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03.08.2011

16:19 Uhr

Nach Sexskandalen

Ergo gelobt Besserung und verpasst sich neue Regeln

Der durch Sex-Skandale in Verruf geratene Versicherer verpasst sich einen neuen Regelkatalog. Doch die Offensive weckt Zweifel: Auf der Pressekonferenz gibt es irritierende Vorgänge und ein neues Gerücht wird bekannt.

Torsten Oletzky, Vorstandsvorsitzender der Ergo, hatte einen schweren Gang vor sich. Quelle: dapd

Torsten Oletzky, Vorstandsvorsitzender der Ergo, hatte einen schweren Gang vor sich.

DüsseldorfDeutschlands zweitgrößter Versicherer Ergo hat mit einem neuen Regelkatalog auf Skandale um eine Sex-Party und falsche Beratungen reagiert. „Es sind in der Vergangenheit Fehler passiert“, räumte Ergo-Chef Torsten Oletzky am Mittwoch in Düsseldorf ein. Das Vertrauen der Verbraucher lasse sich nur wieder herstellen, wenn man „offen über alles spricht“.

Ergo sei durch eine „schwierige Phase“ gegangen. Die Münchener-Rück-Tochter verabschiedete nun unter anderem einen Verhaltenskodex für selbstständige Vertreter und Maßnahmen, die eine bessere Beratung der Kunden sicherstellen sollen.

Nun will Ergo mit Transparenz und strengeren Verhaltensregeln für ihre Berater auf die Skandale der vergangenen Wochen reagieren. Als eine Konsequenz geht demnächst eine Bewertungsplattform für die Versicherungsvertreter an den Start. Hier können Kunden nach Vertragsabschluss bewerten, wie zufrieden Sie mit der Beratungsqualität des Vertreters sind. Liegen aussreichend Bewertungen vor, werden die Ergebnisse auf den Internetseiten der Vertriebspartner veröffentlicht.

Außerdem soll die Qualität der Beratung durch so genannte Mystery Shopper erhöht werden; dabei werden in regelmäßigen Abständen Testkäufer losgeschickt, um die Vertreter ohne Vorwarnung auf Herz und Nieren zu testen. Und weil Ergo von der Beratungsqualität seiner Vertreter überzeugt ist, verdoppelt das Unternehmen das Rücktrittsrecht der Kunden von zwei auf vier Wochen.

Oletzky resümiert: „Wir werden die Ende 2009 gestartete Neuausrichtung der ERGO konsequent fortsetzen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieser Weg der richtige ist.“ Besonders am Herzen liegt Oletzky außerdem die Stärkung der Kundenrechte. Dafür hat Ergo schon Anfang des Jahres einen Kundenanwalt etabliert, der im Interesse der Versicherungsnehmer agieren soll.

Neue Gerüchte

Gleichzeitig schließt Oletzky nicht aus, dass das Ende der Fahnenstange mit immer neuen Vorwürfen noch nicht erreicht ist. Nur Minuten später soll er recht behalten. Für die betriebliche Altersvorsorge soll sich der zweitgrößte deutsche Versicherer mit finanzieller „Landschaftspflege“ Zugang zu Personalabteilungen und Betriebsräten verschafft haben, haben Journalisten gehört. Dafür gebe es bislang keine ausreichend konkreten Anhaltspunkte, heißt es vom Podium, vor dem sich weit mehr Journalisten als zu den regulären Bilanz-Vorstellungen des Unternehmens drängen.

Keine kritischen Fragen erwünscht

Rund um die Pressekonferenz gab es einige Auffälligkeiten, die an der neuen Transparenz der Ergo Zweifel wecken. So hatte sich Ralf-Dieter Brunowsky, Ex-Chefredakteur von Capital und Kommunikationsberater, angemeldet. Zunächst wurde die Akkreditierung bestätigt. Brunowsky wollte einige kritische Fragen stellen, wurde jedoch von der Ergo-Presseabteilung ausgeladen. Die Ergo teilte ihm mit, dass „diese Pressekonferenz ausschließlich für die berichterstattenden Wirtschaftsmedien“ gedacht sei.

