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11.11.2013

09:30 Uhr

Debeka-Skandal

Musterknabe erschüttert Versicherungsbranche

VonThomas Schmitt

Versicherungsvertreter der Debeka waren jahrzehntelang schneller als andere. Sie hatten wertvolle Beamtenadressen gekauft. Das ist nicht erlaubt. Was der zweifelhafte Adressenhandel bedeutet und was sich ändern könnte.

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Debeka-Mitarbeiter sollen jahrelang Beamte bestochen haben

Video: Debeka-Mitarbeiter sollen jahrelang Beamte bestochen haben

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DüsseldorfWer hätte das gedacht? So reagieren viele in der Versicherungsbranche auf den jüngsten Skandal. In deren Zentrum steht ausgerechnet der Musterknabe aus Koblenz, die Debeka. Unlauteren Wettbewerb – und das über Jahrzehnte – hätten wohl die wenigsten dem bieder wirkenden Versicherungskonzern zugetraut. Darauf läuft jedoch der rechtswidrige Adressenhandel im Vertrieb hinaus.

Was ist passiert? Mitarbeiter der traditionsreichen Versicherung haben über viele Jahre hinweg von Behörden Adressen von Beamtenanwärtern erworben, um den angehenden Staatsdienern Versicherungen zu verkaufen. Dies deckte das Handelsblatt auf. Die Berichterstattung wurde vom Konzern im Grundsatz bestätigt.

Debeka-Sprecher Gerd Benner sagte dazu, die Debeka habe ein „solches Fehlverhalten zu keinem Zeitpunkt gewünscht, gefordert oder angewiesen“. Zwar hätten Vertriebsmitarbeiter der Debeka Adressen von Beamtenanwärtern gekauft. Doch dieses Fehlverhalten beziehe sich auf „einige Fälle in den 1980er- und 1990er-Jahren“.

Heimlicher Adressenhandel: Der Debeka-Skandal

Versicherer

Die Debeka ist mit Abstand der größte private Krankenversicherer. Mehr als 2,2 Millionen Menschen haben Vollversicherungen der Gesellschaft. Die meisten davon sind Beamte und deren Angehörige: 1,87 Millionen.

Adressenhandel

Das Handelsblatt berichtet am 1. November: Der Zeitung „liegen interne Unterlagen vor, die belegen, dass Debeka-Mitarbeiter über Jahre hinweg Adressen von Personen kauften, die kurz vor ihrer Verbeamtung standen. Debeka-Mitarbeiter verschafften sich damit einen starken Wettbewerbsvorteil, weil sie die Beamten auf eine Versicherung ansprechen konnten, kaum dass diese selbst von ihrer Verbeamtung erfahren hatten.“

Mit System

Ein ehemaliger Debeka-Vertreter versicherte dem Handelsblatt an Eides statt, er habe jahrelang Beamtenadressen genutzt, die sein Vorgesetzter gekauft hatte. „Das haben alle, die ich kannte, so gemacht“, versicherte er. „Ob das legal war oder nicht, habe ich nicht gefragt. Die Adressen kamen ja von meinem Chef, sie waren für uns wie Gold.“ 

Wie im Drogenhandel

„Das war streng geheim“, erzählt ein Beteiligter. „Die Originaladressen, die Schnipsel genannt wurden, durften nirgendwo aufbewahrt werden. Ich habe selbst gesehen, wie Führungskräfte diese Adressen in Plastiktüten zu ihren Autos trugen.“ Ein höherrangiger Vertreter berichtet von Zuständen wie beim Drogenhandel. Er selbst habe einmal spät abends mit einem Bezirksdirektor zum Autobahnkreuz Köln-West fahren müssen. „Am Treffpunkt stand ein Koffer mit Adressen“, erinnert er sich. „Den haben wir genommen und unseren Koffer mit Geld hingestellt. Und dann sind wir abgefahren.“ 

Kosten

Anfangs kosteten die Adressdaten angehender Beamter nach Angaben früherer Debeka-Mitarbeiter fünf D-Mark, zuletzt wurden etwa 25 Euro bezahlt. 

Eingeständnis

Debeka-Chef Uwe Laue räumte ein: „So wissen wir, dass in den 1980er- und 1990er-Jahren Vertriebsmitarbeiter auf eigene Rechnung Adressen potenzieller Kunden erworben haben, die zwischen Mitarbeitern weiter verteilt wurden. Auch der damaligen Führungsmannschaft fehlte die Sensibilität für diese datenschutzrechtliche Thematik.“

Empörung

„Die beunruhigende Praxis der Debeka in der Vergangenheit wirft ein Schlaglicht auf den wenig sensiblen Umgang mit Versichertendaten in der PKV insgesamt“, sagte der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach.

