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29.05.2013

15:41 Uhr

Provinzial Münster

Der Spießrutenlauf eines Versicherungschefs

VonThomas Schmitt

Der Sparkassenversicherer Provinzial Nordwest legt ausgezeichnete Zahlen vor. Gute Voraussetzungen, um zu fusionieren. Doch dazu sagt das Management genauso wenig wie zu einer Selbstverletzung im vergangenen Jahr.

Ulrich Rüther (hier auf einem Foto von Ende April): „Dazu möchte ich heute keine Antwort geben“. dpa

Ulrich Rüther (hier auf einem Foto von Ende April): „Dazu möchte ich heute keine Antwort geben“.

MünsterGute Zahlen sprechen für sich selbst. So dachte man beim Sparkassenversicherer Provinzial Nordwest in Münster. Doch das reicht nicht, wenn man zuvor durch einige Aktionen von Akteuren aus dem Unternehmen und außerhalb für bundesweites Aufsehen gesorgt hat.

Es sind in den vergangenen zwölf Monaten viele Fragen offen geblieben: Das beginnt mit dem Verhältnis zum Branchenprimus Allianz, führt über aufsehenerregende Aktionen von Aufsichtsratsmitgliedern der Gesellschaft bis hin zum Verhalten des Vorstandschefs Ulrich Rüther selbst.

Eine Fusion mit der Schwestergesellschaft Provinzial Rheinland aus Düsseldorf steht im Raum. Doch dafür interessierten sich die rund 50 Besucher der Bilanzpressekonferenz in Münster gar nicht so sehr. Auch die Allianz war kein Thema. Sie fragten stattdessen mehrmals ganz zurückhaltend nach den Auswirkungen, die das spektakuläre Verhalten von Ulrich Rüther wohl auf das Unternehmen hat. Und bekamen keine oder nur schwache Antworten.

Die Regisseure der Pressekonferenz waren offenbar auf Fragen zur Selbstverletzung von Rüther eingestellt. Ihre Strategie: Dies ist eine persönliche Angelegenheit von Ulrich Rüther und hat mit der Bilanz der Provinzial Nordwest nichts zu tun. Dies ging jedoch nicht wie erhofft auf.

Chronik: Der Kampf um die Provinzial

Der Versicherer

Die Provinzial Nordwest ist der zweitgrößte Versicherer im Sparkassenlager. Die Gesellschaft mit Sitz in Münster und Kiel nimmt im Jahr drei Milliarden Euro an Prämien ein. Besonders stark ist das Unternehmen in ihren Verkaufsregionen in der Schaden- und Unfallversicherung.

Quellen: dpa, Reuters, dapd, Bloomberg

Die Attacke

30. November
Europas größter Versicherer Allianz greift der „Financial Times Deutschland“ zufolge nach dem großen regionalen Versicherer Provinzial Nordwest. Wie das Blatt berichtet, wollen die Münchner das Unternehmen für 2,25 Milliarden Euro kaufen. Der Konzern lehnte am Freitag jede Stellungnahme dazu ab. Die Kommunen in Westfalen wollen ihr zur Sparkassenfinanzgruppe gehörendes Unternehmen aber wohl nicht einfach preisgeben.

Der Nachschlag

3. Dezember
Europas größter Versicherer Allianz will einem Pressebericht zufolge sein Übernahmeangebot für den Sparkassen-Versicherer Provinzial Nordwest aufstocken. Nach Informationen der „Financial Times Deutschland“ ist der Konzern nun bereit, deutlich mehr als den zunächst gebotenen Buchwert von 2,25 Milliarden Euro zu zahlen.

Der Strippenzieher

4. Dezember
Rolf Gerlach hat sein Ziel erreicht: Die Provinzial Nordwest, Deutschlands zweitgrößter Sparkassen-Versicherer, ist in aller Munde. Die Verhandlungen, die der Präsident des westfälischen Sparkassenverbandes mit dem Versicherungsriesen Allianz über einen Verkauf der Provinzial führt, haben die ganze Branche aufgescheucht. Doch viele in der Branche halten Gerlachs Vorstoß für ein rein taktisches Manöver.

Das Interesse

4. Dezember
Der zweitgrößte Sparkassen-Versicherer in Deutschland könnte verkauft werden. Die Eigentümer der Provinzial Nordwest bestätigten am Dienstag erstmals ein "Interesse aus dem Versicherungslager" an dem Münsteraner Unternehmen.

Der Vorstandschef

5. Dezember
Der Vorstandsvorsitzender der Westfälischen Provinzial-Versicherung, Ulrich Rüther, kam am Mittwochmorgen in ein Krankenhaus. Rüther sei mit einem Schraubenzieher in die Brust gestochen worden, sagte der Betriebsratsvorsitzende Albert Roer in Münster. „Glücklicherweise waren die Verletzungen nur oberflächlich“, teilte Oberstaatsanwalt Heribert Beck in Münster mit.

