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07.09.2012

15:27 Uhr

Krankenversicherung

AOK will Milliardenreserven nicht rausrücken

Die Krankenversicherung hat so viel Geld auf der hohen Kante wie nie, doch in zwei Jahren drohen laut AOK neue Milliardenlöcher. Die Kasse sieht jetzt die Zeit für durchgreifende Reformen gekommen.

Weniger Einnahmen, höhere Ausgaben: Die AOK sieht neue Finanzlöcher bei den Kassen kommen. dapd

Weniger Einnahmen, höhere Ausgaben: Die AOK sieht neue Finanzlöcher bei den Kassen kommen.

BerlinDurch einen Verzicht auf Wahlgeschenke und mutige Reformen bei Kliniken und Ärzten kann laut AOK der Trend zu immer höheren Krankenkassenbeiträgen dauerhaft gebrochen werden. Dafür müsse die Rekordreserve der gesetzlichen Krankenversicherung von fast 22 Milliarden Euro aber erhalten werden. Schritte gegen Verschwendungen und fragwürdige Abläufe in Kliniken und Praxen müssten schnell kommen, forderte AOK-Verbandschef Jürgen Graalmann bei einer Veranstaltung in Potsdam. Die Bundesregierung dürfe die Reserven nicht verpulvern. Wegen bröckelnder Einnahmen und höherer Ausgaben drohten in zwei Jahren neue Finanzlöcher bei den Kassen.

„Wir gehen davon aus, dass wir ab 2014, 2015 echte Defizite in der gesetzlichen Krankenversicherung haben werden“, sagte Graalmann. Derzeit haben die Einzelkassen und der Gesundheitsfonds 21,8 Milliarden Euro angesammelt. Als Grund für sein Negativszenario nannte Graalmann erwartete höhere Ausgaben für die Krankenhäuser, das Auslaufen von höheren Rabatten der Pharmahersteller sowie eine sich abflachende Konjunktur. Zwischen Beitragseinnahmen und Ausgaben klaffe bereits seit Jahren eine Lücke von vier Milliarden Euro pro Jahr - diese wachse dann auf fünf Milliarden.

„Es fällt der Gesundheitspolitik schwerer, den Feuerwehrmann zu spielen“, mahnte Graalmann. Die Schuldenbremse erschwere höhere Steuerzuschüsse, einem weiteren Drehen an der Beitragsschraube fehle es an Akzeptanz. Der AOK-Verbandschef warnte vor Schnellschüssen. So sei erst nach der Bundestagswahl die Zeit für Änderungen bei der Praxisgebühr gekommen. Man brauche aber nicht unbedingt mehr Geld. „Ich sehe nicht die Notwendigkeit für höhere Beitragssätze.“ Vor zehn Jahren stieg der durchschnittliche Kassensatz über 14 Prozent, heute liegt der Einheitssatz bei 15,5 Prozent.

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„Wir haben mit den Rücklagen die historische Chance, die gesetzliche Krankenversicherung sturmfest zu machen“, so der AOK-Chef. „Um das zu erreichen, muss man die Rücklagen schützen und darf sie nicht kurzfristig verpulvern.“ Graalmann forderte: „Wir brauchen auf breiter Front endlich Korrekturen bei strukturellen Defiziten.“

Die größten Krankenkassen in Deutschland

Platz 10

Krankenkasse: AOK Niedersachsen

Versichertenzahl: rund 2,5 Millionen

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit; dfg-Dienst für Gesellschaftspolitik; eigene Recherche

Platz 9

Krankenkasse: AOK Nordwest

Versichertenzahl: rund 2,8 Millionen

Platz 8

Krankenkasse: AOK Rheinland/Hamburg

Versichertenzahl: rund 3,0 Millionen

Platz 7

Krankenkasse: AOK Plus

Versichertenzahl: rund 3,1 Millionen

Platz 6

Krankenkasse: IKK Classic

Versichertenzahl: rund 3,3 Millionen

Platz 5

Krankenkasse: AOK Baden-Württemberg

Versichertenzahl: rund 4,2 Millionen

Platz 4

Krankenkasse: AOK Niedersachsen

Versichertenzahl: rund 4,4 Millionen

Platz 3

Krankenkasse: DAK-Gesundheit

Versichertenzahl: rund 5,8 Millionen

Platz 2

Krankenkasse: Barmer GEK

Versichertenzahl: rund 9,4 Millionen

Platz 1

Krankenkasse: Techniker

Versichertenzahl: rund 9,8 Millionen

So führt laut AOK-Vorstand Uwe Deh vor allem eine riesengroße Zahl kleiner Krankenhäuser zwischen Ostsee und Bodensee dazu, dass insgesamt zu viel und regional unterschiedlich häufig operiert werde. Die oft mangelhafte Qualität der Kliniken habe Deutschland in punkto Gesundheit in der Rangliste „Euro Health Consumer Index“ binnen drei Jahren von Platz 6 auf Platz 14 abrutschen lassen. „Das System ist ganz offensichtlich durch Überkapazitäten gekennzeichnet, so dass den Krankenhäusern nichts anderes übrig bleibt, als ohne medizinischen Grund in die Menge zu gehen.“

