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05.06.2013

15:05 Uhr

Generali-Versicherung zur Flut

„Wir haben bereits ein paar Hundert Schadensmeldungen vorliegen“

VonMartin Dowideit

Mit Schätzungen der Hochwasserschäden halten sich Versicherungen noch zurück. Doch es zeichnet sich ab, dass viel auf die Unternehmen zu kommt. Ein Schadensregulierer spricht über Krisenstäbe und feuchte Keller.

Wirtschaftliche Schäden durch Hochwasser

Rösler verspricht Hilfe für Unternehmen

Wirtschaftliche Schäden durch Hochwasser: Rösler verspricht Hilfe für Unternehmen

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Bei Michael Thie glüht derzeit das Telefon und der Computer spuckt im Minutentakt Schadensmeldungen aus den Überschwemmungsgebieten in Bayern, Thüringen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt aus (Bericht zur aktuellen Lage). Sein Job: Die Mitarbeiter zur Begutachtung von Häusern und Firmen schicken.

Handelsblatt Online: Herr Thie, Sie koordinieren für die Versicherer der Generali Gruppe die Aufnahme der Schäden durch das Hochwasser. Wie ist die Lage?

Michael Thie: Wir haben bereits ein paar Hundert Schadensmeldungen vorliegen. Aus Erfahrung wissen wir, dass der Höhepunkt der Schadensmeldungen drei bis fünf Tage nach dem Passieren der Flutwelle eintrifft.

Michael Thie ist stellvertretender Leiter der Abteilung Schadenregulierer für die Versicherer der Generali Deutschland Gruppe. PR

Michael Thie ist stellvertretender Leiter der Abteilung Schadenregulierer für die Versicherer der Generali Deutschland Gruppe.

Es kommt also noch mehr auf Sie zu?

In einigen Regionen steht das Wasser ja noch, von dort wurden noch wenige Schäden gemeldet. Wir haben jetzt vor allem Meldungen aus den Regionen Rosenheim, Erfurt und Gera, aber auch etlichen anderen Gegenden. Für eine Schätzung des voraussichtlichen Schadenumfanges ist es daher zu früh.

Als Großschaden-Experte: Wie lässt sich die Flut mit anderen Vorfällen vergleichen?

Wir haben gleichzeitig mit mehreren Fluten zu kämpfen: Donau, Elbe, Saale, Schwarze und Weiße Elster, Saale, Mulde. Das ist einiges. Wir haben eine relativ hohe Menge an deutlichen Schadensmeldungen, die wir im Sinne unserer Kunden schnellstmöglich bearbeiten.

Ratschläge für Hochwassergeschädigte

Verunreinigte Lebensmittel noch essen?

Vom Verzehr unzureichend verpackter Lebensmittel raten wir Ihnen ab. Überlegen Sie auch, ob Sie in Ihrem Keller oder in anderen Lagerräumen Giftstoffe (Rattengift, Pflanzenschutzmittel etc.) aufbewahrt haben und lassen Sie diese Räume gegebenenfalls durch die Feuerwehr oder eine Fachfirma abpumpen, so daß das verunreinigte Wasser sicher entsorgt werden kann. Geben Sie der Feuerwehr oder der Entsorgungsfirma Hinweise auf die enthaltenen Giftstoffe!

Wenn der Heizölkeller voll Wasser steht

Den Keller leer zu pumpen ist erst dann sinnvoll, wenn das Hochwasser abgeflossen und der Grundwasserpegel ausreichend abgesenkt ist. Sind auf der Wasseroberfläche nur Ölschlieren erkennbar, kann das Wasser ohne weitere Maßnahmen ins Freie gepumpt werden - vorzugsweise in den nächsten Kanaleinlauf. Bei einer deutlichen Ölschicht auf der Wasseroberfläche sollte das Abpumpen der Feuerwehr überlassen werden, die über Geräte verfügt, um Wasser und Öl zu trennen. Gleiches gilt, wenn im Keller außer Öl auch andere wassergefährdende Stoffe wie z.B. Pflanzenschutzmittel, Rattengift und ähnliches gelagert wurden, oder wenn ölverunreinigter Schlamm möglicherweise nach Leerpumpen des Kellers zurückbleibt.