Die Gewerkschaften

5. Dezember
Im Ringen um die Zukunft der Versicherung Provinzial Nordwest rechnet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit einer Entscheidung für Verkaufsgespräche. "Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche eine Entscheidung für Verkaufsgespräche getroffen wird", sagte Frank Fassin, der für Verdi im Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest sitzt.

Die Proteste

5. Dezember
In Kiel zogen nach einer Betriebsversammlung fast tausend Mitarbeiter der Provinzial in Sorge um ihre Arbeitsplätze durch die Innenstadt. Eine Übernahme durch die Allianz wäre für Verdi und Betriebsrat „eine mittelschwere Katastrophe“, sagte der Landesleiter von Verdi Nord, Frank Schischefsky. Die Gewerkschaft kündigte einen harten Kampf an. „Wir werden alles tun, um die Provinzial zu erhalten“, sagte Schischefsky.

Die Gegenposition

10. Dezember
Der Vorsitzende des Verbands öffentlicher Versicherer, Ulrich-Bernd Wolff von der Sahl: "Der große Vorteil des Sparkassen-Finanzverbunds liegt in der Geschlossenheit aller Sparkassen und Verbundunternehmen". Er glaube bei einem Verkauf eines öffentlichen an einen privaten Versicherer nur an einen kurzfristigen positiven Effekt für die Eigentümer.

Die Politik

10. Dezember
Politik und Sparkassen wollen die Übernahme der Provinzial Nordwest durch die Allianz mit einem eigenen Fusionsplan vereiteln. Die Sparkassen-Versicherer Provinzial Nordwest und Provinzial Rheinland sollen bis Ende März 2013 Chancen auf einen Zusammenschluss ausloten, wie die nordrhein-westfälische Landesregierung nach einem Treffen in der Staatskanzlei mitteilte.

Der Dämpfer

Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe hat sich für Verhandlungen über einen Zusammenschluss des öffentlich-rechtlichen Versicherers Provinzial Nordwest mit der Provinzial Rheinland ausgesprochen. Übernahmepläne der Allianz erhalten damit einen weiteren Dämpfer.

Das Geständnis

Der Schraubenzieher-Angriff auf den Vorstandschef des Versicherungskonzerns Provinzial Nordwest, Ulrich Rüther, hat nie stattgefunden. Rüther habe den Angriff erfunden, teilten Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft Münster am Dienstag mit. Er habe dies gegenüber den Behörden damit begründet, dass die Turbulenzen bei der Provinzial "enorme Auswirkungen auf seine Familie" hätten.

Ob er denn Druck wegen der Aktion im vergangenen Jahr verspüre, lautete die erste Frage zum Thema. Er fühle sich da nicht unter Druck, antwortete Rüther nur, ansonsten wolle er dazu nicht weiter Stellung nehmen. Nicht über sich selbst, nur über die Zahlen wolle er reden.

Klar, denn die Bilanz war im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Mit einem Jahresüberschuss nach Steuern in Höhe von 136,2 Millionen Euro lag der zweitgrößte öffentliche Versicherer deutlich über dem bereits hohen Vorjahresniveau von 116,2 Millionen Euro. Und das, obwohl der Umsatz in der wichtigen Sparte Lebensversicherung gesunken war. Drei Milliarden Euro an Prämien sammelte der Versicherer ein.

Im Vergleich zu 2010 hat Rüther den Gewinn fast verdoppelt, damals standen unter dem Strich knapp 75 Millionen Euro. Er legte das höchste Ergebnis vor, seit der Konzern in seiner aktuellen Form im Jahr 2005 gegründet worden ist. Rüther stärkte das Eigenkapital kräftig und sitzt nun auf 1,266 Milliarden Euro Substanz. Zum Vergleich: 2005 waren es nur 764 Millionen Euro.

Kommentare (4)

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flascheleeeeeeeeerrrrrrrr

29.05.2013, 20:59 Uhr

der arbeitgeber solllte den spitzenmanager vor sich selbst schützen

vorstand abberufen ,vertrag auszahlen und gut ist.

die vorgetäuschte straftat, auch noch
ausgerechnet von einem spitzenmanager der
versicherungswirtschaft,zeigt,der mann ist völlig überfordert.

M.-O.

30.05.2013, 07:02 Uhr

Überfordert? Wo denn? Der wirtschaftliche Erfolg gibt seinem unternehmerischen Handeln recht. Sein trotz einmaliger Verfehlung hohes Ansehen in der Belegschaft spricht für seine Führungsqualitäten. Ohne Kenntnisse der genauen Zusammenhänge die Abberufung eines so erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden zu Fordern, ist in meinen Augen unredlich.

Markus

31.05.2013, 13:11 Uhr

Völlig indiskutabel als Vorstand. Was muss eigentlich jemand tun, um als Vorstand abberufen zu werden. Unter "Mord" und "Totschlag" ist offensichtlich nichts schwerwiegend genug. Ist ja keine Kassiererin, bei der reicht ein welckes Brötche, das sonst niemand wil, zum Feieuern!

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