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15.05.2012

13:05 Uhr

Göker-Film vor Gericht

Eine Versicherung, ein Lob und die Scham

VonThomas Schmitt

Der Versicherungsverkäufer Mehmet Göker hat die Geldgier vieler Versicherungen öffentlich gemacht. Das ist manchem Ex-Partner peinlich. Die Alte Leipziger möchte daher acht Sekunden Lob über Göker für immer löschen.  

Champagner für die MEG: Frank Kettnaker (links), Vertriebschef der Alten Leipziger/Hallesche feiert mit MEG-Chef Mehmet Göker (zweiter von rechts) sowie anderen Versicherungsmanagern auf der MEG-Party in Melsungen 2007. Zweiter von links: Oliver Kuhlmann, Vertriebschef der Gothaer. Ganz rechts: Gernot Schlösser, Axa-Vorstandschef. Quelle: Sternfilm / Ulf Schaumlöffel

Champagner für die MEG: Frank Kettnaker (links), Vertriebschef der Alten Leipziger/Hallesche feiert mit MEG-Chef Mehmet Göker (zweiter von rechts) sowie anderen Versicherungsmanagern auf der MEG-Party in Melsungen 2007. Zweiter von links: Oliver Kuhlmann, Vertriebschef der Gothaer. Ganz rechts: Gernot Schlösser, Axa-Vorstandschef. Quelle: Sternfilm / Ulf Schaumlöffel

Keiner wird gerne an fragwürdige Auftritte erinnert. Doch wenn sie vor Gericht landen, wird die Peinlichkeit erst recht zum Gesprächsthema. So geht es nun Frank Kettnaker, der als Vertriebsvorstand für die Versicherungsgruppe Alte Leipziger Geschäfte mit dem schillernden Versicherungsverkäufer Mehmet Göker gemacht hat.   

Kettnaker geht im Namen seines Arbeitgebers gegen den Filmemacher Klaus Stern vor. Der profilierte und mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilmer hat den Streifen „Versicherungsvertreter“ gedreht und dabei auch Kettnaker gezeigt, wie er den umstrittenen MEG-Chef Göker lobt. 

Worum es im Film „Versicherungsvertreter“ geht

Krankenversicherung

„Wer seine Grenzen nicht kennt, hat auch keine.“ So wird Mehmet Göker zitiert. Der Film erzählt die Geschichte des heute 32 Jahre alten Verkäufers von privaten Krankenversicherungen. Er war aus der Sicht des Filmemacher „ein absoluter Herrscher über ein sektenähnliches Versicherungsimperium“. Der Film zeigt Aufstieg, Fall und Neuanfang des türkischstämmigen Jungunternehmers aus Kassel.

Quelle: www.versicherungsvertreter-derfilm.de

Vom Tellerwäscher zum Millionär

Der Film ist eine Geschichte von Gier und Größenwahn, er gibt aber einen Einblick in das Geschäftsgebaren privater Krankenversicherer. Göker wollte mehr als „nur einen Krümel vom Kuchen abhaben“: mit 25 hat er mit dem Vertrieb privater Krankenversicherungen am Telefon seine erste Million verdient.

Dicke Autos und groteske Rituale

Die MEG wächst schnell aus kleinen Anfängen. Der Umsatz steigt rasant. Immer neue Mitarbeiter werden angeworben und durch großzügige Provisionen gelockt. Verschwenderische Reisen für die besten Vermittler und Ferraris gehören zu den kleinen Annehmlichkeiten der ranghöheren Mitarbeiter. Die Jubel-Veranstaltungen der Firma wirken selbstherrlich, sind pompös gestaltet und enthalten groteske Rituale.

Extrem hohe Provisionen

Mehmet E. Göker ist der alleinige Herrscher in diesem Imperium, das 2009 über 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Er präsentiert sich als ein hyperaktiver Unternehmer, dem die privaten Krankenversicherer (unter anderem AXA, Allianz, Hallesche und Central) immer absurdere Provisionen zahlen. Bis zu 8.000 Euro kassiert die MEG AG für die Abschluss eines Vertrages. Auf dem Höhepunkt im Jahre 2009 ist die Firma der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland.

Kult um eine Verkaufsmaschinerie

Firmenchef Göker ist umgeben von hörigen Gefolgsleuten, die sich auch mal eben das Firmenlogo aufs Handgelenk tätowieren lassen. Göker schafft es, einen Kult um MEG zu erzeugen, dem sich seine Mitarbeiter nur schwer entziehen können. MEG ist nicht nur ein Arbeitgeber, MEG ist für die Leute in der Maschinerie ein Lebensstil. Auch Jahre später schwärmen sie noch davon. Kritiker sehen in MEG dagegen schlicht ein betrügerisches Schneeballsystem.

