Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.09.2012

19:10 Uhr

Neueste Berechnungen

Die Rücklagen der Krankenkassen wachsen weiter

VonAxel Schrinner, Peter Thelen

ExklusivDie Krankenkassen horten Milliarden – und die Rücklagen dürften wachsen, das hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) berechnet. Die Kassen könnten ohne Weiteres die Beiträge senken. Ob sie es tun, ist fraglich.

Geld im Überfluss: Die Krankenkassen horten Milliardenüberschüsse. dpa

Geld im Überfluss: Die Krankenkassen horten Milliardenüberschüsse.

DüsseldorfDie Krankenkassenbeiträge könnten kommendes Jahr um 0,3 Prozentpunkte auf 15,2 Prozent sinken. Dies zeigen Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) für das „Handelsblatt“.
Im laufenden Jahr werden Krankenkassen und Gesundheitsfonds den Berechnungen zufolge voraussichtlich 6,6 Milliarden Euro Überschuss erzielen. 2013 und 2014 dürfte der Überschuss dann je knapp vier Milliarden Euro betragen, schätzt das Kieler Institut.

„Angesichts der zu erwartenden Überschüsse könnte 2013 und 2014 der allgemeine Beitragssatz ohne Weiteres um 0,3 Punkte sinken, ohne dass das System rote Zahlen schreiben muss“, sagte IfW-Finanzexperte Alfred Boss. Ohne Beitragssenkung würde die Rücklage bis 2014 auf 27,4 Milliarden Euro steigen – rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Bei den Kieler Berechnungen sind zwar die Prämienausschüttungen einzelner Kassen wie der Techniker-Krankenkasse (TK) nicht berücksichtigt. Bei der TK geht es dabei um bis zu 700 Millionen Euro; für alle Kassen zusammen um weniger als eine Milliarde Euro.

Milliarden an Reserven

Die gesetzliche Krankenversicherung verfügt aktuell über Reserven von rund 22 Milliarden Euro. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr und Gesundheitsexperten der Koalition haben wohlhabende Kassen daher mehrfach aufgefordert, ihre Mitglieder an den Überschüssen teilhaben zu lassen. Bislang profitieren laut Bahr rund eine Million Versicherte meist kleiner Kassen von Prämienzahlungen.

Welche Kasse ist die richtige?

Kriterien

Der Gesetzgeber lässt kaum einen Preiswettbewerb und nur einen eingeschränkten Leistungswettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen zu. Die Versicherten sollten deshalb zumindest die vorhandenen Möglichkeiten nutzen. Folgende Kriterien können bei der Wahl der richtigen Kasse wichtig sein.

Zusatzbeitrag

Für die Kassen gilt ein einheitlich-vorgegebener Beitragssatz vom sozialversicherungspflichtigen Einkommen. Eine Handvoll Kassen, die damit nicht zurecht kommen, erhoben zeitweise einen monatlichen Zusatzbeitrag von zumeist acht Euro im Monat. Die meisten Kassen schafften die ungeliebte Einnahmeform jedoch wieder ab.

Beitragsrückzahlung

Einige Kassen stehen finanziell so gut da, dass sie ihren Mitgliedern Beiträge zurückzahlen. Das kann sich jedoch von Jahr zu Jahr ändern.

Service

Freundlichkeit der Kassenmitarbeiter und gute Erreichbarkeit sind nach Umfragen für viele Kassenmitglieder wichtige Kriterien. Die AOK´s, die IKK-Classic und die großen Ersatzkrankenkassen wie die Barmer-GEK, DAK-Gesundheit und Techniker haben bundesweit die meisten Geschäftsstellen.

Wichtiger ist jedoch für die meisten Versicherten eine gute telefonische Erreichbarkeit und eine schnelle Reaktion auf Anfragen, was sich aber wie die Freundlichkeit der Mitarbeiter nicht exakt messen lässt. Über die Servicezeiten informieren in der Regel die Internetauftritte der Kassen.

Wahltarife

Kassen bieten für ihre Versicherten Spar- und Selbstbehaltsmodelle als Wahltarife an. Damit soll ein kostenbewusstes Verhalten gefördert werden. So kann beispielsweise bei Nichtinanspruchnahme bestimmter Leistungen ein Teil der Beiträge rückerstattet werden, auch können die Versicherten die Kostentransparenz von Ärzten wünschen, analog privater Krankenversicherung ein Kostenerstattung von Arztrechnung wählen.

Im Vergleich zu privaten Krankenversicherungen sind die Beitragsersparnisse jedoch gering, bei der Erstattung von Arztrechnungen stellen sich die Kassenmitglieder sogar oft schlechter, weil sie einen höheren Aufwand haben.

Bonusprogramme

Kassen zahlen ihren Versicherten für die Teilnahme an bestimmten Maßnahmen, etwa von Präventivkurse, weitergehende Vorsorgeuntersuchungen, Schutzimpfungen oder Sportkurse finanzielle Anreize.

Zusatzversicherungen

Gesetzliche Krankenkassen haben häufig mit privaten Krankenversicherer Kooperationen abgeschlossen und bieten deren private Zusatz- und Ergänzungs-Policen für stationäre Unterbringung oder Zahnleistungen zu einem Sondertarif an. Doch oft sind die Policen am Markt günstig erhältlich, ohne dass sich die Versicherten an den Kooperationspartner der Kasse binden müssen.