Bitte verwenden Sie kein Ölbindemittel ohne Absprache mit der Feuerwehr und achten Sie auf die ordnungsgemäße Entsorgung! Es erschwert das Abpumpen und kann Schäden an den Pumpen anrichten. Nach dem Leerpumpen den Keller gut lüften. Öl, das in Bauteile aus Beton, Ziegel, Holz usw. eingedrungen ist, beeinträchtigt nicht deren Festigkeit.

Was tun bei Ölschlämmen und Öldämpfen im Haus?

Ausgelaufenes Heizöl verursacht erhebliche Geruchsbelastungen, die in der Regel jedoch keine gesundheitliche Gefährdung bedeuten. Von einem längeren Aufenthalt in unbelüfteten Räumen, insbesondere Kellerräumen, raten wir jedoch ab. Was ist zu tun? Nicht rauchen, kein offenes Feuer! Lüften mit starkem Luftaustausch. Öl absaugen (in der Regel nur durch Fachkräfte möglich!). Ölbindemittel, Emulgatoren sollten nur zur Beseitigung kleinerer Rückstände und zur abschließenden Reinigung in Gebäuden verwendet werden. Bitte beachten Sie: Beim Einsatz von Ölbindemitteln ist in geschlossenen Räumen Brand- und Explosionsgefahr nicht auszuschließen. Falls Sie derartige Mittel einsetzen wollen, schalten Sie die örtliche Feuerwehr ein.

Schaden Öldämpfe im Freien der Gesundheit?

Öldämpfe im Freien können eine intensive Geruchsbelastung darstellen, gefährden in aller Regel jedoch nicht die Gesundheit. Behördliche Messungen, die vorgenommen wurden, haben keine Hinweise auf eine gesundheitliche Gefährdung erbracht.

Was tun bei Öldreck im Garten und auf dem Feld?

Häufig wird in den Bereichen, die vom Hochwasser überflutet waren, Hof und Garten mit einem dünnen Ölfilm überzogen sein. Im allgemeinen werden nur geringe Ölmengen in die oberste Bodenschicht eingedrungen sein, die bis zum Herbst abgebaut sein dürften. Sie werden keine dauerhafte Nutzungseinschränkung verursachen. Ist der Boden aber erkennbar mit Öl getränkt oder mit einer dicken Ölschlammschicht bedeckt, sollten Sie sich mit Ihrem Landratsamt, Ihrer kreisfreien Stadt bzw. dem Amt für Landwirtschaft über einen Abtrag des belasteten Bodens und die Art seiner Entsorgung abstimmen.
Gartenböden sollen aber in regelmäßigen Abständen - etwa alle 2-3 Wochen - 5 bis 10 cm tief umgegraben werden, um für ausreichende Luftzufuhr zu sorgen; zur Beschleunigung des Abbaus von Mineralöl können Hilfsstoffe (z.B. Biocrack) eingesetzt werden. Gras, Grünfutter sind als Restmüll zu entsorgen und eignen sich nicht zum Kompostieren. Komposthaufen: der Komposthaufen sollte umgesetzt werden, der kontaminierte Kompost in diesem Jahr nicht mehr in den Boden eingearbeitet werden.

Sandkästen, Kinderspielplätze: sichtbar verunreinigter und nach Öl riechender Sand muß ausgetauscht werden. Gartenteiche: bei einem dünnen Ölfilm auf dem Gartenteich kann der Abbau durch Zugabe von Biocrack beschleunigt werden. Falls Öl auf dem Wasser aufschwimmt, muß es von der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk abgepumpt werden. Danach ist der Teich zu reinigen und neu zu befüllen.

Welche Gefahren drohen durch Strom?

Welche Gefahren drohen durch Strom in feuchten Räumen? Schalten Sie den Strom in überschwemmten und ausgepumpten Gebäuden sowie in sonstigen feuchten Räumen nicht einfach wieder ein! Es besteht eine erhebliche Gefahr von Stromschlägen und Kurzschlüssen.

Das gleiche gilt, wenn Sie elektrische Geräte, die der Wassereinwirkung ausgesetzt waren, wieder in Betrieb nehmen. Wir empfehlen dringend, elektrische Anlagen und Geräte durch eine Elektrofachkraft überprüfen zu lassen! Nehmen Sie Ihre Heizung erst nach der Inspektion durch einen Fachmann in Betrieb.

