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11.12.2014

13:44 Uhr

Ergo und Sexualmoral

Budapester Lustreisen landen im Museum

VonSönke Iwersen

Die Sex-Reisen für Ergo-Mitarbeiter verursachten vor Jahren einen Skandal. Jetzt haben sie dem Versicherer einen Platz in der Geschichte gesichert. Ein Museum stellt die Orgien nach – als Signal für die Gesellschaft.

„Ein Mordsspaß“ sei der Ausflug ins Budapester Rotlichtmilieu gewesen. So stand es seinerzeit in der Mitarbeiterzeitung der Ergo-Tochter Hamburg Mannheimer. Jetzt holt den Versicherer seine launige Vergangenheit ein. Symbolfoto: dpa/picture alliance

„Ein Mordsspaß“ sei der Ausflug ins Budapester Rotlichtmilieu gewesen. So stand es seinerzeit in der Mitarbeiterzeitung der Ergo-Tochter Hamburg Mannheimer. Jetzt holt den Versicherer seine launige Vergangenheit ein.

Symbolfoto: dpa/picture alliance

LeipzigDie Incentive-Reise der Ergo-Versicherung ist im Haus der Geschichte angekommen. In der aktuellen Ausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ zeigt das Museum in Leipzig rund 900 Objekte, an denen die Rolle und das Verständnis von Sex in der deutschen Gesellschaft abzulesen ist.

Einige davon stammen aus dem Wettbewerb, den die Ergo-Tochter Hamburg Mannheimer 2007 für ihre besten freien Versicherungsvertreter auslobte. Im Frühjahr wechselt die Ausstellung ins Haus der Geschichte in Bonn.
„Wir haben uns bei der Ausstellung für den Fall Ergo entschieden, um zu zeigen, dass Prostitution nicht nur in die Schmuddelecke der Gesellschaft gehört“, sagt Kornelia Lobmeier, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung.

Dass auch seriöse Unternehmen ihren Mitarbeitern zur Belohnung Prostituierte zuführten, zeige, wie die Sexualmoral in der Gesellschaft zumindest in Teilbereichen wirklich aussehe.

Ergo entdeckt weitere Lustreisen

„Kleine Clubreise“

Die Top-Five-Clubreise nach Mallorca (kleine Clubreise) hat in der Zeit vom 12.09. - 15.09.2005 stattgefunden und wurde von Herrn Lange in seiner Funktion als Leiter der HMI-Vertriebsorganisation begleitet.

„In HMI-Eigenregie organisiert“

Insgesamt werden angabegemäß je Jahr eine „große“ und zwei „kleine“ Top-Five-Clubreisen in Eigenregie von der Vertriebsdirektion HMI (VDHMI) organisiert, durchgeführt und über eigene Kostenstellen abgewickelt.

Leicht bekleidete „Mädels“

Als sie den Club betreten hätten, seien er und andere überrascht gewesen, weil im Tresenbereich leicht bekleidete „Mädels“ gestanden hätten. Einige, zu denen er gehörte, seien dann ca. nach einer Stunde zurückgefahren, andere seien dort geblieben.

„Aufwendungen für einen Bordellbesuch“

Aufgrund der vorliegenden Information ist es aus Sicht von REV (Revision) wahrscheinlich, dass mit den beiden von Herrn Lange eingereichten Bewirtungsbelegen über gesamt 2428 Euro Aufwendungen für einen Nachtclub/Bordellbesuch finanziert wurden.

„Mexxaton“

Auf beiden Belegen ist im Kopf der Name „Mexxaton“ vermerkt, bei dem es sich anscheinend um die Lokalität handeln soll, von der sie ausgestellt wurden. Auf dem Beleg über € 1508 ist zusätzlich das Datum „15.09.05“ vermerkt, während der andere kein Datum trägt. Weitere Angaben z.B. zum Aussteller befinden sich nicht darauf.

Lokalität vor Ort unbekannt

Eine Lokalität mit dem Namen „Mexxaton“ auf Mallorca haben wir weder bei unseren Internetrecherchen gefunden noch war sie der vor Ort vertrauten Reiseagentur bzw. dem Hotel oder Reiseteilnehmern bekannt.

Rechnung in den frühen Morgenstunden

Das Datum auf dem Beleg über € 1508 wäre allenfalls plausibel, wenn die Rechnung in den frühen Morgenstunden ausgestellt wurde, da am 15.09.05 der Abreisetag war.

Keine Aussage zu „Zweckformbelegen“

Wir haben am 10.06.2011 Herrn Lange telefonisch zu dem Vorgang befragt. Er erinnerte die Reise zwar, gab aber an, die Gruppe nicht in ein Bordell eingeladen zu haben. Zu den „Zweckformbelegen“ und dem Namen „Mexxaton“ könne er aber nichts sagen.

Vergleichbare Aktivitäten in Südamerika

Im Zusammenhang mit der Prüfung zu dem HMI-Sonderwettbewerb - Budapest 2007 („Party Total“) sind die auf den Gewinner- bzw. Teilnehmerlisten aufgeführten Personen von der Konzernrevision zur Teilnahme und ggf. weiteren Details befragt worden. Dabei ist von einer Person der Hinweis geäußert worden, dass es auf einer Wettbewerbsveranstaltung der HMI nach Südamerika zu vergleichbaren Aktivitäten gekommen sei.

