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27.11.2013

08:53 Uhr

Eigenkapitalregeln

Aufsicht sieht einige deutsche Versicherer wackeln

Deutsche Versicherer leiden unter den niedrigen Zinsen. Wenn sie jetzt auch noch ein dickeres Kapitalpolster aufbauen müssen, könnten mehrere Institute an ihre Grenzen stoßen, glaubt der oberste Versicherungsaufseher.

Die Zentrale der BaFin in Bonn: Die Aufsichtsbehörde warnt vor Risiken für „systemrelevante" Versicherer. dapd

Die Zentrale der BaFin in Bonn: Die Aufsichtsbehörde warnt vor Risiken für „systemrelevante" Versicherer.

FrankfurtDie Finanzaufsicht Bafin schlägt Alarm: Die neuen Eigenkapitalregeln für die europäischen Versicherer könnten einige deutsche Unternehmen die Existenz kosten. „Ich bin nicht sicher, ob es alle Versicherer schaffen werden“, sagte der oberste Versicherungsaufseher der Behörde, Felix Hufeld.

Er sprach am Dienstagabend auf einer Veranstaltung an der Universität Frankfurt. Die Versicherer litten unter den niedrigen Zinsen und könnten daran scheitern, das nötige Eigenkapital für die Solvency-II-Regeln aufzubauen. „Es könnten fünf oder zehn sein - ich weiß es nicht“, sagte Hufeld weiter.

Für solche Fälle habe die BaFin ihren Werkzeugkasten parat - bis hin zu einer Übertragung der Policen auf die Auffanggesellschaft der Branche, Protektor. „Wir müssen vorbereitet sein“, sagte Hufeld.

Wie gefährdet sind Lebensversicherungen? Die Antworten der Regierung

Lage

Die Kapitalmärkte beeinflussen entscheidend, ob Lebensversicherer auf mittlere die Risiken tragen können, urteilen Experten aus Politik und Finanzministerium in einer gemeinsamen Sitzung.

Quelle: Protokoll vom 26. Oktober 2012

Risiko (1)

eine lang Phase mit niedrigen Zinsen, das wären sogenannte japanische Verhältnisse.

Problem

Die Kapitalanlagen der Branchen sind vorwiegend Zinstitel und laufen in der Regel nicht so lang wie die abgeschlossenen Verträge. Damit sinkt die Rendite der Kapitalanlagen schneller als die durchschnittlichen Zinsverpflichtungen gegenüber den Kunden. Gelder aus auslaufenden Schuldverschreibungen können nur zu einem geringeren Zinssatz wieder angelegt werden.

Garantiezins

Der Garantiezins in der deutschen Lebensversicherung ist deutlich gesunken:

1994: 3,5 %

1995-6 bis 2000: 4 %

7/2000 bis 2003: 3,25 %

2004-2006: 2,75 %

2007-2011: 2,25 %

Ab 2012: 1,75 %

 

Prognose

Eine anhaltende Niedrigzinsphase alleine bringt bis 2018 keinen deutschen Lebensversicherer in Schwierigkeiten. Die Unternehmen könnten bis zum Jahr 2025 eine Nettoverzinsung oberhalb des mittleren Rechnungszinses erzielen. Allerdings müssten sie bis zum Jahr 2020 zusätzliche Mehraufwendungen von insgesamt 61 Milliarden Euro für den Aufbau der Zinszusatzreserve leisten.

Gefahr

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten geraten können.

Risiko (2)

Die Inflationsraten gehen hoch und damit auch die Zinsen. Experten sprechen vom Inflationsszenario.

Problem

In solch einem Umfeld können die Lebensversicherer ihre Überschussbeteiligung nicht schnell erhöhen. Daher könnte es für Kunden attraktiver sein, ihre Lebensversicherung zu kündigen, also zu stornieren. Wenn viele das tun, entsteht ein „Run“.  

Teufelskreis

Da bei hohen Storno-Raten Kapitalanlagen veräußert werden müssen, um die garantierten Rückkaufswerte zu bezahlen, müssen manche Versicherer stille Lasten realisieren. Im Extremfall fehlen dann auch Mittel, um die Verpflichtungen aus den im Bestand verbleibenden Versicherungsverträgen zu erfüllen.

Die Bafin beaufsichtigt in Deutschland mehr als 90 Versicherer. Nach Berechnungen der Bonner Behörde muss die Branche pro Jahr drei bis fünf Milliarden Euro zusätzliches Kapital aufbauen, um das am Risiko orientierte Regelwerk einzuhalten. Den Vorwurf von EU-Politikern, Solvency II sei zu zahm, ließ Hufeld nicht gelten: „Es ist sicher nicht branchenfreundlich.“

Die Europäische Union hatte sich kürzlich auf eine Einführung von Solvency II Anfang 2016 geeinigt, den Versicherern aber eine Übergangsfrist von 16 Jahren für die Umstellung ihrer Altbestände gewährt. Die Regeln seien nicht perfekt, aber es gebe keine Alternative, und die Versicherer müssten sich damit abfinden, sagte Hufeld. „Wir müssen jetzt springen - und Solvency II in der Realität etwas besser machen.“

Kommentare (18)

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es-ist-nicht-weg

27.11.2013, 08:59 Uhr

und gerade versucht man dem kleinverdiener zu erzählen dass er privat vorsorgen soll und damit nicht nur 25% des versichrungsbeitrages für verwaltung verbrennt,
also mehr einzahlt als er jemals rausbekommt,
sondern auch noch zusätzlich auch noch abschläge hinnehmen muss wenn sein versicherer pleite ist oder er gar die verträge der vom pleitegeier heimgesuchten übernehmen muss
den die "reseven" der versicherer nie und nimmer richtig bewertet, werden bei einer Übernahme nochmals nach unten korrigiert und misswirtschaft gibt es auch dort

Account gelöscht!

27.11.2013, 09:30 Uhr

Misswirtschaft gibt es überall, und wer die eierlegende Wollmilchsau bei Banken und Versicherungen erhofft, der ist wirklich "werbegesteuert", um nicht noch deutlicher zu werden.
Geld und Kultur ist nicht käuflich und vermehrt sich nicht weil es jemand sagt. Es braucht immer einen Akteur und einen der an solche Wollmilchsäue glaubt.
Die gibts aber nicht wirklich, aber der Glaube wirds schon richten. Manche geben ihre Kohle auch an einer Autobahnraststätte ab weil jemand verspricht daraus 20% mehr zu machen. Erst später merkt er dann das ein Koitus da vielleicht mehr Befriedigung gebracht hätte *g*, aber sollens die Gerichte richten, jaja

Mazi

27.11.2013, 09:34 Uhr

Es scheint wohl ernster zu sein als bisher angenommen.

Doch die Lobbyisten haben schon vorgebaut. Paragraph 89 VVG regelt schon alles.

Banken müssen über jede Einzahlung einen Kontosuszug erstellen. Banken müssen regelmäßig die Erträge des Kunden auf dessen Konto vergüten. Und Versicherungen?

Nicht von alle dem. Sie bewegen sich mit Unterstützung von Frau König, BaFin, weiterhin in einer Parallelwelt, in der die Versicherungskunden abgehockt werden.

Wer sich näher für den Hintergrund der Verhandlungspositionen interessiert, möge ihre Vita nachschlagen.

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