härtere Compliance-Richtlinien.

9. Juni

Das "Handelsblatt" berichtet, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt.

10. Juni, morgens

Ergo dementiert das Handelsblatt. Ergo-Sprecher Alexander Becker: "Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt."

10. Juni, nachmittags

Ergo nimmt das Dementi zurück, löscht die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gibt zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe.

10. Juni

Ergo-Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft Munich Re, Nikolaus von Bomhard, spricht von einem "gravierenden Fehler" und kündigt an, Munich Re werden bei der Aufklärung helfen.

17. Juni

Ergo beziffert die Zahl der geschädigten Kunden auf 14000. Sie sollen jetzt nachträglich entschädigt werden.

2009, 2010 und 2011 fuhren Geschäftsstellen der Hamburg-Mannheimer in den Swinger-Club Hedonism II auf Jamaica. In dem Revisionsbericht vom 24. Juni 2011 zur Reise 2010 steht: „Vor Buchung der Reise sind die Reiseunterlagen gemäß Richtlinie der abrechnenden Stelle PVH5HH per Mail zur Genehmigung vorgelegt worden. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 75.120,16 EUR. Die Hotelbeschreibung enthielt unseren Ermessens Hinweise auf die Ausrichtung des Hotels.“

Auf der Internetseite des Hedonism II heißt es: „Seit dem Augenblick als Hedonismus II die Tore öffnete, ist es das berüchtigste Hotel in der Welt für Singles und Paare ab 18 Jahren. Es ist das ultimative Vergnügen. Ein wirkliches Leben im Garden of Eden. Jeder Gast kommt mit einer unglaublichen Geschichte und mit einem verwegenen Lächeln Heim und träumt schon von nächsten Urlaub im Hedo II."

Ergo teilte auf Anfrage des Handelsblattes mit, der Bordell-Besuch auf Mallorca und die Ausflüge in den Swinger-Club auf Jamaika seien nicht mit der Budapest-Affäre vergleichbar. Unternehmenssprecher Alexander Becker sagte: „Bei dezentral organisierten Reisen wurde unternehmensseitig nicht die Auswahl von Hotels oder inhaltliche Ausgestaltung der Reise geprüft, sondern die Einhaltung formaler Kriterien für Reisewettbewerbe. Die Entscheidung über die Auswahl des Hotels wurde vom selbstständigen Vermittler getroffen. Budapest war nach unserer Kenntnis ein Einzelfall.“

Die Kundenfragen, die Ergo-Antworten. Ein Auszug.

Lasst uns über Budapest reden. Wie konnte das passieren?

Das ,Handelsblatt‘ plante für den folgenden Tag eine Story über eine Party mit Prostituierten im Jahr 2007 in der Gellért-Th erme in Budapest, organisiert von der Führung der Vertriebsorganisation HMI. Anfangs konnte ich kaum glauben, dass so etwas in unserem Unternehmen möglich sei. Im Laufe der Prüfungen kamen wir allerdings zum Schluss, dass es sich in großen Teilen so abgespielt hatte, wie es in dem Artikel dargestellt war. [...] Wenn ein unzureichendes internes Kontrollsystem auf Personen trifft, die eine solche Idee unterstützen, lassen sich solche Auswüchse kaum verhindern. Ich bin sicher: Hätte nicht jemand ein Interesse daran gehabt, das Th ema in die Medien zu bringen, wüssten wir heute noch nicht, was auf dieser Reise passiert ist.“ - Bruno Viggen, seit 2005 Leiter der Konzernrevision.

Wie habt Ihr aufgeräumt?

„Am 3. Juni 2011 übergaben wir unseren Bericht. Die Folgen waren weitreichend: Es wurde ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, das verhindern soll, dass so etwas noch einmal passiert. Die beiden Organisatoren arbeiten heute nicht mehr im Unternehmen. Der eine hatte uns schon vorher verlassen, der andere wurde im Zuge der Ermittlungen freigestellt.“ - Bruno Viggen, Leiter Konzernrevision.

