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04.10.2012

06:19 Uhr

Falsche Riester-Verträge

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ergo-Manager

VonSönke Iwersen

ExklusivEs gibt neuen Ärger für die Ergo: Interne Dokumente legen mehr als 3500 Betrugsfälle bei Riester-Verträgen nahe. Die Versicherung verschleppte die Aufklärung jahrelang.

Torsten Oletzky, Vorstandsvorsitzender der Ergo Versicherungsgruppe: neuer Ärger. dpa

Torsten Oletzky, Vorstandsvorsitzender der Ergo Versicherungsgruppe: neuer Ärger.

DüsseldorfDie fehlerhaften Abrechnungen von Riester-Verträgen der Ergo-Versicherung könnten zu strafrechtlichen Konsequenzen führen. Nach Informationen des Handelsblatts ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen vier ehemalige und aktive Führungskräfte der Ergo wegen des Verdachts auf Betrugs nach Paragraph 263 des Strafgesetzbuches. Gegen sieben weitere Manager wird wegen Beihilfe zum Betrug ermittelt. Unter ihnen: Ludger Griese, bis vor wenigen Tagen Vorstand der Ergo Lebensversicherung AG. Interne Dokumente der Ergo zeigen, dass Griese seit November 2005 von den fehlerhaften Abrechnungen Kenntnis hatte.

Die Versicherung gab auf Anfrage an, es gebe keinen Zusammenhang zwischen den Ermittlungen und der abrupten Trennung von Griese. Griese selbst reagierte nicht auf Anfragen. Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers wollte keine Angaben zum Stand des Verfahrens machen und bestätigte lediglich, dass die Ermittlungen andauern.

Anstoß für die Ermittlungen sind tausende von fehlerhaften Abrechnungen von Riester-Verträgen aus den Jahren 2005 und 2006. Die Kunden wurden laut Ergo aus Versehen, durch einen Druckfehler, zu falschen Kosten abgerechnet. Sie seien irrtümlich besser gestellt worden als geplant. Fakt ist: Die Kunden zahlten 25 Prozent mehr als vertraglich vereinbart. Insgesamt ging es um rund eine Million Euro.

Als ein Kunde den Fehler im Oktober 2005 bemerkte, zog die Versicherung daraus sechs Jahre lang keine Konsequenzen. Der eine Kunde wurde zwar entschädigt, die anderen aber nicht. Interner Mail-Verkehr zeigt den Grund. „Ich persönlich habe den Eindruck, dass man auch gar nicht so genau alle Fälle wissen will, da eine Korrektur nur händisch mit erheblichem Aufwand möglich ist, “ schrieb ein Abteilungsleiter, der im Zuge der Aufklärungsarbeit um Stellungnahme gebeten wurde. Er sprach von den „üblichen Begleiterscheinungen“ einer Tarifumstellung.

Erst nach Bekanntwerden 2011 wurden unter öffentlichem Druck alle 12.000 Kunden entschädigt. Bei rund einem Viertel von ihnen reicht dies aber möglicherweise nicht aus. Sie stornierten ihre Verträge oder wechselten zu seiner anderen Versicherung. Dadurch kam es zu niedrigeren Rückkaufs- oder Übertragungswerten, als vertraglich vereinbart. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hegt deshalb in 3552 Fällen den Verdacht eines „vollendeten Betruges“. Betrug kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Ergo entdeckt weitere Lustreisen

„Kleine Clubreise“

Die Top-Five-Clubreise nach Mallorca (kleine Clubreise) hat in der Zeit vom 12.09. - 15.09.2005 stattgefunden und wurde von Herrn Lange in seiner Funktion als Leiter der HMI-Vertriebsorganisation begleitet.

„In HMI-Eigenregie organisiert“

Insgesamt werden angabegemäß je Jahr eine „große“ und zwei „kleine“ Top-Five-Clubreisen in Eigenregie von der Vertriebsdirektion HMI (VDHMI) organisiert, durchgeführt und über eigene Kostenstellen abgewickelt.

Leicht bekleidete „Mädels“

Als sie den Club betreten hätten, seien er und andere überrascht gewesen, weil im Tresenbereich leicht bekleidete „Mädels“ gestanden hätten. Einige, zu denen er gehörte, seien dann ca. nach einer Stunde zurückgefahren, andere seien dort geblieben.

„Aufwendungen für einen Bordellbesuch“

Aufgrund der vorliegenden Information ist es aus Sicht von REV (Revision) wahrscheinlich, dass mit den beiden von Herrn Lange eingereichten Bewirtungsbelegen über gesamt 2428 Euro Aufwendungen für einen Nachtclub/Bordellbesuch finanziert wurden.

„Mexxaton“

Auf beiden Belegen ist im Kopf der Name „Mexxaton“ vermerkt, bei dem es sich anscheinend um die Lokalität handeln soll, von der sie ausgestellt wurden. Auf dem Beleg über € 1508 ist zusätzlich das Datum „15.09.05“ vermerkt, während der andere kein Datum trägt. Weitere Angaben z.B. zum Aussteller befinden sich nicht darauf.

Lokalität vor Ort unbekannt

Eine Lokalität mit dem Namen „Mexxaton“ auf Mallorca haben wir weder bei unseren Internetrecherchen gefunden noch war sie der vor Ort vertrauten Reiseagentur bzw. dem Hotel oder Reiseteilnehmern bekannt.

