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03.08.2012

07:39 Uhr

Lebensversicherer

Droht deutschen Konzernen das japanische Schicksal?

VonMartin Kölling

Japanische Lebensversicherer kennen es schon, ihren deutschen Kollegen könnte es bald ähnlich gehen: Niedrigzinspolitik sorgte bei den Japanern vor einigen Jahren für eine Pleitewelle. Ist nun Deutschland an der Reihe?

Leuchtende Laternen während eines Festivals in Tokio: Japans Lebensversicherer haben eine Pleitewelle hinter sich. AFP

Leuchtende Laternen während eines Festivals in Tokio: Japans Lebensversicherer haben eine Pleitewelle hinter sich.

TokioWer in die Kristallkugel blicken will, um die Zukunft der deutschen Lebensversicherer auszumachen, braucht nur in Japans Vergangenheit zu schauen. Danach könnte vielleicht eine Pleitewelle drohen, wie sie Japan bereits vor mehr als zehn Jahren durchlitten hatte. Japan war das erste Land, das eine dauerhafte Nullzinspolitik zum Mittel der Wirtschaftspolitik erhob.

Die schlechte Nachricht: Die niedrigen Leitzinsen, der Fluch der Branche, dürften länger bleiben, als den Assekuranzen lieb ist. Die gute Nachricht: Es gibt auch ein Leben nach der Nahtoderfahrung.

In Japan begann die Krise mit der Aktien- und Immobilienblase der 1980er-Jahre. Angesteckt von der Begeisterung, versprachen die Versicherer ihren Kunden eine hohe Mindestverzinsung von bis zu sechs Prozent - deutlich mehr, als die deutschen Versicherer je versprochen haben. Nach dem Platzen der Blase im Jahr 1989 pumpte sich der Staat immer mehr Geld für Konjunkturprogramme, um die Wirtschaft zu retten. Und um Staat und Banken zu retten, senkte die Notenbank die Zinsen, im Jahr 2000 sogar auf null Prozent, wo er seither allen Hilferufen der Branche zum Trotz de facto verblieb.

Die zehn größten Versicherungskonzerne

Platz 10

Prudential plc (Großbritannien)

Der britische Versicherer mit Hauptsitz in London hat weltweit 20 Millionen Kunden. Künftig soll ein Schwerpunkt auf das asiatische Geschäft gelegt worden. 2010 kamen die Briten auf einen Umsatz von 73,6 Milliarden Dollar.

Platz 9

Munich Re (Deutschland)

Der größte deutsche Rückversicherer, der früher Münchener Rück hieß, sichert sich ebenfalls einen Platz unter den weltgrößten Versicherern. Zur Gesellschaft gehört unter anderem auch die Ergo Versicherungsgruppe. Die rund 47.000 Mitarbeiter des Konzerns haben 2010 auf einen Umsatz von 76,22 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Platz 8

Nippon Life Insurance Company (Japan)

Die Japaner mit Hauptsitz in Osaka sind nicht nur der größte Lebensversicherer ihres Landes, sondern gehören auch international zu den größten. Mit einem Umsatz von 78,57 Milliarden Dollar und einem Gewinn von 2,6 Milliarden Dollar im Jahr 2010 ist der Konzern locker in der Top 10.

Platz 7

Aviva (Großbritannien)

Weltweit hat der Konzern aus London 35 Millionen Kunden und rund 45.000 Mitarbeiter. Insgesamt kamen die Briten im Jahr 2010 auf einen Umsatz von 90,2 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 2,26 Milliarden Dollar.

Platz 6

UnitedHealth (USA)

Im Bereich der Krankenversicherung gehört das Unternehmen aus der Kleinstadt Minnetonka (Minnesota) zu den größten der Branche. Weltweit beschäftigt der Konzern 87.000 Mitarbeiter, die einen Umsatz von 94,15 Milliarden Dollar erwirtschaften.

Platz 5

American International Group (USA)

Die New Yorker waren lange der größte Erstversicherer der Welt. In der Finanzkrise mussten sie dann sogar mit Steuergeldern gerettet werden. 2010 haben die Amerikaner rund 104,4 Milliarden Dollar umgesetzt.

Platz 4

Assicurazioni Generali (Italien)

Schon Franz Kafka gehörte kurzzeitig zu den Angestellten des traditionsreichen Versicherers aus Triest. Die Italiener gehören bis heute zu den führenden Versicherungskonzernen weltweit, 2010 kamen sie auf einen Umsatz von 120,2 Milliarden Dollar.