Pleite und Schulden

Ende 2009 ist der Versicherungsmakler pleite und die Staatsanwaltschaft ermittelt bis heute gegen Göker, unter anderem wegen Untreue, Insolvenzverschleppung und unlauterem Wettbewerb. Das System seines Strukturvertriebs war schon 2007 ins Wanken geraten, als Göker wegen unter anderem wegen Steuerhinterziehung zu 720.000 Euro Geldstrafe verurteilt wurde. Aktuell hat Mehmet Göker 21 Millionen EUR private Schulden.

Neuanfang in der Türkei

Mehmet E. Göker ist nur noch selten in Deutschland, er lebt in der Türkei, wo seine Eltern herkommen. Und er ist wieder aktiv. An der türkischen Ägäisküste lebt und arbeitet er mit über 50 Mitstreitern. Die neue Firma ist formal aber nicht seine eigene, beteuert er. Die „Göker Consulting Group“ gehöre seiner Mutter, er selbst sei dort nur Angestellter.

Der Film im Urteil anderer

„Eine herrlich bösartige Entlarvungs-Doku über das, was man mit Einfallreichtum sowie ein wenig krimineller Energie in unserem Land erreichen kann. (…) Exzellent montiert.“ So urteilt Bild. „Eine köstliche Realsatire – und sehenswert“, stellt Deutschlandradio fest.

„Göker ist ein extrem leidenschaftlicher Verkäufer. Vor allem seiner selbst. (…) Verwirrend sind die Unschuld und die fast schon relegiöse Überzeugung, mit der das tut. Göker , der zu seinen größten Erfolgszeiten Bilder von seinem Vater, Mahatma Gandhi und Richard Branson über dem Schreibtisch hängen hatte, kann sich und andere die tollsten Dinge einreden.“ Das meinte Josef Engels in der Welt.

 

Seit März läuft die Dokumentation über den Ex-Chef des insolventen Finanzvertriebs MEG, Mehmet Göker, bundesweit in den Kinos – mit unerwartet großem Erfolg. Knapp 19.000 Besucher wurden in elf Wochen bisher gezählt. Am 4. Juni läuft eine 45 Minuten lange Kurzfassung in der ARD. 

Der Film ist aus der Sicht von Stern so erfolgreich, weil er am Beispiel des Aufstiegs und Niedergangs einer Person und seines Unternehmens einen ungewöhnlichen Blick in die Versicherungsbranche gewährt. Göker hat mit zeitweise mehr als 1000 Mitstreitern private Krankenversicherungen verkauft. Das ist ein extrem lukratives Geschäft – für alle Beteiligten. 

Mehmet Göker: Ein Versicherungsvertreter blamiert die Branche

Mehmet Göker

Versicherungsvertreter blamiert die Branche

Der Film über den Aufstieg und Fall eines Starverkäufers liefert krasse Einblicke.

Für die Vermittlung eines Kunden an einen Krankenversicherer bekam MEG bis zu 8000 Euro Provision oder mehr von den Versicherern. Das ist enorm viel Geld für einen Vertrag, wie ein Vergleich zeigt. Die Anwälte von Stern weisen auf die Regeln der Konkurrenz hin: Die gesetzlichen Krankenkassen durften nach einer Vorschrift der Aufsichtsbehörden nur maximal 76,65 Euro für ein neues Mitglied zahlen. 

In dem Film zeige Stern, „mit welcher Gier und überhöhten Provisionen die deutschen Versicherungskonzerne um Privatpatienten buhlen“, stellen die Anwälte des Filmemachers fest. Der Film portraitiere ferner die offenbar grenzenlose Eitelkeit des Alleinvorstandes und Alleinaktionärs der MEG AG, Mehmet Göker. Er habe persönlichen Reichtum und private Prasserei zur Schau gestellt – als wichtigen Teil des Geschäftsmodells im Versicherungsvertrieb. Im Herbst 2009 ging MEG in die Insolvenz, namhafte Versicherer blieben insgesamt auf zweistelligen Millionenbeträgen sitzen. 