Gemüse aus dem überschwemmten Garten essen?

Wir raten vom Verzehr von Gemüse aus überschwemmten Bereichen ab. Obst, Gemüse, Salat sind aus Vorsorgegründen nicht mehr zum Verzehr geeignet und sollten mit dem Restmüll entsorgt werden. In Zweifelsfällen wenden Sie sich bitte an Ihre Kreisverwaltungsbehörde (Landratsamt bzw. kreisfreie Stadt), wo Sie kostenlos beraten werden.
Auskünfte erteilen auch die Verbraucherberatungsstellen. Bei gewerblich oder landwirtschaftlich genutzten Flächen stehen die örtlichen Behörden beratend zur Seite. Sie können den Boden Ihres Gartens aber wieder bepflanzen, sobald kein Ölgeruch mehr wahrzunehmen ist.

Kommen nach dem Hochwasser die Mücken?

Das ablaufende Hochwasser und das zurückgehende Grundwasser lassen in den Überschwemmungsflächen der Flüsse stark vernässte Flächen mit vielen Pfützen und Tümpeln zurück. Herrschen in dieser Zeit sommerliche Temperaturen, so entwickeln sich darin in wenigen Tagen Stechmücken, die zwar die Gesundheit der Bewohner nahegelegener Siedlungen nicht gefährden, sie aber durch ihre außergewöhnlich hohe Zahl doch sehr belästigen können. Nur die Mückenweibchen, die für die Entwicklung ihrer Eier auf Blut angewiesen sind, stechen Warmblüter.

Um eine Belästigung in den Wohnungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, als völlig harmloses Mittel Mückengaze oder -gitter (z.B. von Baumärkten) vor den Fenster- und Türöffnungen anzubringen. Die Insekten können damit praktisch vollständig aus den Wohnräumen ferngehalten werden.
Besonders in den Dämmerungsstunden ist es ratsam, sich in den Überschwemmungsflächen und den angrenzenden Wohngebieten nur so lang wie nötig im Freien aufzuhalten. Lange Bekleidung mindern die Erfolgschancen der Stechmücken. Zusätzlich sind an unbedeckten Körperteilen Mückenabwehrstoffe zum Einreiben oder Sprühen hilfreich.

Im Hochwassergebiet Trinkwasser konsumieren?

Das Hochwasser kann bei einzelnen Versorgungsanlagen das Trinkwasser beeinträchtigen. Chlorung: Bei manchen Trinkwasseranlagen wird deshalb zur Abwehr von möglichen Gesundheitsgefahren das Wasser gechlort. Damit werden Krankheitserreger abgetötet, die durch das Hochwasser u.U. in das Trinkwasser gelangt sein können. Diese Chlorung ist gesundheitlich völlig unbedenklich, es verursacht lediglich eine leichte Geruchs- oder Geschmacksbeeinträchtigung.

Trinkwasserverbot und Abkochanordnung: Wenn eine Chlorung nicht ausreicht (oder aus technischen Gründen unmöglich ist), um den bei uns vorgeschriebenen hohen Sicherheitsstandard zu gewährleisten, kann es erforderlich werden, das Trinken von Trinkwasser zu verbieten und anzuordnen, daß Wasser nur im abgekochten Zustand getrunken werden darf. Über die Notwendigkeit des Abkochens werden die betroffenen Bürgerinnen und Bürger in geeigneter Weise (z.B. über den Rundfunk) informiert.
Trinkwasser darf erst dann wieder getrunken werden, wenn Trinkwasserverbot und Abkochanordnung aufgehoben wurden. In der Zwischenzeit sollte Mineralwasser oder Wasser aus einer anderen freigegebenen Zapfstelle verwendet werden. In Zweifelsfällen rufen Sie bitte Ihr zuständiges Wasserwerk an, gegebenenfalls die Gemeinde. Auch die Gesundheitsabteilung am Landratsamt bzw. der kreisfreien Stadt gibt Ihnen Auskunft.

Wohin mit Ölverseuchten Hausabfällen?