Platz 3

Allianz (Deutschland)

Der größte deutsche Versicherungskonzern schafft den Sprung auf das Treppchen. Von München aus steuert der Konzern 151.338 Mitarbeiter weltweit und erwirtschaftete so einen Umsatz von 127,38 Milliarden Dollar im Jahr 2010.

Platz 2

Berkshire Hathaway (USA)

Mit dem schillernden Investor Warren Buffett an der Spitze, ist US-Beteiligungsgesellschaft vor allem im Versicherungsgeschäft tätig. Die Amerikaner gehören zu den profitabelsten Konzernen des Landes. 2010 wurde ein Umsatz von 136,18 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Platz 1

AXA (Frankreich)

Der größte Versicherungskonzern der Welt hat seinen Hauptsitz in Paris. Insgesamt verwalten die rund 103.000 Mitarbeiter ein Vermögen von 1,38 Billionen Dollar. Allein im Jahr 2010 wurde ein Umsatz von 162,2 Milliarden Dollar eingefahren.

Die Operation gelang - Japans Wirtschaft blieb der Kollaps erspart -, aber sie verursachte Kollateralschäden - die Krise der Lebensversicherer. Sie mussten höhere Zinsen zahlen, als sie bei den niedrigen Zinsen und fallenden Aktienkursen erwirtschaften konnten. Diese negative Zinsspanne löste ab 1999 eine Pleitewelle aus, die 2001 mit dem Bankrott von fünf Versicherern ihren Höhepunkt erreichte. "Es gibt wenige Industrien auf der Welt, die in einer schlechteren Verfassung sind", urteilte das Magazin "The Economist" noch 2003. Doch da wendete sich das Blatt schon langsam zum Guten.

Ab 2001 hob ein sechs Jahre währender Wirtschaftsaufschwung alle leckgeschlagenen Boote, auch die Lebensversicherer. Zusätzlich zahlten sich Sanierungsprogramme, eine Konsolidierung der Branche, eine Zusammenarbeit mit Banken und die Einführung neuer Produkte wie Kranken- und Pflegeversicherungen aus. Seit 2010 steigt das Volumen der Neuverträge für individuelle Versicherungen wieder an. Zuvor war es lange gesunken.

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Viele Konzerne haben laut Transparency International immer noch nebulöse Strukturen.

Auch die negative Zinsspanne ist branchenweit fast passé, in einigen Unternehmen ist sie bereits gänzlich verschwunden. Denn nach 20 Jahren haben die Versicherer die meisten Altverträge abgegolten. Einige Versicherer wie Dai-ichi Life fühlten sich sogar stark genug, um an die Börse zu gehen. Viele expandieren im Ausland. Und im Juli haben die Branchenführer beschlossen, ihr Kapital zu erhöhen.

Die Sorgen bleiben. Nicht nur sind die Gewinne weiterhin schwach. Zudem drückt die Börsen-Baisse die dürftigen Erträge. Doch die größte Gefahr droht den Versicherern durch ihre Investitionen in bisher stabile japanische Staatsanleihen, die sich Ende März laut ihres Industrieverbands auf 1 470 Milliarden Euro beliefen. Angesichts einer Staatsverschuldung von 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts könnte auch dieses Kartenhaus zu wackeln beginnen und im Krisenfall riesige Lücken in die Bilanzen reißen. Die Kreditbewertungsagenturen werteten daher zuletzt die Bonität mehrerer Lebensversicherer ab.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

03.08.2012, 08:12 Uhr

Seit 2008 predigen einige längst dass man seine LV am besten kündigen sollte. Zurecht!!! Das Geld der Sparer wird draufgehen, das ist so sicher wie das A und O

easyway

03.08.2012, 09:12 Uhr

Der missing link ist ein Plan. "Konzerne" erhalten, ist sicher keiner.
Außer einem unglaublichen Gezerre findet gar nichts statt.

Johannes Rothkranz sagte 1993 in schon im Titel seines kritischen Buchs "Der Maastricht-Vertrag - Endlösung für Europa" alles, was es zu sagen gibt und da ist nichts dazu gekommen außer Redundanz des immer gleichen. Den größten Bereich nimmt das Bankenkartell ein.




Lebesunversicherter

03.08.2012, 09:37 Uhr

Neeein, die LVs sind sischer. Mal nach §89 VAG googeln.

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