Rechnung in den frühen Morgenstunden

Das Datum auf dem Beleg über € 1508 wäre allenfalls plausibel, wenn die Rechnung in den frühen Morgenstunden ausgestellt wurde, da am 15.09.05 der Abreisetag war.

Keine Aussage zu „Zweckformbelegen“

Wir haben am 10.06.2011 Herrn Lange telefonisch zu dem Vorgang befragt. Er erinnerte die Reise zwar, gab aber an, die Gruppe nicht in ein Bordell eingeladen zu haben. Zu den „Zweckformbelegen“ und dem Namen „Mexxaton“ könne er aber nichts sagen.

Vergleichbare Aktivitäten in Südamerika

Im Zusammenhang mit der Prüfung zu dem HMI-Sonderwettbewerb - Budapest 2007 („Party Total“) sind die auf den Gewinner- bzw. Teilnehmerlisten aufgeführten Personen von der Konzernrevision zur Teilnahme und ggf. weiteren Details befragt worden. Dabei ist von einer Person der Hinweis geäußert worden, dass es auf einer Wettbewerbsveranstaltung der HMI nach Südamerika zu vergleichbaren Aktivitäten gekommen sei.

„Swinger-Hotel“

Auf Nachfrage wurde der Hinweis dahingehend ergänzt, dass eine HMI-Geschäftsstelle in Frankfurt im Januar/Februar 2011 eine Wettbewerbsreise in ein „Swinger-Hotel“ in Jamaika durchgeführt habe.

Wettbewerbsreisen ins Hedonism II

Die von Herrn M. geleitete Geschäftsstelle in Frankfurt hat in den Jahren 2009 und 2011 jeweils Wettbewerbsreisen nach Jamaika in das „Swinger-Hotel“ Hedonism II (www.hedonism-resorts.de) durchgeführt.

Reiseziel für entsprechend Interessierte

Das Hotel ist gemäß Internet-Recherche ein bekanntes Reiseziel für entsprechend interessierte Personen.

Reiseunterlagen zur Genehmigung vorgelegt

Vor Buchung der Reise sind die Reiseunterlagen gem. Richtlinie zum Generalstrukturen-Reisewettbewerb (GRW) der abrechnenden Stelle PVH5HH per Mail zur Genehmigung vorgelegt worden.

Entscheidung für günstigste Variante

Von der Geschäftsstelle wurden insgesamt drei Angebote von unterschiedlichen Hotels eingeholt und es wurde mitgeteilt, dass man sich für die dritte, günstigste Variante mit der Hotelkombination Mariott am Time Square und dem Hedonism II auf Jamaika entschieden hatte.

Vor 25 Jahren im selben Hotel

Als Grund für die Buchung gab er an, dass seine erste Wettbewerbsreise vor 25 Jahren in dasselbe Hotel geführt habe.

Widersprach schon damals den Regeln

Nach allem, was Ergo heute bekannt ist, war diese Veranstaltung ein Einzelfall und widersprach schon damals den Regeln, die für die Organisation von Wettbewerbs-Reisen gelten.

„Playboy-Bunnys“ in der Anlage

Herr P. verwies darauf, dass sich zur selben Zeit das Magazin „Playboy“ mit „Bunnys“ zwecks eines Fotoshootings in der Anlage aufhielt.

Fotos oben ohne

In diesem Zusammenhang seien auch Fotos mit Teilnehmern und den Models (teilweise ohne Oberteil) aufgenommen worden. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Fotos an die Öffentlichkeit gelangten.

Ergo hält die Mitarbeiter für unschuldig. „Einem Betrugsvorwurf treten wir entschieden entgegen. Ein strafrechtlich relevantes Handeln der beschuldigten Personen sehe ich nicht“, sagte Johannes Lörper, Mitglied des Vorstands der Ergo Lebensversicherung AG, dem Handelsblatt. „Aber selbstkritisch müssen wir sagen: Schon als der Fehler im Herbst 2005 bekannt wurde, hätten wir reagieren müssen.“

Laut Ergo sind fünf der betroffenen Manager sind noch heute bei der Versicherung tätig, einer von ihnen in einer höheren Position als vor der Riester-Affäre.

Kommentare (29)

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Asklepios

04.10.2012, 08:13 Uhr

Die Ergo-Manager sind wohl am mediterranen Virus infiziert?

Mitarbeiter-und-Kunde

04.10.2012, 08:46 Uhr

Was soll denn das ?
Möchte man hier ständig abgestandenes Essen aufwärmen?
Denkt jemand auch einmal an die vielen tausend Mitarbeiter, die einen guten Job machen und die ständig auf die Verfehlungen einiger dummer Zeitgenossen angesprochen werden? Ich dachte bisher immer, ich lese eine seriöses Blatt, dass nicht jede Meldung bis zum Erbrechen durchkauen muss.

Account gelöscht!

04.10.2012, 09:05 Uhr

Wie der Herr, so`s Gescherr. Oder der Fisch stinkt vom Kopf..
Jedenfalls sind die Auswüchse bei ERGO meines Erachtens einer zweifelhaften Unternehmenskultur und einem Versagen aller Kontrollmechanismen geschuldet. Sprich: nicht wahrgenommene Führungsaufgaben.
Man hat sogar vergessen, wie man sein Brot und Buttergeschäft fehlerfrei abwickelt.

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