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22.11.2013

18:25 Uhr

Debeka Versicherung

Weitere Hinweise für illegalen Datenhandel

Nicht nur die Debaka Versicherung soll sich des illegalen Datenhandels schuldig gemacht haben. Nach hunderten Hinweisen aus der Bevölkerung gerät eine Reihe anderer Versicherer ins Visier der Ermittler.

Nicht nur für die Debeka sieht es düster aus. Es könnten weitere Unternehmen der Branche ins Visier der Ermittler geraten. dpa

Nicht nur für die Debeka sieht es düster aus. Es könnten weitere Unternehmen der Branche ins Visier der Ermittler geraten.

MainzNach den Vorwürfen des illegalen Datenhandels gegen die Debeka Versicherung könnten einem Bericht zufolge noch mehr Unternehmen aus der Branche ins Visier der Ermittler geraten. „Bei uns sind aus der Bevölkerung Hunderte Hinweise zu ähnlichen Vorgängen eingegangen, wovon eine Reihe auch andere Versicherer betreffen“, sagte ein Mitarbeiter der rheinland-pfälzischen Datenschutzbehörde der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ (Samstag). Die Hinweise seien teilweise sehr detailliert, so dass davon auszugehen sei, dass im kommenden Jahr aufsichtsrechtliche Ermittlungsverfahren gegen weitere Versicherer starten werden. Namen von Unternehmen nannte er nicht.

Die Vorwürfe gegen die Debeka waren Ende Oktober aufgekommen. Mitarbeiter des Koblenzer Versicherungsriesen sollen Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung bestochen haben, um an Adressen angehender Beamter zu kommen und ihnen dann Policen anbieten zu können. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt gegen Unbekannt, auch die Finanzaufsicht Bafin und der Datenschutzbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz nehmen die Sache zurzeit unter die Lupe.

Die Versicherungsvertreter der Debeka

Die Debeka

Der Versicherungskonzern Debeka hat seinen Sitz in Koblenz und beschäftigt 17.000 Mitarbeiter. Seit Ende Oktober gelten neue Verhaltensrichtlinien. Eine direkte Weisung in den Regelungen lautet: „Die Debeka toleriert keinerlei Form der Bestechung und Korruption.“

Quelle: Debeka

Ursprung

Die Debeka ist ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, also eine Versicherung mit genossenschaftlichem Gedanken. Sie wurde 1905 als Selbsthilfeeinrichtung für den öffentlichen Dienst von Beamten für Beamte gegründet. Bis 1923 gab es nur rein ehrenamtliche Vereinsmitglieder.

Vertreter

Die Debeka-Gruppe beschäftigt mehr als 9.000 Außendienstmitarbeiter. Diese sind fest angestellt und somit weisungsgebunden. Dies ist ungewöhnlich in der Versicherungswirtschaft. In der Regel sind Ausschließlichkeitsvertreter selbstständig, aber fest an einen Konzern gebunden.

Tippgeber

Die Vertreter der Debeka arbeiten mit Tippgebern zusammen. Etwa 15.800 Personen waren zuletzt aktiv. Sie gehören jeweils zur Hälfte dem öffentlichen Dienst und der freien Wirtschaft an. Insgesamt sind sogar etwa 36.300 Personen als Tippgeber bei der Debeka registriert.

Empfehlungsgeber

Auch wer kein offizieller Tippgeber ist, kann der Debeka Personen empfehlen, die an Versicherungen Interesse haben könnten. Dazu kann er Empfehlungskarten ausfüllen. Personen, die aufgrund dieser Hinweise angesprochen werden, erfahren im ersten Gespräch mit dem Debeka-Berater üblicherweise den Namen der Empfehlungsgeber. Die Empfehlungsgeber erhalten für diesen Hinweis im Erfolgsfall bis zu 15 Euro.

Rechtliche Grundlage

Bundesbeamte können im Einklang mit Paragraph 100 des Bundesbeamtengesetzes (BBG) als so genannte Tippgeber auf potenzielle Neumitglieder aufmerksam machen. Tippgeber sind nebenberufliche Mitarbeiter, die nicht selbst vermitteln bzw. an der Vermittlung mitwirken. Sie stellen nur für einen Interessenten den Kontakt zum Versicherungsunternehmen her.

Verdienst der Tippgeber

Die aktiven Tippgeber haben im Jahr 2012 mindestens einen Interessenten empfohlen, mit dem es zu einem Vertragsabschluss gekommen ist. Im Durchschnitt erhielt jeder Tippgeber im Jahr 2012 etwa 170 Euro.