Innovative Leistungen

Zu den Krankenkassen, die vom neuen Gesetz Gebrauch machen und innovative Leistungen anbieten dürfen oder anbieten wollen, gehören unter anderem die Techniker Krankenkasse (Osteopathie), HEK (zusätzliche Vorsorge für Kinder und Schwangere), Siemens BKK (Heilpraktiker-Behandlungen/Osteopathie, BKK Henschel Plus (Heilpraktiker-Leistungen) und die BKK Wirtschaft & Finanzen.

Als erste große Kassen beschloss kürzlich die Techniker Krankenkasse (TK), aufgrund hoher Überschüsse Prämien an ihre Mitglieder auszuschütten. Wie hoch diese ausfällt, blieb vorerst offen. Nach Angaben des Internetportals der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) dürfte die Jahresprämie mindestens 100 Euro betragen. Die Ausschüttung muss jedoch versteuert werden. Insgesamt hat die Techniker Krankenkasse 8,2 Millionen Versicherte.

Die TK machte deutlich, sie reagiere mit ihrem Plan nicht auf politischen Druck. Eine Prämienzahlung sei ein gesetzlich vorgesehener Weg, die Rücklagen seien bis zur gesetzlich zulässigen Höchstgrenze aufgefüllt.
Nicht alle Krankenversicherer wollen einen Bonus ausschütten: „Uns ist ein attraktives Leistungsportfolio wichtiger als eine verhältnismäßig geringe Prämienausschüttung, die die Versicherten auch noch versteuern müssten“, teilte ein Sprecher der Barmer GEK am Dienstag mit.

Im September beschloss diese Kasse ein individuelles Gesundheitskonto für Präventionsmaßnahmen und Zusatzleistungen. Auch die Betriebskrankenkassen (BKK) plädierten für Leistungsausweitung statt Prämienausschüttung. Gesundheitsminister Bahr begrüßte die Ankündigung – und sieht andere Kassen nun in Zugzwang.

Kommentare (16)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Frank

20.09.2012, 19:29 Uhr

"Bei den Kieler Berechnungen sind zwar die Prämienausschüttungen einzelner Kassen wie der Techniker-Krankenkasse (TK) nicht berücksichtigt. Bei der TK geht es dabei um bis zu 700 Millionen Euro; für alle Kassen zusammen um weniger als eine Milliarde Euro."

Und für die erhaltenenen Prämienausschüttungen darf der Versicherte dann noch mal Steuern zahlen.
Da soll mal einer sagen, daß unser Staat sich gegen die Transaktionssteuer wehrt. Er holt sich das Geld halt wieder mal nur dort ab, wo er immer abzukassieren pflegt: bei dem arbeitenden Teil der Bevölkerung.

Matthias

20.09.2012, 20:21 Uhr

Das Handelsblatt bringt in letzter Zeit ziemlich viel Unsinn.
Letzte Woche der Bericht über den Shitstorm gegen Sparda Azubis.
Jetzt muss ich in der Überschrift lesen, die Kassen könnten die Beiträge senken. Seit einigen Jahren werden die Beiträge per Gesetz festgesetzt.
Bestenfalls können sie Prämien ausschütten oder Zuschläge erheben, wenn sie dies für sinnvoll erachten.
Nach meiner Meinung macht die Prämienzahlung keinen Sinn, die nächste Krise kommt bestimmt.....

eh_wurscht

20.09.2012, 21:52 Uhr

Krankenkasse also "horten", wenn sie ihren Rücklageverpflichtungen nachkommen.

22 Milliarden Euro: so etwas weckt natürlich Begehrlichkeiten allerorten.

Also weitermachen: chronisch Kranken weiterhin die Mittel zusammenstreichen, Rezeptgebühr weg, Ärztehonorare hoch - und auch sonst noch alle Nutzniesser, nennen wir sie honoriger einfach "Leistungserbringer" eines "Gesundheitssystems", das seine gesundheitspolitischen Leistungen zunächst damit begründet, dass es einfach mehr Geld geben muß.
Weiter Leistungen herunter und Honorare hoch.
Falls es nicht reichen sollte zur Kapitalrendite, nochmal ein paar IGEL-Leistungen draufsatteln und schon ists wieder alles im Fett.

Das ist kein Kahlschlag mehr: das ist gründliche Zerstörungsleistung der Sozialsysteme jener, die hier als "Leistungserbringer" Streikabsichten hegen oder andernfalls sich bedroht sehen von Einrichtungen, die mit wenig mehr befaßt sind, als verantwortungsvoll und zukunftsgerichtet mit den Mitteln der Beitragszahler umzugehen, die in einer Arztpraxis die verständnislos klingende Feststellung zu hören bekommen: "Wieso, das zahlen Sie als Kassenaptient doch garnicht, das zahlt doch die Kasse.

Bei solcherlei Anspruchsusancen allerdings kann es einem schonmal die Sprache verschlagen, nach fast schikaneartigen Umgangsformen mit Kassenpatienten.

22 Milliarden Euro: da gehn sie erstmal alle hoch, die kleinen Fingerchen beim Scheinezählen.

Und wer das bezahlt?

Vielleicht der Beitragszahler, der das "Gesundheitssystem" schon lange Dicke hat und sich lediglich fragt, was er von diese "Gesundheitspolitik" nach Gutsherrenart noch halten sollte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×