Sanktionen

Die Allianz verwies auf Nachfrage auf „weitreichende Sanktionen“ für eigene Mitarbeiter und Vertreter. Auf Nachfrage teilte die Axa mit: „Im Zeitalter von Verhaltenskodex und Compliance - einmal ganz abgesehen von Rechtsfragen - muss Fehlverhalten klare Konsequenzen nach sich ziehen.“

Konsequenzen

Edgar Wagner, Landesbeauftragter für Datenschutz in Rheinland-Pfalz: „Der jahrzehntelange illegale Handel mit Personaldaten von Beamten kann nicht geduldet werden.“

Aufsicht

Der oberste Versicherungsaufseher, Bafin-Exekutivdirektor Felix Hufeld, sagte dem Handelsblatt: Man werde „bewerten, ob und inwieweit aufsichtliche Maßnahmen gemäß Versicherungsaufsichtsrecht angezeigt sind“.

Die Bestechung von Behördenmitarbeitern durch Vertreter der Debeka-Versicherung zog sich jedoch nach einem weiteren Bericht des Handelsblatts bis in die jüngere Vergangenheit. Noch am 27. Juli 2010 befasste sich das Amtsgericht Tübingen mit der Art und Weise, wie Debeka-Mitarbeiter ihre Vertragsanbahnung betrieben.

Die Reaktionen in der Versicherungswirtschaft auf diesen Skandal sind bisher rar, meist verhalten und oft gepaart mit ungläubigem Erstaunen. So schrieb etwa der Branchenbrief „Bocquel-News“: „Nun soll auch dem Musterknaben und Marktführer unter den privaten Krankenversicherern ein Skandal angelastet werden.“ Der Verbandspräsident der Versicherer, Alexander Erdland, fordert nun im Handelsblatt-Interview mehr Selbstkontrolle.

Deutlicher wurde da schon die Zeitschrift „Versicherungswirtschaft“. „Keine Frage indes, dass der Vorgang einen Rückschlag für die Reputation der Branche insgesamt bedeutet“, heißt es im Tagesreport „Versicherungswirtschaft heute“. Ausgerechnet die Debeka, die in schier beamtenhaft-spröder Tugend auf aufwendige mediale Glanzwerbung verzichte, gerate nun ins Kreuzfeuer. Am deutlichsten werden jedoch die Versicherungsmakler.

 

Kommentare (27)

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Murks

11.11.2013, 10:59 Uhr

Die Debeka-Vermittler haben keine Bestandspflegeprovision und müssen ihr "Gehalt" mittels Provisionen ins Verdienen bringen. Die Provisionen liegen zwischen 25 und 50% des am Markt für HV gezahlten. Erst wenn ein Minus aufgefüllt ist, werden Provisionen gezahlt.

thinktank

11.11.2013, 11:08 Uhr

Zum Skandal reicht es nicht

Liebes Handelsblatt-Online,
Jugendliche kiffen und Journalisten bekommen Rabatte. All diese Sachverhalte sind bekannt und taugen nicht zur Skandalisierung. Genauso verhält es sich mit dem "Debeka-Skandal". Der Sachverhalt des "sehr guten Informationsflusses" hinsichtlich der Datensätze von Beamtenanwärtern in Richtung Debeka ist schon lange bekannt. In Hinblick auf die aktuelle Sachlage hinsichtlich des Datenschutzes (NSA) ist diese Praxis zwar ärgerlich, möglicherweise auch rechtswidrig, aber angesichts der Gesamtproblematik eher zu vernachlässigen.
Zu einem Skandal gehören meist auch Geschädigte. Die Geschädigten sind hier allenfalls die Konkurrenz und die unabhängigen Makler, da die Debeka mit letzteren nicht oder nur selten kooperiert. Die Versicherten der Debeka haben so vielleicht nicht den optimalen, aber einen brauchbaren Versicherungsschutz bekommen und sind in der Regel nicht Geschädigte im engeren Sinne. Falls eine Ahndung der bisherigen Rechtsverstöße erfolgen sollte, dann bitte gegen die Führungskräfte gerichtet. Die im Außendienst beschäftigten "Debekaner" stehen genauso unter Druck wie die Handelsvertreter anderer Gesellschaften oder die Drückerkolonnen, die Abonnements für Erzeugnisse der Handelsblatt Gruppe verkaufen.

PS:
Während dieser Kommentierung rief mich ein netter Mann an und bot mir die Zusendung von Probeexemplaren des Handelsblatts und/oder der Wirtschaftswoche an. Mit dem Hinweis auf die andauernde Kampagne gegen die Versicherungswirtschaft (ich bin Versicherungsmakler)habe ich dieses Angebot freundlich abgelehnt. Ich werde jetzt mal die diesbezüglichen Begleitumstände hinsichtlich des Datenschutzes (Freigabe der Daten zu Werbezwecken) überprüfen. - Wenn sich hier nicht ein neuer Skandal ankündigt...

Olpenitz

11.11.2013, 11:28 Uhr

Das Saubermannimage der Debeka muss widerlegt werden
Es gibt kein Angestelltenverhaeltnis, da das Gehalt nur ein zu verrechnender Vorschuss ist.
Selbst die Reisekostennpauschale deckt die Kosten nicht und wurde seit Jahren nicht erhöht.
Der Verkaufsdruck und die Fluktuation ist immens.
Der Vorstand deckt dieses Vorgehen.
Auch Geschaeftsstellenleiter profitieren durch Anteilsprovisionen wie in einem Schneeballsystem.

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