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09.07.2012

18:05 Uhr

Gesundheitsreform

US-Krankenversicherer planen Milliardenfusion

Der Krankenversicherer WellPoint setzt auf die Gesundheitsreform in den USA: Mit einem Aufschlag von rund 40 Prozent bietet er 92 Dollar je Aktie des Rivalen Amerigroup - diese schießt um 38 Prozent nach oben.

WellPoint-Zentrale in Indianapolis. dapd

WellPoint-Zentrale in Indianapolis.

New YorkWenige Tage nach Bestätigung der Gesundheitsreform durch den Obersten Gerichtshof der USA bahnt sich unter den amerikanischen Krankenversicherern eine milliardenschwere Fusion an. Der Versicherer WellPoint will für rund 4,5 Milliarden Dollar den Rivalen Amerigroup übernehmen, wie beide Unternehmen am Montag ankündigten. Mit dem Zukauf setzt WellPoint darauf, dass künftig deutlich mehr arme Amerikaner in den Genuss der staatlichen Gesundheitsdienste Medicaid kommen. Nach dem Zusammenschluss würden die Unternehmen künftig mehr als 4,5 Millionen Begünstigte staatlicher Gesundheitsprogramme erreichen, darunter Medicaid-Empfänger in 19 Bundesstaaten.

Wie es zu Obamacare kam

Obamas großes Wahlversprechen

4. November 2008: Obama gewinnt die Präsidentenwahl, zu seinen Versprechen gehört eine tiefgreifende Reform des Gesundheitswesens. Die wichtigsten Ziele sind, die Explosion der Gesundheitskosten zu dämpfen, die Rechte der Versicherten zu stärken und mehr als 30 Millionen unversicherten US-Bürgern Zugang zu einer Krankenversicherung zu ermöglichen.

5. März 2009: Ein Treffen von Abgeordneten, Vertretern von Industrie und Gewerkschaften sowie Gesundheitsexperten im Weißen Haus soll die ersten Weichen für die Reform stellen. Die Federführung bei der Ausarbeitung des Gesetzes überlässt Obama dem Kongress, wo seine Demokraten eine breite Mehrheit haben. In den Ausschüssen von Senat und Repräsentantenhaus wird in den kommenden Monaten an unterschiedlichen Gesetzesentwürfen gefeilt.

Republikaner protestieren

August 2009: Während der politischen Sommerpause entbrennt ein heftiger Streit über Obamas Reformprojekt. Die Republikaner wettern gegen das Vorhaben, eine staatliche Krankenversicherung einzuführen. Im ganzen Land organisiert die erzkonservative Tea-Party-Bewegung lautstarke Proteste gegen "Obamacare".

9. September 2009: In einer Rede vor dem Kongress verteidigt Obama seine Pläne und ruft die Abgeordneten auf, die Reform schnell auf den Weg zu bringen.

Abstimmung im Kongress

7. November 2009: Das Repräsentantenhaus stimmt mit knapper Mehrheit für einen Entwurf, der die Einrichtung einer staatlichen Krankenversicherung als Alternative zu privaten Anbietern beinhaltet.

24. Dezember 2009: Der Senat verabschiedet einen eigenen Gesetzesentwurf für die Gesundheitsreform, der auf eine staatliche Krankenversicherung verzichtet. Die Versionen beider Kongresskammern sollen nun zu einer gemeinsamen Vorlage zusammengeführt werden, über die erneut abgestimmt werden muss.

Demokraten verlieren Mehrheit im Senat

19. Januar 2010: Bei einer Nachwahl verlieren die Demokraten ihre Super-Mehrheit von 60 der 100 Stimmen im Senat. Ein gemeinsamer Entwurf beider Kongresskammern ist zum Scheitern verurteilt, weil die Republikaner diesen nun im Senat blockieren können.

22. Februar 2010: Obama stellt einen Kompromissentwurf vor. Drei Tage später veranstaltet der Präsident mit Vertretern beider Parteien einen live im Fernsehen übertragenen Gesundheitsgipfel, doch die Fronten sind verhärtet.

Die Reform wird verabschiedet

21. März 2010: Das Repräsentantenhaus billigt schließlich die Vorlage, die der Senat im Dezember verabschiedet hat. Außerdem stimmen die Abgeordneten für ein Änderungspaket, das wenige Tage später dank einer Sonderregelung mit einfacher Mehrheit den Senat passiert.

