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31.08.2014

12:40 Uhr

Ex-AIG-Chef vs. US-Regierung

Absurder Prozess um 25 Milliarden Dollar

VonAxel Postinett

Der US-Versicherer AIG stand vor der Pleite, als die US-Regierung 80 Prozent der Anteile übernahm. Der größte Aktionär, Ex-CEO Greenberg, will nun sein Geld zurück. Der Prozess gegen die Regierung beginnt bald.

AP

San FranciscoEs wird der entscheidende Prozess der globalen Finanzkrise. Alle bedeutenden Banken der Wall Street haben mittlerweile mit Milliardenstrafen für ihre Rolle im Zusammenbruch der Weltwirtschaft 2008 gezahlt, ausgelöst durch dubiose Kreditgeschäfte, skrupellose Finanzmanöver oder bewusste Täuschung von Investoren und Aufsichtsbehörden, wie im Fall der Bank of America. Aber bislang ist noch nicht ein einziger der Akteure persönlich haftbar gemacht worden. Im Gegenteil: Maurice „Hank“ Greenberg, der heute 89-jährige ehemalige Vorstandschef des Versicherungsgiganten AIG, dreht sogar den Spieß um und verklagt die Regierung.

Die Rettung der AIG vor der Pleite mit 182 Milliarden Dollar Steuergeldern war seiner Meinung nach nichts anderes als ein dreister Schachzug der Regierung, um ihn und die anderen AIG-Aktionäre zu enteignen. Er erträumt für sich das, was Millionen einfachen Amerikanern für immer verwehrt bleiben wird. Während die nicht zuletzt durch die Machenschaften von Banken und Versicherungen wie AIG ihre Häuser und Existenzen verloren, will er für sich die Finanzkrise ungeschehen machen.

Greenberg, der im Zuge der AIG-Sanierung nach eigenen Angaben 90 Prozent seines Vermögens einbüßt hat, will nicht weniger als 25 Milliarden Dollar vom US-Staat. Bundesrichter Thomas Wheeler kam vergangene Woche zu dem Schluss, dass wegen der Komplexität des Falls ein Prozess angebracht ist. Das Verfahren wird am 29. September beginnen und wahrscheinlich sechs Wochen dauern. Die Wall Street hält den Atem an. Verliert Greenberg, dann kann es weiteren Bankern an den Kragen gehen. Gewinnt er dagegen, ist nach Meinung vieler Kritiker endgültig klar, dass das große Geld längst die USA beherrscht.

Sie sind alle davongekommen: Angefangen von Dick Fuld, dem Chef der Pleitebank Lehman Brothers, über James Dimon, Chef von JP Morgan, eines der zentralen Institute, wenn es um Subprime-Kredite geht, bis zu Brian T. Moynihan, seit 2010 CEO der Bank of America. Er hatte bis zuletzt nicht einsehen wollen, dass sein Institut zur Finanzkrise substanziell beigetragen hat. Insider berichten, dass Moynihan bis zuletzt auf eine läppische Strafe von ein paar Millionen Dollar bestanden habe. Erst, als ihm Justizministerium und Staatsanwaltschaft unmissverständlich klargemacht hatten, dass jetzt kein Weg mehr an einer Klageerhebung vorbeiführe, sei er eingeknickt. Letztendlich wurde eine Strafzahlung von 17 Milliarden Dollar verhängt.

Nicht so Maurice Greenberg. Er will es ausfechten. Was war geschehen: Als das Finanzsystem 2008 bereits zu weiten Teilen kollabiert war und vom Steuerzahler künstlich beatmet wurde, verschlechterte sich die Lage der AIG dramatisch. Mit wilden Derivategeschäften („credit default swaps“) in der Hoffnung auf spekulative Gewinne hatte sich der Versicherer in die Krise manövriert. Damals war Greenbergs Holding Starr International mit zwölf Prozent größter Einzelinvestor und Greenberg, nicht mehr CEO und damals noch unter den Top-200 der reichsten Menschen der Welt, hielt persönlich Anteile.

Daten und Fakten AIG

Versicherungsriese...

AIG ist einer der größten Versicherungskonzerne der Welt. Im zweiten Quartal 2014 verdiente der Konzern unterm Strich annähernd 3,1 Milliarden Dollar (2,3 Mrd. Euro).

... mit schlechtem Ruf

Weltweite Schlagzeilen machte AIG in der US-Immobilienkrise: Wegen geplatzter Deals am Häusermarkt stand der Konzern am Rande des Ruins. Der Staat sprang mit einem Rettungspaket von mehr als 182 Milliarden Dollar ein – die teuerste Rettungsaktion damals.

Teure Prozesse

Die Finanzkrise hat für AIG auch juristische Folgen. Anleger hatten geklagt, weil sie sich über die finanzielle Lage von AIG hinters Licht geführt sahen und Verluste beim Beinahe-Zusammenbruch erlitten. AIG hat sich grundsätzlich mit den Klägern geeinigt. Wenn ein Gericht zustimmt, zahlt der Konzern ihnen 960 Millionen Dollar.

Comeback gelungen

AIG zahlte dem Staat die Rettungsgelder samt Zinsen zurück. Der Konzern trennte sich von zahlreichen Beteiligungen und Töchtern und kurbelte parallel das eigentliche Geschäft mit Schaden- und Unfallversicherungen sowie mit Lebens- und Rentenversicherungen an.

Als die Lage aussichtslos wurde, schoss der Staat Geld zu und übernahm im Gegenzug 80 Prozent der Anteile. Schon damals forderten AIG-Manager, gerettet zu werden ohne Anteile abgeben zu müssen. Greenberg selbst beschwerte sich in einem Interview mit Charlie Rose 2013 über zahlreiche Optionen, die andere Banken bekommen hätten, AIG aber verweigert worden waren. Damit hätte man dieses „Liquiditätsproblem“, mehr könne er nicht sehen, einfach lösen können.  Aber vergebens, der Staat stieg ein. In der Folge wurden Aktien zusammengelegt („reverse split“) und die Kapitalbasis erhöht. Das rettete zwar die Gesellschaft, aber die Altaktionäre ereilte das Undenkbare: Sie mussten tatsächlich für die Rettung finanzielle Opfer bringen, die über Kursverluste hinausgingen.

Kommentare (4)

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Herr Werner Bauer

01.09.2014, 08:48 Uhr

Dafür gibt es ein außerordentlich passendes Wort:
CHUZPE

Herr Martin Zuehlke

01.09.2014, 09:05 Uhr

dummdreist, skrupellos, gewissenlos sind wohl treffender!

Herr Gerhard Achter

01.09.2014, 09:08 Uhr

also irgendetwas hat bei dieser Rettung mit Enteignung der Aktionäre nicht gestimmt wenn nach 4 Jahren alle Rettungsgelder zurückgezahlt sind und noch 23Mrd. Dollar als Gewinn verbleiben.

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