Wie stellt Ihr sicher, dass Eure Spielregeln auch eingehalten werden?

„Bei ERGO kümmert sich eine Vielzahl von Mitarbeitern darum, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Eine kleine Auswahl: Anti-Fraud-Experten in der internen Revision. Juristen, die auf die Einhaltung des Verhaltenskodex und der Richtlinien einschließlich des Wertpapierhandelsgesetzes achten. Eine Einheit für Kartellrecht, eine für Datenschutz. Ein Geldwäschebeauftragter und ein externer Ombudsmann,
die bei Verdachtsfällen von Mitarbeitern und Außendienstpartnern – auch anonym – eingeschaltet werden können.“ - Holger Schmelzer, Leiter Recht der ERGO.

Wessen Interessen vertritt ERGO? Die seiner Aktionäre? Oder meine?

„Wir kümmern uns um beides. Mit vollem Bewusstsein. [...] ERGO hat Eigentümer und muss deren Interessen und die einiger anderer Interessengruppen berücksichtigen. Für ERGO gilt aber ebenso: Langfristig gibt es keine Rendite ohne zufriedene Kunden, ohne gute Produkte, ohne guten Service.“

Wie sicher sind Eure Anlagen?

„Das Prinzip bei jeder Versicherung ist, dass die Kunden erst einen Beitrag zahlen und später eine Leistung erhalten. Die Anforderungen an die Kapitalanlage sind je nach Bereich unterschiedlich. In der Lebensversicherung müssen wir garantieren, dass die Mittel für Leistungen, die wir einmal vertraglich zugesagt haben, unter allen Umständen auch erwirtschaftet werden. In der Krankenversicherung müssen wir die laufenden Krankheitskosten zahlen und Rücklagen für die Gesundheitsleistungen im Alter bilden. Bei den anderen (Unfall, Auto, Haftpflicht und so weiter) spielt Vorsorge keine so große Rolle. Hier muss die Kapitalanlage Risiken vermeiden, um den Bestand des Unternehmens zu sichern. Für alle gilt: Wir legen langfristig und sehr vorsichtig an.“ - Dr. Daniel von Borries, Mitglied des Vorstands der ERGO Versicherungsgruppe und verantwortlich für Finanzen.

Wie wollt Ihr mich verstehen, wenn ich Euch nicht mal telefonisch erreichen kann?

„Wir hatten Ende 2010 und in der ersten Jahreshälfte 2011 tatsächlich einige Schwierigkeiten mit unserer telefonischen Erreichbarkeit. ERGO steckte in einer Phase der Reorganisation, es kam eine neue Technologie zum Einsatz. Weil wir 2010 Gesellschaften umbenannt und Bestände auf neue Gesellschaften übertragen haben, mussten wir verschiedene Verträge und Systeme miteinander harmonisieren. Es kam für uns sehr viel gleichzeitig. Das war anstrengend. Für uns und für unsere Kunden. Bei denen wir uns an dieser Stelle entschuldigen und für deren Verständnis wir danken.“

Warum löscht ihr Beiträge auf Eurer Facebook-Seite?

Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Mikrofon in der Mitte eines ausverkauften Fußballstadions stehen und dort Ihre Versicherungsdaten preisgeben. Oder jemand würde Sie vor all diesen Menschen persönlich beschimpfen. Eher keine schöne Situation. Auf Facebook sind mehr als 800 Millionen Nutzer angemeldet. Und jeder dieser Nutzer kann alle Inhalte der ERGO Facebook-Seite einsehen. [...] Es gibt Grenzen, und die hat ERGO in einer Facebook-Netiquette für jeden Nutzer einsehbar formuliert. Wenn sich Nutzer etwa rassistisch, diskriminierend oder beleidigend äußern, werden wir diese Beiträge aus Rücksicht auf andere verbergen.“ - Dirk Schallhorn, verantwortlich für E-Marketing bei ERGO.

