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14.08.2012

14:39 Uhr

Lustreisen-Skandal

Interner Bericht enthüllt Details der Ergo-Affäre

VonSönke Iwersen

ExklusivMit großem Ehrgeiz hat der Versicherungsriese Ergo seine Lustreisen-Affäre aufgearbeitet. Lange blieb der Revisionsbericht der Öffentlichkeit verschlossen. Exklusiv zeigt das Handelsblatt nun seine brisantesten Inhalte.

Dort fand einst die Sex-Party der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer statt. dpa

Dort fand einst die Sex-Party der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer statt.

DüsseldorfDie Konzernrevision der Ergo-Versicherung hat ganze Arbeit geleistet: Die Spezialisten sichteten 300 Gigabyte an Daten, werteten Zehntausende E-Mails aus, fast 100 Personen wurden befragt. 27 Revisionsangestellte arbeiteten sich durch 28 Archivkartons, prüften Tagungsprotokolle, Handy- und Spesenrechnungen.

Der Auftrag: Die interne Aufklärung einer Affäre, die das Handelsblatt am 19. Mai 2011 unter der Überschrift "Herr Kaiser auf Lustreise" öffentlich gemacht hatte. Der Artikel beschrieb, wie die Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer im Juni 2007 die historische Gellert-Therme als Belohnung für ihre besten freien Vertreter in Budapest in ein Freiluft-Bordell verwandelt hatte. 20 Prostituierte wurden eingeladen, mit farbigen Armbändern gekennzeichnet, und nach jedem Liebesdienst am Unterarm abgestempelt.

Die Aufklärung war intensiv, teils schmerzlich und in manchen Punkten unergiebig. Maßgebliche Akteure hatten die Versicherung schon vor Bekanntwerden der Lustreise verlassen - die Reise spielte dabei aber keine Rolle. Und ausgerechnet der Mann, der im Vertrieb kurz nach der Budapest-Orgie die Verantwortung übernahm, behielt sein Wissen um den ungeheuerlichen Vorgang jahrelang für sich. Sein Name: Ludger Griese.

Griese übernahm die Führung des Vertriebs im Juli 2007. Ausweislich des Revisionsberichtes wusste er spätestens seit Dezember 2007 von der Buchung von Prostituierten. Doch obwohl dies nach heutiger Ergo-Darstellung einen schweren Verstoß gegen die Verhaltensrichtlinien darstellte, ergriff er jahrelang keine disziplinarischen Maßnahmen.

Ergo: Chronik eines Skandals

19. Mai

Das Handelsblatt berichtet über die Sex-Reise der Hamburg-Mannheimer (HM) nach Budapest. Die Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme räumte daraufhin ein: "Es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise des HMI-Vertriebs nach Budapest gegeben hat. Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise ca. 20 Prostituierte anwesend waren. Von öffentlichen Sexdarbietungen ist uns nichts bekannt."

19. Mai

Ergo richtet eine Task-Force zur Aufklärung der Vorgänge ein. Sie wächst im Laufe der kommenden Wochen auf mehr als 100 Mitarbeiter an.

22. Mai

Die "Bild am Sonntag" zeigt Bilder und ein Video von vermeintlich koksenden Versicherungsvertretern der Hamburg-Mannheimer.

23. Mai

Die Ergo erklärt: "Die Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten Top-5-Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase."

24. Mai

Fußballtrainer Jürgen Klopp lässt seinen Werbevertrag mit Ergo (HMI) ruhen. "Was man von dieser Reise liest, kann man nur aufs Schärfste verurteilen", sagt sein Berater Marc Kosicke.

25. Mai

Ergo gibt bekannt, seine Werbekampagne, die allein im Jahr 2010 mehr als 50 Millionen Euro kostete, zu reduzieren.

26. Mai

Auf Youtube taucht eine Parodie auf die jüngste Ergo-Werbekampagne auf. Der Spot wurde bislang fast 200 000-mal angeklickt - vier mal so oft wie das Original.

29. Mai

Die "Welt am Sonntag" berichtet, Ergo habe die Sex-Reise von der Steuer abgesetzt.

1. Juni

Fußballtrainer Jürgen Klopp kündigt seinen Vertrag mit Ergo (HMI).

8. Juni

Der Ergo-Aufsichtsrat tagt und beschließt härtere Compliance-Richtlinien.

9. Juni

Das "Handelsblatt" berichtet, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt.

10. Juni, morgens

Ergo dementiert das Handelsblatt. Ergo-Sprecher Alexander Becker: "Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt."

10. Juni, nachmittags

Ergo nimmt das Dementi zurück, löscht die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gibt zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe.

10. Juni

Ergo-Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft Munich Re, Nikolaus von Bomhard, spricht von einem "gravierenden Fehler" und kündigt an, Munich Re werden bei der Aufklärung helfen.

17. Juni

Ergo beziffert die Zahl der geschädigten Kunden auf 14000. Sie sollen jetzt nachträglich entschädigt werden.

Den Ergo-Vorstand informierte Griese erst auf Nachfrage im Juni 2010. Doch auch der Vorstandsvorsitzende Torsten Oletzky, der nun erstmals von der Lustreise hörte, arbeitete den Vorgang zunächst nicht auf. Er fragte nach, ob sichergestellt sei, dass eine solche Reise nicht erneut geschehen könnte. Dies wurde bejaht. Oletzky war dies fürs Erste genug. Die Revision schaltete er erst ein, als die Lustreise in der Zeitung stand.

Der Bericht der Konzernrevision wurde am 3. Juni 2011 fertiggestellt, blieb aber unveröffentlicht. Das Handelsblatt zeigt nun exklusiv seine wichtigsten Passagen.

Kommentare (31)

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strizzi

14.08.2012, 15:45 Uhr

Ich frag'mich, was daran so schlimm ist?

Bittner

14.08.2012, 15:53 Uhr

Da hat die Redaktion der HMI-Postille Recht: Es war ein unvergessliches Erlebnis. Liegt halt in der Natur des Mannes. Man muss es nicht gutheißen, aber es hat funktioniert. [...]

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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anonym

14.08.2012, 16:33 Uhr

Ihr Verweis: /www.organomics.de/aktuelles/113-blog072011spassinbudapest.html Sie ordnen krimminelles Verhalten zu den positiven Gruppenerlebnissen und wo bitteschön soll diese Schwachstelle des menschlichen Verhaltens in Gruppen, die bereits in der Vergangenheit zu unsäglichem Leid geführt hat enden?

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