23. März 2010: Obama setzt die Gesundheitsreform mit seiner Unterschrift in Kraft. Herzstück ist die Pflicht aller Bürger, ab 2014 eine Krankenversicherung abzuschließen. Sozial Schwächere werden dabei mit staatlichen Zuschüssen unterstützt. Wer sich weigert, muss eine Strafe zahlen.

Bundesgerichte erklären Reform für verfassungswidrig

13. Dezember 2010: Ein Bundesgericht in Virginia erklärt die Gesundheitsreform in Teilen für verfassungswidrig, Ende Januar folgt ein Bundesgericht in Florida. Andere Gerichte erhalten die Reform dagegen aufrecht.

14. November 2011: Der Oberste Gerichtshof in Washington zieht den Fall an sich, um nach den uneinheitlichen Urteilen in niedrigeren Instanzen für rechtliche Klarheit zu sorgen.

Oberstes Gerichtshof bestätigt Verfassungsmäßigkeit

26. März 2012: Der Supreme Court beginnt mit dreitägigen Anhörungen, bei denen Befürworter und Gegner der Reform ihre Argumente vorbringen. Im Zentrum steht der Streit über die Verfassungsmäßigkeit der Versicherungspflicht.

28. Juni 2012: Der Oberste Gerichtshof bestätigt die Verfassungsmäßigkeit des "Affordable Care Act". Die Republikaner kündigen umgehend an, ihren Feldzug gegen die Reform fortzusetzen.

"Wir sind zuversichtlich, dass dies nun absolut der richtige Zeitpunkt ist für diese überzeugende Gelegenheit", sagte WellPoint-Chefin Angela Braly. Im Feld der staatlichen Gesundheitsdienste Medicaid lägen erhebliche Wachstumschancen. Neben der Wirtschaft seien Budget-Themen, demographische Fragen und die Gesundheitsreform wichtige Treiber. "Wir glauben, dass dieser Zusammenschluss den Branchenführer im staatlichen Sektor schafft, der Medicaid- und Medicare-Anwärter bedient", sagte Braly. Während das staatliche Gesundheitsprogramm Medicaid die Armen im Blick hat, ist das Medicare-Programm auf alte Menschen ausgerichtet.

Der Oberste Gerichtshof hatte Ende Juni mit der Gesundheitsreform das wichtigste innenpolitische Vorhaben von Präsident Barack Obama bestätigt und die geplante allgemeine Versicherungspflicht für verfassungsgemäß erklärt. Damit könnten künftig rund 30 Millionen Amerikaner, die noch ohne Versicherung sind, in den Genuss einer Krankenversicherung kommen. Obama hatte 2010 das Mammutprojekt zur Reform des 2,6 Billionen Dollar schweren US-Gesundheitssystems nach langem Ringen erst gegen heftigen Widerstand im Kongress durchgesetzt.

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WellPoint bietet den Amerigroup-Aktionären 92 Dollar in bar je Aktie. Damit lockt der Versicherer die Amerigroup-Eigner mit einem satten Aufschlag von 43 Prozent gemessen am Schlusskurs der Aktie am Freitag. An der Börse kam der Übernahmevorstoß gut an: Die Wellpoint-Aktie gewann zeitweise 4,5 Prozent. Amerigroup-Aktien schossen zeitweise um rund 38 Prozent in die Höhe. Auch die Aktien anderer Versicherer, die im Geschäft mit staatlichen Gesundheitsprogrammen aktiv sind, gewannen hinzu. Die Anteilsscheine von Wellcare Health Plans stiegen um mehr als zwölf Prozent, die Papiere von Centene Corp legten mehr als 15 Prozent zu.

WellPoint will die Übernahme im ersten Quartal 2013 in trockene Tücher bringen. Das Unternehmen will den Zukauf unter anderem mit Barmitteln und neuen Schulden finanzieren. Die Übernahme soll schon im kommenden Jahr zum Gewinn je Aktie beitragen. Für das laufende Jahr ließ das WellPoint-Mangement seine Prognosen unverändert. Der Versicherer wurde bei dem Vorstoß vom Bankhaus Credit Suisse beraten, für Amerigroup arbeiteten Goldman Sachs und Barcalys.

Von

rtr

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