Nach der Überschwemmung können Fußbodenbeläge, Holzverkleidungen, Estrich, Putz und andere saugfähige Bauteile sowie Hausrat durch Öl belastet sein. Sie können in der Regel als Sperrmüll entsorgt werden. Weitere Auskünfte kann Ihnen der Abfallberater des Landratsamtes bzw. der kreisfreien Stadt oder Gemeinde erteilen.

Wohin mit belastetem Heu, Gras oder Treibholz?

Sie können dieses belastete Material verbrennen, sollten vorher aber die Feuerwehr informieren und möglichst wenige Brandherde schaffen. Eine dringende Bitte: Verbrennen Sie das Material erst, wenn es trocken ist!
Um Bränden vorzubeugen, sollte das Feuer sorgfältig kontrolliert, Sicherheitsabstände beachtet und eine Verbrennung bei starkem Wind vermieden werden. Trockenes Treibholz sollte gehäckselt oder gesammelt verbrannt werden. Diese Maßnahmen gelten nur für eine Übergangszeit im Katastrophenfall. Für weitere Auskünfte steht Ihnen der Abfallberater Ihres Landkreises, Ihrer Stadt oder Gemeinde zur Verfügung.

Quelle

Wie sind Sie auf die Abarbeitung vorbereitet?

Bei Kumulereignissen, wie wir in der Branche sagen, konzentrieren wir einen Teil unserer 85 Außendienstmitarbeiter der Schadensregulierung in der betroffenen Region. Wir planen beispielsweise derzeit den Aufbau eines Krisenzentrums in Gera, wo ab Montag zwölf Mitarbeiter zusammengezogen werden.

Womit müssen sich die Kollegen beschäftigen?

Vor allem natürlich mit Gebäude- und Hausratsschäden, aber auch Betriebe sind unsere Kunden: vom Fleischer über den Bäcker bis zum Friseur.

Kommentare (2)

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ratpack223

05.06.2013, 15:53 Uhr

Ah, Aufräumarbeiten macht man heute in schwarzen Nylons, kurzem Rock und schwarzem Top.

vero

07.06.2013, 12:45 Uhr

Was erlauben (Rück)-Versicherungswirtschaft?!

Da sitzen sie nun und residieren in ihren ergo-dynamisch gestylten Stühlen, die Manager der Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften.

Vermutlich wurden viele Forschungen betrieben, um zu beantworten, wie man die Elementargefahren (Hochwasser etc.) gewinnbringend zeichnen kann. Logische Erkenntnis: Wir verteuern diese Risiken in exponierten Gebieten. Logisches Ergebnis: Für den dortigen Versicherungsnehmer jetzt zu teuer. Aber denjenigen, die eine Police haben, verspricht man eine unbürokratische Abwicklung. Zynismus pur!

Ja, werden die Manager zu Recht sagen, wir sind doch Aktiengesellschaften und gezwungen, einen „ausreichenden“ Gewinn auszuweisen. Wo aber bleibt die Einsicht, dass es gesellschaftlich notwendig ist, bei solchen Katastrophen koordiniert vorzugehen? Man versteckt sich hinter Zahlenkolonnen und gibt vor, schon Überlegungen angestellt zu haben, jedoch erfolglos.

Wie wär’s mit einer Poollösung, welche alle Versicherungsnehmer in Deutschland mit einbezieht? Da könnte man beispielsweise 30 Cent von jeder Hausratspolice oder Autopolice in einen Pool einzahlen. Dieser Pool zahlt im Katastrophenfall. Da käme eine Menge Geld über die Jahre zusammen. Ich sehe schon die nervösen Manager. So einfach ist das ja nicht, man muss genau festlegen, wann der Pool zahlen muss (Ereignisdefinition), wer ihn verwalten soll, wie die Schadenabwicklung funktionieren soll und überhaupt, muss man eventuell sogar spezielle Gesetze beschließen? Fragen über Fragen. Na und? Gerade die Rückversicherer, voran Munich Re und Hannover Re, sollten sich einbringen und eine Solidarlösung finden, ggfs. zusammen mit der Regierung.

Die Phantasie, die viele Manager täglich aufbringen bei der Gestaltung von „Bonussicherungs-Rahmenbedingungen“, würde man sich auch für eine zufriedenstellende Lösung dieses leider zunehmenden Katastrophenproblems wünschen.

Ich habe fertig!

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