„Swinger-Hotel“

Auf Nachfrage wurde der Hinweis dahingehend ergänzt, dass eine HMI-Geschäftsstelle in Frankfurt im Januar/Februar 2011 eine Wettbewerbsreise in ein „Swinger-Hotel“ in Jamaika durchgeführt habe.

Wettbewerbsreisen ins Hedonism II

Die von Herrn M. geleitete Geschäftsstelle in Frankfurt hat in den Jahren 2009 und 2011 jeweils Wettbewerbsreisen nach Jamaika in das „Swinger-Hotel“ Hedonism II (www.hedonism-resorts.de) durchgeführt.

Reiseziel für entsprechend Interessierte

Das Hotel ist gemäß Internet-Recherche ein bekanntes Reiseziel für entsprechend interessierte Personen.

Reiseunterlagen zur Genehmigung vorgelegt

Vor Buchung der Reise sind die Reiseunterlagen gem. Richtlinie zum Generalstrukturen-Reisewettbewerb (GRW) der abrechnenden Stelle PVH5HH per Mail zur Genehmigung vorgelegt worden.

Entscheidung für günstigste Variante

Von der Geschäftsstelle wurden insgesamt drei Angebote von unterschiedlichen Hotels eingeholt und es wurde mitgeteilt, dass man sich für die dritte, günstigste Variante mit der Hotelkombination Mariott am Time Square und dem Hedonism II auf Jamaika entschieden hatte.

Vor 25 Jahren im selben Hotel

Als Grund für die Buchung gab er an, dass seine erste Wettbewerbsreise vor 25 Jahren in dasselbe Hotel geführt habe.

Widersprach schon damals den Regeln

Nach allem, was Ergo heute bekannt ist, war diese Veranstaltung ein Einzelfall und widersprach schon damals den Regeln, die für die Organisation von Wettbewerbs-Reisen gelten.

„Playboy-Bunnys“ in der Anlage

Herr P. verwies darauf, dass sich zur selben Zeit das Magazin „Playboy“ mit „Bunnys“ zwecks eines Fotoshootings in der Anlage aufhielt.

Fotos oben ohne

In diesem Zusammenhang seien auch Fotos mit Teilnehmern und den Models (teilweise ohne Oberteil) aufgenommen worden. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Fotos an die Öffentlichkeit gelangten.

Besucher der Schamlos-Ausstellung lernen, dass die Deutschen 14,3 Milliarden Euro bei Prostituierten ausgeben – dreimal mehr als in Fitness-Studios. 18 Prozent aller Männer zahlen regelmäßig für Sex. Einige Städte nehmen seit Jahren Sex-Steuern von den Prostituierten.
Auch bei der Hamburg Mannheimer gab es 2007 keinerlei Hemmungen. Für die Freiluft-Orgie wurden in der historischen Gellert-Therme in Budapest Himmelbetten aufgestellt, Prostituierte mit farbigen Armbändchen gekennzeichnet und nach jedem Dienst am Unterarm abgestempelt.

Anschließend stand in der Mitarbeiterzeitung: „Ein Mordsspaß war es auf alle Fälle. Jedenfalls haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch niemanden gefunden, der dabei war und nicht sofort wieder loslegen möchte.“

Kommentare (6)

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Herr Viktor Jarosh

11.12.2014, 16:02 Uhr

Kapiere ich bis heute nicht, was daran unmoralisch war!
Alles legal, alle hatten Spaß - die Klinkenputzer bein Sex, die Ungarinnen bei der Abrechnung.

Herr Norbert Bluecher

11.12.2014, 16:19 Uhr

Immer diesen billigen moralischen Zeigefinger. Jarosh hat recht, beide hatten Spaß! Und wenn man mal ein bißchen hinter die Kulissen guckt und sieht, was nach manchen Vorstandssitzungen abgeht, dann ist die Budapest-Reise eher eine kleine Nummer.

Herr Manfred Zimmer

11.12.2014, 16:33 Uhr

Sie müssen nur Bedenken, dass diese Lustreisen von den Versicherten bezahlt wurden und letztlich dazu eigens ein Gesetz herhalten musste, um Untreue als gesetzlich legal darzustellen und den Versicherten den Klageweg abzuschneiden.

Was ist gemeint?

Entgegen dem BVerfG-Urteil soll den Versicherten das Recht an deren Bewertungsreserven gänzlich gestrichen werden. Nach einschlägigen Informationen werden auf diese Weise den Versicherungen über 80 Mrd. Euro übereignet.

Daraus lassen sich viele dieser Lustreisen finanzieren.

Bisher soll der Bundespräsident das Gesetz noch nicht unterschrieben haben. Wir werden es erfahren, ob der Bundespräsident zu seiner gegenüber dem Ausland eingeforderten Rechtssicherheit und dem Eigentumsrecht der Versicherten steht, oder ob er die Geschäfte im Puff ankurbeln will.

Es scheint ihm schwer zu fallen, sich ethisch und moralisch zu outen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen. Auch zuvor wurden die Versicherten nicht korrekt beteiligt. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen einer Bewertung der einen und der Bewertung der anderen. Während viele Versicherungen die Versicherten mit einer handelsrechtlichen Bewertung, einer schwarzen Null beteiligten, erwarten die anderen eine Bewertung Mark to Market. Was in der aktuellen Zeit außerordentlich hohe Gewinne bringt (vgl. hierzu auch die wirtschaftlichen Ergebniszahlen der Versicherer selbst).

Wenn gewünscht, bin ich gerne bereit dieses Thema ausführlicher zu erläutern.

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