Festgehalt der Vertreter

Das Mindesteinkommen für die Angestellten des Werbeaußendienstes beträgt für neue Mitarbeiter zurzeit zwischen 28.700 Euro und 32.000 Euro jährlich. Das tatsächliche Durchschnittseinkommen der Außendienstmitarbeiter ohne Leitungsaufgaben liegt bei 44.000 Euro pro Jahr.

Provisionen der Vertreter

Das Mindesteinkommen der Vertreter wird durch ein erfolgsbezogenes Entgelt ergänzt. Wenn geringe oder keine Provisionen angefallen sind, fließt das Geld trotzdem. In diesem Fall schießt die Debeka die Differenz zwischen dem Mindesteinkommen und den verdienten Provisionen plus Festbezügen zu. Diese Zuschüsse können dann in bestimmten Grenzen mit eventuellen Provisionsüberschüssen in den Folgemonaten verrechnet werden.

Verrechnungsmechanismus

Sollten bei den Mitarbeitern des Außendienstes weniger Provisionen als angenommen anfallen, trägt das Unternehmen die Differenz. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass den Außendienstmitarbeitern keine dauerhaften Nachteile entstehen. Zudem werden im Urlaubs- und Krankheitsfall Ausgleichszahlungen gewährt.

Das Auffüllersystem

Die Kehrseite geht aus Berichten im Handelsblatt hervor: "Viele junge Versicherungsvertreter wählten die Debeka, weil diese im Gegensatz zu vielen Konkurrenten ihren Vertrieb nicht mit freien Handelsvertretern organisierte. "Die Debeka war mein erster Arbeitgeber, und für mich war es psychologisch sehr wichtig, fest angestellt zu sein", erzählte ein Mitarbeiter. "Das vermittelte mir ein Gefühl der Sicherheit." Dann der Schock: Von seinem Gehalt wurde ihm nur ein Teil vorbehaltlos ausgezahlt. Den Rest, erklärte ihm sein Chef, müsse er erst einmal "ins Verdienen bringen".
Und so machte der junge Mann Bekanntschaft mit dem wohl am meisten gefürchteten Begriff bei der Debeka: dem Auffüller. "Ich musste rund 2 000 Mark monatlich durch Provisionen ins Verdienen bringen", berichtet ein weiterer Debeka-Veteran. Wenn er nur Verträge für 1000 Mark abschloss, kam der Differenzbetrag in den Auffüller - eine Art Strafkonto. Machte der Vertreter dann im Folgemonat ein sehr gutes Geschäft, hatte er kaum etwas davon, weil die Debeka von den möglichen Provisionszahlungen erst den Betrag abzog, der noch im Auffüller stand. Gerade Anfänger warf dieses System immer wieder zurück."

Die Versicherung hat bereits Verfehlungen eingeräumt und Prüfungen eingeleitet. In die Diskussion geraten war im Zuge dessen auch ein System von sogenannten Tippgebern, die Debeka-Mitarbeitern gegen Geld Interessenten für neue Policen nennen. Das hält die Debeka indes für rechtens und betont, es stehe im Einklang mit dem Beamtenrecht.

Die meisten beim Landesdatenschutzbeauftragten Edgar Wagner eingegangenen Hinweise beträfen die 1980er und 1990er Jahre, sagte der Behördenmitarbeiter der Zeitung weiter. „Wir haben aber auch eine Reihe konkreter Hinweise auf ganz aktuelle Vorgänge.“

Von

dpa

Kommentare (1)

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Mazi

25.11.2013, 16:45 Uhr

Es kann doch gar nicht kompliziert sein. Bei den Versicherungsunternehmen gibt es hoffentlich Dich eine Buchhaltung, die alle Provisionengegenbucht.

Wenn dies dennoch so kompliziert erscheint, dann liegt der Verdacht nahe, dass hohe Stellen der Staatsanwaltschaft, der Justizbehörden selbst in den Skandal verwickelt sind.

Für den Sumpf in den Judtizbehörden ist kaum noch Verständnis seitens des Bürgers einforderbar, beschreibt andererseits auch ein System, indem einer den anderen in der Hand zu haben scheint.

Hoffen wir, dass der neue Bundesjustizminister selbst unbelastet sein wird und den Besen in die Hand nimmt. Der Fall Mollath ist auch noch aufzuarbeiten.

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