Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.06.2011

08:18 Uhr

Brief an Mitarbeiter

Ergo-Chef gesteht Fehler ein

VonSönke Iwersen

ExklusivErgo-Chef Torsten Oletzky ruft seine Mitarbeiter zur Geschlossenheit auf. Die Email, die dem Handelsblatt vorliegt, verrät einiges über den inneren Zustand des Versicherers. Auch über die Haltung zu eigenen Fehlern.

Ergo-Chef Torsten Oletzky nennt auch eigene Fehler. Quelle: picture-alliance/ dpa

Ergo-Chef Torsten Oletzky nennt auch eigene Fehler.

DüsseldorfDer wegen vieler Negativschlagzeilen in die Kritik geratene Ergo-Chef Torsten Oletzky hat in einem Brief an seine Mitarbeiter und Vertriebspartner Versäumnisse bei der Aufklärung der verschiedenen Skandale innerhalb der Versicherung eingeräumt. „Unter einem solchen Druck passieren leider auch solche Fehler, die eigentlich nicht passieren dürften. Die Folge ist, dass durch das nicht vollständig korrekte Dementi zu Beginn unsere Glaubwürdigkeit weiter gelitten hat“, schreibt Oletzky in dem Brief, der dem Handelsblatt vorliegt. Er erklärt das Ungeschick damit, dass sein Krisenstab einer Fülle von Hinweisen nachgehen müsse.

Ergo

Die Email von Torsten Oletzky an seine Mitarbeiter

Der Ergo-Chef ruft zur Geschlossenheit auf - zeigt aber auch die Fähigkeit zur Selbstkritik und benennt die eigenen Fehler. Die Original-Email im Wortlaut.

Nach Enthüllungen über eine Lustreise nach Budapest, die die Ergo-Versicherung 2007 für ihre besten Vertreter organisierte, beschäftigten danach massenhaft falsch berechnete Riester-Verträge den mehr als 100-köpfigen Sonderstab, den die Versicherung eingerichtet hat. Am vergangenen Freitag räumte Ergo ein, dass 14.000 Kunden höhere Kosten berechnet wurden als vertraglich vereinbart.

„Problematisch fand ich, dass wir diesen Fehler in der Aufklärung nicht selbst rechtzeitig gefunden haben, obwohl es hierzu offensichtlich einen Hinweis an den zuständigen Fachbereich gab. Hierüber habe ich mich sehr geärgert“, schreibt Oletzky jetzt in seinem Brief.

Er ruft angesichts der vielen Vorwürfe das Unternehmen zum Zusammenhalt auf. „Sie haben es in den Medien verfolgen können, die negative Berichterstattung über Ergo reißt nicht ab“, schreibt der Vorstandschef. „Man könnte fast ein wenig den Eindruck gewinnen, dass es ein Sport geworden ist, nach Fehlern der Ergo zu suchen.“ nun appeliert er an das Zusammengehörigkeitsgefühl im Konzern: „Unsere Solidarität und Geschlossenheit werden auch in den kommenden Wochen besonders wichtig sein. Deswegen werden wir unseren Weg auch unbeirrt fortsetzen.“

Ergo: Chronik eines Skandals

19. Mai

Das Handelsblatt berichtet über die Sex-Reise der Hamburg-Mannheimer (HM) nach Budapest. Die Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme räumte daraufhin ein: "Es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise des HMI-Vertriebs nach Budapest gegeben hat. Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise ca. 20 Prostituierte anwesend waren. Von öffentlichen Sexdarbietungen ist uns nichts bekannt."

19. Mai

Ergo richtet eine Task-Force zur Aufklärung der Vorgänge ein. Sie wächst im Laufe der kommenden Wochen auf mehr als 100 Mitarbeiter an.

22. Mai

Die "Bild am Sonntag" zeigt Bilder und ein Video von vermeintlich koksenden Versicherungsvertretern der Hamburg-Mannheimer.

23. Mai

Die Ergo erklärt: "Die Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten Top-5-Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase."

24. Mai

Fußballtrainer Jürgen Klopp lässt seinen Werbevertrag mit Ergo (HMI) ruhen. "Was man von dieser Reise liest, kann man nur aufs Schärfste verurteilen", sagt sein Berater Marc Kosicke.

25. Mai

Ergo gibt bekannt, seine Werbekampagne, die allein im Jahr 2010 mehr als 50 Millionen Euro kostete, zu reduzieren.

26. Mai

Auf Youtube taucht eine Parodie auf die jüngste Ergo-Werbekampagne auf. Der Spot wurde bislang fast 200 000-mal angeklickt - vier mal so oft wie das Original.

29. Mai

Die "Welt am Sonntag" berichtet, Ergo habe die Sex-Reise von der Steuer abgesetzt.

1. Juni

Fußballtrainer Jürgen Klopp kündigt seinen Vertrag mit Ergo (HMI).

8. Juni

Der Ergo-Aufsichtsrat tagt und beschließt härtere Compliance-Richtlinien.

9. Juni

Das "Handelsblatt" berichtet, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt.

10. Juni, morgens

Ergo dementiert das Handelsblatt. Ergo-Sprecher Alexander Becker: "Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt."

10. Juni, nachmittags

Ergo nimmt das Dementi zurück, löscht die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gibt zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe.

10. Juni

Ergo-Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft Munich Re, Nikolaus von Bomhard, spricht von einem "gravierenden Fehler" und kündigt an, Munich Re werden bei der Aufklärung helfen.

17. Juni

Ergo beziffert die Zahl der geschädigten Kunden auf 14000. Sie sollen jetzt nachträglich entschädigt werden.


Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

caveman

21.06.2011, 11:04 Uhr

Da haben die Vermittler wohl etwas falsch verstanden, wenn Herr von Bomhard als CEO der Munich Re sagt, dass die Lebensversicherung "ökonomisch nicht mehr sinnvoll ist"! Er wollte damit nicht sagen, löst Altverträge auf und vertickt dann eine (sinnlose) Unfallversicherung mit Beitragsrückgewähr!

Musikfabrik

24.06.2011, 09:55 Uhr

Sie berichten leider einseitig! Sie verschweigen z. B. das bei den Riester-Verträgen nicht der Kunde, sondern der Aktionär den Schaden hat! Zudem ist der Schaden bei weitem nicht so hoch wie von Ihnen geschrieben. Ich habe den Eindruck das auch hier gezielt gegen ERGO Stimmung gemacht wird. Doch Vorsicht: Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×