Deh forderte zudem, dass bei Ärzten und Kliniken Verfahren eingeführt werden, die die Qualität absichern und transparent für die Patienten seien. „Quer durch das Gesundheitswesen fehlt ein Anreiz für Qualitätssicherung.“ So sei es nötig, dass Medizinprodukte wie Implantate oder Stents ähnlich wie Arzneimittel auf Nutzen und Risiken geprüft werden, bevor sie Patienten eingesetzt werden.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Rene

07.09.2012, 15:42 Uhr

Diese verdammten Krankenkassen schröpfen den Arbeitnehmer (und parallel den Arbeitgeber) um sich Mammutgehälter zu zahlen und Glaspaläste zu bauen. Sie gehen nicht sorgfältig mit meinen Beiträgen um und werden vermutlich auch noch den Ärzten saftig ein Stück vom Kuchen abgeben.
Die GKW sollte sich mal bewußt werden, wer ihnen den Kuchen backt, den sie genüßlich verzehren!

Account gelöscht!

07.09.2012, 16:01 Uhr


Sie haben in der Tat recht; die gesetzlichen Krankenkassen sind Wegelagerer. Allerdings wurden Sie durch die Abschaffung des Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen, die durch die Politik der Sozialisten in Berlin bewirkt wurde, auch in die Lage versetzt, effektiv zu plündern. Uns droht nicht ein Defizit in 2 Jahren, sondern wir haben bereits erhebliche Defizite: nämlich in der intellektuellen Leistungsfähigkeit der Volksverräter in Berlin. Betracht man z.B. die Entwicklung der Geburten(vgl. Zeitschrift soziale Sicherheit 8-9/2012), so muß man feststellen, daß die Anzahl der Geburten in den letzten 10 Jahren um ca. 12% zurückging, aber gleichzeitig die Anzahl der Kaiserschnittentbindungen um über 30% zugelegt hat. Woran das liegt? Ganz einfach:

normale Fallpauschale für Geburt eines Kindes unter 2.499 Gramm : 1.020,11 € - Fallpauschale für Geborene mit schweren Problemen: 10.320,78 €; gleiche Geburt über 2.499 Gramm: 6.048,87 €.

Was lernt der Beobachter daraus? Je früher das Kind mit Kaiserschnitt geholt wird, desto lukrativer. Oder wahlweise auch : je mehr Risiko für Mutter und Kind, desto höher die Abrechnung.

Fazit: unser System ist zum Teil schon so dekandent wie unsere Politiker seit langem.

LB_Brandt@web.de

07.09.2012, 16:39 Uhr

Was bewirkt eine von der Politik geforderte Teilerstattung on Beiträgen? Nun es werden bei ca 50 Mio Beitragszahler - keine Mitversicherten -und 300 € Erstattung ca. 15 Milliarden ausgeschüttet. Diese Summe fließt aller Wahrscheinlichkeit umgehend in den Konsum. Es wird ein Wirtschaftswachstum zu Lasten der Versicherten erzeugt. Die Politik wird diese dann wieder als Erfolg verkaufen.
Die Aufgabe unser sozialen Sicherungssystem heißen aber nicht Wirtschaftswachstum zu fördern sondern Zukunftsicherung.
Ein gesundes soziales Sicherungssystem hat für mein Verständnis eine gute Rücklage - mindesten einen Jahresbeitrag pro Beitragszahler. Dies wären bei 50 Mio Beitragszahler ca. 250 Milliarden € (Arbeitnehmer und -geberbeitrag ca 400 € mtl).Mit solche einer Rücklage wären die Sozialsystem relativ wetterfest um Höhen und Tiefen auszugleichen.
Dieser Gedanke bedingt aber, daß die Politik aus diesem System ausgeschlossen wird, den sie ist nicht fähig die Zukunfstsicherung vorzunehmen, sie lebt immer nur den augenblicklichen Vorteil.
Das gesamte Leben ist auschließlich eine Wellenlinie, mal befinden wir uns auf dem Wellenkamm, mal im Wellental. Somit ist das Geschrei nach dem ewigem Wirtschaftswachstum unsolide.

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