Warum sind die Verträge überhaupt so kompliziert geworden?

„Ich glaube nicht, dass das mit Absicht geschah. Vieles ist historisch gewachsen. Kürzlich habe ich mir Versicherungsbedingungen aus den fünfziger Jahren angeschaut – die waren äußerst knapp gehalten. Doch dann ist das irgendwie gewuchert. Hier noch ein bisschen dran und da noch etwas eingeschlossen, aber mit Ausnahme von soundso…“ - Joachim Fensch, Leiter der Kundenbetreuung von ERGO.

Wer hilft mir, wenn der Putz von der Decke fällt?

Unser Team von 60 erfahrenen Soforthelfern steht bundesweit bereit, um vor Ort zu helfen – von der Beauftragung der Handwerker bis zur Abwicklung der Schadenmeldung.

Wie echt soll diese Kundenwerkstatt sein?

„Der Einfall für die Werkstatt kam uns im Rahmen der Arbeit am Th ema ,Feedback‘. Die Idee war, Produkte und Texte direkt mit Kunden zu testen und auszuprobieren und Meinungen vor der offi ziellen Einführung einzuholen. Sprich: am Kunden entwickeln und nicht nachher korrigieren. Schnell fanden wir in den Mitarbeitern der Klartext-Initiative Verbündete. Salopp gesagt ist die Werkstatt ein Marktplatz für Fragen – von ERGO Mitarbeitern an Kunden. Der Vorteil ist, dass wir hier Schnelligkeit und Nähe zu den Meinungen unserer Kunden gewinnen.“ - Stefan Laufer, er ist Senior Consultant in der Firma, die die Kundenwerkstatt für ERGO entwickelte.

Wieso schaff t Ihr Provisionen nicht einfach ab?

„Wir zahlen unseren Vertriebspartnern Provisionen, damit sie Kunden vor Vertragsabschluss beraten. Das ist oft mit großem Zeitaufwand verbunden, denn es gilt alle Versicherungsfragen zu klären. Unsere Vertriebspartner stehen ihren Kunden auch nach Vertragsabschluss mit Rat und Tat zur Seite. Deshalb zahlen wir nicht nur Provisionen, wenn der Vertrag abgeschlossen wird, sondern auch während der Laufzeit des Vertrags, um die laufende Betreuung zu honorieren. Weil Provisionen das Einkommen unserer Außendienstpartner sichern, ermöglichen sie es übrigens auch, dass sich Kunden unverbindlich beraten lassen können.“ - Markus Bernhard, Leiter der Vertriebssteuerung
der ERGO-Gruppe.

Wie wirkt sich die Klartext-Initiative auf Eure Arbeit aus?

„Die Klartext-Initiative ist mittlerweile fest im Leistungsservice etabliert und wirkt sich auf alle Arbeitsbereiche aus. Alle Mitarbeiter hier sind viel sensibler geworden. Ich arbeite seit 23
Jahren bei der DKV – klare und verständliche Kommunikation gewinnt auch für mich immer mehr an Bedeutung.“ - Elke Spelge, Abteilung Leistungsservice DKV

Ergo-Sexsumpf immer tiefer

Video: Ergo-Sexsumpf immer tiefer

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Kommentare (56)

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FrageAntwort

30.08.2012, 06:57 Uhr

Was macht man eigentlich mit einem Lusteisen? =)

flyingfridge

30.08.2012, 07:18 Uhr

Gemäß der ERGO-Werbung:
Ein Versicherungskonzern, der seine Vertreter mit Nutten motiviert? Wir machen's einfach!

Account gelöscht!

30.08.2012, 07:46 Uhr

...man muß nach getaner Arbeit doch schließlich auch mal entspannen dürfen... ...in manchen Batrieben gibt es ja auch Betriebssportgruppen... ;-)

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