Gökers Welt: Provisionen und Versicherer

Versicherer zahlten Provisions-Vorschüsse in Millionenhöhe

Der Finanzvertrieb MEG und dessen Ex-Chef Mehmet Göker gelten als Paradebeispiel dafür, wie Finanzunternehmen über Provisionen Anreize für Verkäufer setzen. Im Insolvenzbericht der MEG heißt es: „Anfang des Jahres 2009 hatten vier Versicherungsgesellschaften Provisionsvorschüsse gezahlt, die im Jahr 2009 und teilweise auch noch in 2010 abgearbeitet werden sollten.“ Insgesamt waren das 19,5 Millionen Euro. „Etwa zur Jahresmitte valutierten diese Vorschüsse noch in Höhe von 11,28 Millionen Euro und waren im Übrigen tatsächlich durch entstandene Provisionsansprüche abgearbeitet. Es wurden dann weitere Vorschüsse gezahlt unter teilweiser Verrechnung der noch nicht abgearbeiteten Vorschüsse.“

Versicherer forderten mehr als 20 Millionen Euro zurück

Insgesamt ergaben sich aus Vorschüssen 15,7 Millionen Euro an Forderungen der Versicherer an MEG. Diese Forderungen der Versicherungsgesellschaften erhöhten sich jedoch noch erheblich, weil viele der bereits verrechneten Provisionsansprüche der MEG storniert werden mussten. Überschlägig ist jedoch davon auszugehen, dass weitere ca. 15 Millionen Euro aus Stornierungen von den Versicherungsgesellschaften geltend gemacht werden können. Ingesamt schätzt der Insolvenzverwalter die Forderungen der Versicherer aus gezahlten Vorschüssen (ohne Axa) auf 21 Millionen Euro.

Allianz

Die Allianz ist der drittgrößte private Krankenversicherer.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 2 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 1,7 Millionen Euro

Axa

Die Tochter des französischen Versicherers ist der viertgrößte private Krankenversicherer

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 10 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 7 Millionen Euro

AXA ist in einer Stundungsvereinbarung vom 28.09.2009 mit allen ihren zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Forderungen zur Vermeidung einer Überschuldung der MEG hinter alle anderen Forderungen von Gläubigern im Rang zurückgetreten ist. Ihre Forderung: 11 Millionen Euro.

 

Central

Der fünftgrößte deutsche Krankenversicherer ist eine Tochter der Generali Deutschland. Die Gesellschaft arbeitet bevorzugt mit dem größten deutschen Finanzvertrieb zusammen, der DVAG.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 8 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 4 Millionen Euro

 

Sparkassenversicherer

Consal arbeitete mit MEG. Die Gesellschaft gehört zu den Sparkassenversicherern. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse AG und die Union Krankenkasse AG sind Teil der Versicherungskammer Bayern und bilden zusammen den siebtgrößten privaten Krankenversicherer. Sie sind unter dem Dach der Consal Beteiligungsgesellschaft AG vereint. 

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss:  3,5 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro

 

Inter

Inter ist die Nummer 16 im Markt der privaten Krankenversicherer.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 1,5 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro

 

Hallesche

Der zehngrößte Krankenversicherer gehört zum Konzern Alte Leipziger und wird immer wieder genannt. Der Filmemacher Klaus Stern etwa hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit“, sagte er HNA Online zufolge. Die 5. Zivilkammer des Kasseler Landgerichts urteilte im September 2011, dass das Ex-MEG-Vorstandsmitglied Patrick Drönner nichts von zuvor kassierten Provisionen zurückzahlen muss. Die Hallesche Versicherung will laut HNA Online von dem ehemaligen MEG-Vorstand insgesamt 1,5 Millionen Euro an gezahlten Bonifikationen und Provisionvorschüssen zurückhaben.

Aragon

Die Vertriebsgesellschaft Aragon AG hat nach Übernahme der Aktien der MEG dieser ein Darlehen ausgereicht in Höhe von 6,5 Millionen Euro und sich zur Besicherung dieses Darlehens den Datenbestand der MEG abtreten lassen.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

15.05.2012, 13:26 Uhr

Der Versicherungsverkäufer Mehmet Göker.... Danke reicht schon!

Privatier

15.05.2012, 13:28 Uhr

" Das ist ein extrem lukratives Geschäft – für alle Beteiligten"
Nur nicht für die Beitragszahler. Die dürfen das Ganze mit ihren überhöhten Beiträgen finanzieren!
Das ist der eigentliche Skandal.
Die Vertriebsvorstände der Versicherer die, die Provisionen in dieser Höhe zu verantworten haben, gehören eigentlich wegen Unternehmensschädigung belangt!

GoekelundCo

15.05.2012, 14:27 Uhr

Skandalös! Wieso treten die Verantwortlichen nicht zurück?

Das ist nämlich der Verdruss der Bürger. Aber und leider ändert das auch keine Wahl bzw. die Politik. Aufsichtbehörden wie z.B. BaFIN sind also überflüssig, sondern eigentlich nur Beschäftigungstherapiebehörden.

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