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30.05.2016

13:35 Uhr

Martin Senn

Ex-Zurich-Chef nimmt sich das Leben

VonOzan Demircan

Der frühere Zurich-Chef Martin Senn hat Selbstmord begangen. Der Manager war im vergangenen Dezember entmachtet worden. Mit Senn nahm sich bereits der zweite hohe Zurich-Manager das Leben.

Der 59-Jährige hat sich das Leben genommen. dpa

Martin Senn

Der 59-Jährige hat sich das Leben genommen.

FrankfurtDer Schweizer Allianz-Konkurrent Zurich muss einmal mehr einen Selbstmord in der Managerriege verkraften. Der frühere Chef des Unternehmens, Martin Senn, hat sich am Freitag das Leben genommen. „Die Familie von Martin Senn hat uns darüber informiert, dass Martin am letzten Freitag freiwillig aus dem Leben geschieden ist“, teilte Zurich am Montag mit. Er soll sich Medienberichten zufolge in seiner Wohnung im Ort Klosters erschossen haben. Die Kantonspolizei bestätigte einen Einsatz am vergangenen Freitag.

Sechs Jahre lang stand der 59-Jährige an der Spitze des weltweit aktiven Versicherers. Den Großteil seiner Karriere verbrachte Senn in Asien. Schon mit 26 Jahren wurde er nach einem kurzen Abstecher in die USA zum Finanzdirektor der Hongkong-Filiale des UBS-Vorläufers Schweizerischer Bankverein (SBV) ernannt. Später wechselte er zur Credit Suisse, danach zur Swiss Life. 2006 wurde er zum Investmentchef der Zurich ernannt und schaffte es, das fast 200 Milliarden Franken schwere Portfolio des Konzerns ohne große Not durch die Finanzkrise zu bringen.

Das brachte ihm so viel Ruhm ein, dass er schnell als Vorstandschef gehandelt wurde. 2009 war es schließlich soweit. „Martin ist eine zupackende, umsichtige und resultatorientierte Führungspersönlichkeit“, lobte ihn der damalige Verwaltungsratspräsident Manfred Gentz. So wurde er stets geschätzt: Er führte den Konzern mit ruhiger Hand, beinahe unspektakulär. Während seiner Amtszeit wurde Zurich zu einer Dividendenmaschine, schrieb nie Verluste.

Die größten Versicherer Europas (Beitragseinnahmen 2014)

Platz 10

Mapfre (Spanien)
Beitragseinnahmen 2014: 22,4 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 2,6 Prozent
Quelle für alle Angaben: Übersicht von Mapfre.

Platz 9

Aviva (Großbritannien)
Beitragseinnahmen 2014: 27 Milliarden Euro
Rückgang gg. Vorjahr: plus 4,1 Prozent

Platz 8

Talanx (Deutschland)
Beitragseinnahmen 2014: 29 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 3,0 Prozent

Platz 7

Crédit Agricole Assurances (Frankreich)
Beitragseinnahmen 2014: 29,4 Milliarden Euro
Rückgang gg. Vorjahr: plus 14,3 Prozent

Platz 6

CNP Assurances (Frankreich)
Beitragseinnahmen 2014: 30,5 Milliarden Euro
Rückgang gg. Vorjahr: plus 11,4 Prozent

Platz 5

Zurich (Schweiz)
Beitragseinnahmen 2014: 39,5 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 1,1 Prozent

Platz 4

Prudential (Großbritannien)
Beitragseinnahmen 2014: 40,9 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 14 Prozent

Platz 3

Generali (Italien)
Beitragseinnahmen 2014: 70,4 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 6,9 Prozent

Platz 2

Allianz (Deutschland)
Beitragseinnahmen 2014: 73,9 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 2,5 Prozent

Platz 1

Axa (Frankreich)
Beitragseinnahmen 2014: 86,3 Milliarden Euro
Wachstum gg. Vorjahr: plus 0,9 Prozent

Doch so sehr sich der erfahrene Manager Senn, der selbst einmal Finanzvorstand gewesen war, hinter den Kulissen ins Zeug legte – er schaffte es nicht, die große Wende bei Zurich hervorzurufen. Im Geschäftsjahr 2015 brach der Gewinn um mehr als die Hälfte auf 1,8 Milliarden US-Dollar ein. Die geplante Milliardenübernahme des britischen Versicherers RSA gelang nicht, das qualvolle Stellenabbauprogramm lag Senn dafür schwer auf den Schultern. Die Investoren wollten keinen bescheidenen Finanzfachmann mehr. Sie wollten einen Star.

Nach einer ganzen Reihe schlechter Quartalsresultate entmachtete Zurich seinen langjährigen Chef schließlich im vergangenen Dezember. Auf eine Abfindung musste er ebenso verzichten wie auf eine ehrenhafte Entlassung. Im Gegenteil: Schon zuvor wurde sein Salär von einst 8,5 Millionen Schweizer Franken auf 2,5 Millionen reduziert.

Im März dieses Jahres gab Zurich dann bekannt, dass der Italiener Mario Greco fortan die Geschicke des Konzerns leiten solle. Es konnte offenbar nicht schnell genug gehen: Statt im Mai fing Greco bereits im März mit der Arbeit an. Investoren waren von der Ernennung erleichtert, Senn womöglich am Boden zerstört. Der erlittene Macht- und Prestigeverlust habe Senn schwer getroffen, soll ein Bekannter Senns Schweizer Medien erzählt haben.

Auch wenn sich Spekulationen zum Selbstmord Senns verbieten: Der Suizid wirft ein Schlaglicht auf das Unternehmen. Denn der Konzern ist zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren vom Suizid eines hochrangigen Managers betroffen. Ende August 2013 nahm sich der damalige Finanzchef Pierre Wauthier in seinem Haus das Leben. Besonderes Aufsehen erregte der Akt in Deutschland vor allem, weil Wauthier in einem von zwei Abschiedsbriefen Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann beschuldigte, für ein raues Klima im Konzern gesorgt zu haben. Ackermann war damals Verwaltungsratschef des Unternehmens und trat nach Bekanntgabe der Vorwürfe mit sofortiger Wirkung von seinem Posten zurück.

Schon damals hatten Konzerninsider bemerkt, dass die Unternehmenskultur leide. Ackermann war seinerzeit geholt worden, um den etwas behäbigen Versicherer „unter Spannung zu setzen“, wie es ein Verwaltungsrat einmal gegenüber dem Handelsblatt formulierte, „und mitzuhelfen, die Zurich auf eine Ebene mit der Allianz oder der Axa zu führen“. Senn zeigte sich damals tief erschüttert. „Selbst wenn man einen Menschen gut kennt und eng mit ihm zusammenarbeitet, sieht man leider nie ganz in ihn hinein“, sagte er in einem Interview.

„Mit Martin verlieren wir nicht nur einen verdienstvollen ehemaligen CEO und wertvollen früheren Arbeitskollegen, sondern auch einen guten Freund“, erklärte Senns langjähriger Arbeitgeber am Montag. Auch auf Twitter teilte die Zurich-Versicherung ihre Trauer: „Wir trauern um Martin Senn, einen wertvollen Arbeitskollegen & herzensguten Freund.“ Senn war mit einer Geigerin aus Korea verheiratet, die er in den 1980er Jahren auf einer Dschunkenfahrt kennengelernt hatte. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder.

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