Brunowsky vermutet, dass die Absage erfolgte, weil Clemens Vedder zu seinen Mandanten gehört. „Wenn man nichts zu verbergen hat“, sagte Brunowsky, „braucht man auch keine Angst vor kritischen Beobachtern zu haben.“
Vedder hatte vor einigen Wochen angekündigt, die Ergo-Gruppe auf Schadenersatz zu verklagen.

Außerdem wurde dem Nachrichtensender n-tv ein zugesichertes Interview mit Ergo-Chef Oletzky kurzfristig gestrichen, was bei einer solchen Veranstaltung ungewöhnlich ist. Begründet wurde dies mit der Tatsache, dass zu viele Interviewanfragen eingegangen seien und die Ergo daher gar keine mehr berücksichtigt. Allerdings führte Oletzky dann doch einige Interviews. N-tv hatte seit dem frühen in Beiträgen ausführlich über die Geschichte des Sex-Skandals berichtet.

Kommentare (8)

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03.08.2011, 14:03 Uhr

Die Sex-Party stört mich nicht sonderlich. Das gehört in so manchen Kreisen "einfach dazu", so schade das ist.
Aber der hier begangenen massenhafte Betrug am Kunden (der beschönigend Falschberatung gannant wird - das ist der unglaubliche Vorgang - aber daran wird ja offensichtlich festgehalten. Der Witz von wegen "Rücktrittsrecht auf 4 Wochen verlängert" - da muss sich der Normalkunde doch noch mal zusätzlich ausgelacht fühlen.

chris

03.08.2011, 14:05 Uhr

Reine Kosmetik. Ja geradezu eine Frechheit:

Die Verantwortung, schlechte Qualität zu erkennen, wird vorrangig dem Kunden (=Laien) übertragen.
Welchem Laien helfen denn 2 Wochen mehr Zeit zum Rücktritt?

Ein eher hilfloser Versuch, den Ruf zu retten - nicht mehr.

Natürlich gibt es dort auch seriöse Vertreter.
Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie die HMI Quereinsteiger (ohne grundsätzliches Interesse für die Finanzbranche) in den Fußgängerzonen mit Versprechen wie Sportwagen etc. angeworben hat.

So mancher kam dabei zu dem Beruf wie auch mancher Kunde zur ungeliebten Versicherung: Aufgeschwätzt;
ohne zu wissen, worauf man sich einlässt.

Die HMI hat zugelassen, dass dort die Nachteile des Strukturvertriebes auswuchern konnten wie bei kaum einem anderen Unternehmen - offensichtlich ohne Grenzen.

Wer sich mit dem Thema Unternehmenskultur auseinandergesetzt hat, weiß wie schwer sich eingefahrene Verhaltensweisen und Werte ändern lassen.

Entweder hat man bei der ERGO keine Ahnung zu diesem Thema, oder es fehlt schlicht der Wille, sich mit der tatsächlichen Problematik auseinanderzusetzen:

Nicht einzelne, schwarze Schafe sind das Problem:
Es ist das Wertesystem im gesamten Unternehmen, das derartige Ausfälle (und das Schweigen danach) erst möglich gemacht hat
- und wohl auch weiterhin möglich macht, wenn die wahren Probleme nicht gelöst werden.

chris

03.08.2011, 14:22 Uhr

@Michel:

Also ich hätte mit einer Prostituierten das Problem, dass ich mir dabei immer bewusst wäre, dass ich die wirtschaftliche Notlage dieser Frau ausnutze:

Weil sie möglicherweise freiwillig nicht mit mir ins Bett ginge.

Ist es da nicht wahrscheinlich, dass jemand, der bei Prostituierten derartige Gewissenskonflikte nicht hat, sich auch nichts darum schert, dass...

...der Kunde den Versicherungsvertrag womöglich unter anderen Umständen auch nicht freiwillig unterschreiben würde, z.B. wenn er sich selbst auskennen würde und nicht darauf angewiesen wäre, dem Vertreter blind zu vertrauen?

Ich sehe da schon einen gewissen Zusammenhang - gerade bei gewissen "Verkaufsstrategien", die weniger auf bedarfsgerechter Beratung basieren als vielmehr an Nötigung grenzen...

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