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09.06.2011

07:17 Uhr

Riester-Rente

Weitere Vorwürfe gegen Versicherer Ergo

Dem Versicherungskonzern steht ein neuer Skandal ins Haus: Ergo berechnete mindestens 70.000 Kunden zu hohe Verwaltungskosten und verdient daran ungerechtfertigt bis zu 160 Millionen Euro.

Ergo-Unternehmenszentrale in Düsseldorf. Quelle: dapd

Ergo-Unternehmenszentrale in Düsseldorf.

DüsseldorfDem Versicherungskonzern Ergo steht ein neuer Skandal ins Haus: Das Unternehmen aus Düsseldorf berechnete nach Informationen des Handelsblatts (Donnerstagausgabe) rund 70.000 Kunden zu hohe Verwaltungskosten und verdient daran ungerechtfertigt bis zu 160 Millionen Euro. Dies bezeugten ehemalige Generalvertreter, die selbst tausende solcher Policen abgeschlossen haben, dem Handelsblatt an Eides statt.

Die Verträge wurden noch von er Hamburg-Mannheimer-Versicherung geschlossen, die inzwischen in der Ergo-Gruppe aufgegangen ist. Die Hamburg-Mannheimer war erst vor wenigen Wochen in die Kritik geraten: Die Vertriebsorganisation des Versicherers hatte 2007 mit ihren 100 besten Mitarbeitern eine Sex-Orgie im Gellert-Bad in Budapest gefeiert.

Die nun geschädigten Kunden sind Riester-Sparer, die in den Jahren 2005 und 2006 eine sogenannte Kaiser-Rente, benannt nach der bekannten Werbefigur Herr Kaiser, abschlossen haben. 215.000 Verträge schloss die Hamburg-Mannheimer in den beiden Jahren insgesamt ab. In rund einem Drittel davon waren in den Angeboten der Kaiser-Rente jedoch die Kosten geringer ausgewiesen als nachher in den Verträgen.

Ein ehemaliger Generalvertreter der Hamburg Mannheimer gibt an, er sei 2009 von einem Kunden auf einen Fehler aufmerksam gemacht worden, der standardmäßig geschehen sei: „Die Verwaltungskosten wichen um vier Prozentpunkte von den Kosten ab, die den Kunden in den Anträgen dargestellt worden waren“, versichert er an Eides statt. „Ein Durchschnittskunde (Monatsbeitrag 80 Euro) wurde mit seiner Police auf diese Weise im Vertragzeitraum um rund 2300 Euro schlechter gestellt als angeboten. Diese Differenz basierte auf einer fehlerhaften Prospektierung.“

Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme bestritt auf Anfrage des Handelsblatts die Vorwürfe und sprach von Einzelfällen. Es habe zum Jahreswechsel 2004 auf 2005 einen Tarifwechsel bei Riester-Verträgen gegeben, bei dem „die Kostensätze an den tatsächlichen Bedarf angepasst wurden“. Obwohl man den Vertrieb informiert habe, könne es dazu gekommen sein, dass ein Vermittler ein altes Formular verwendet habe. Dennoch seien die Berechnungen für den Kunden korrekt gewesen, weil im Beratungsgespräch die aktuelle Version der Angebotssoftware verwendet worden sei.

Mehrere Generalvertreter bestreiten diese Darstellung und sind sich sicher, dass massenhaft fehlerhafte Verträge im Umlauf sind. Ein Generalvertreter sagte: „Ich schätze die Zahl der betroffenen Kunden auf mindestens 70.000, es können aber auch 100.000 sein.“

Unabhängig von der Zahl bedeuten die fehlerhaften Riester-Verträge für die Ergo Versicherung nun ein ganzes Bündel an Schwierigkeiten. „All diese Policen müssten angepasst werden, und zwar so, dass sie dem unterschriebenen Antrag entsprechen“, sagt Rechtsanwalt Ralph Sendler, Versicherungsrechtsexperte der Kanzlei Prinzenberg in Hamburg. „Die Kunden hätten natürlich auch ein Sonderkündigungsrecht, aber das wird ihnen in diesem Fall nichts nützen.“ Denn kein Kunde dürfte ein Interesse daran haben, das Vertragsverhältnis mit der Ergo Lebensversicherung AG einfach zu beenden. Die ihm gewährten Steuervorteile würden ungültig, der Kunde müsste seine Steuererklärungen nachträglich ändern – mit allen negativen Folgen, die dies haben könnte.

 

Von

iw

Kommentare (1)

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chris

09.06.2011, 11:12 Uhr

Die Budapest-Fahrt war eben kein Einzelfall, sondern nur der sichtbarste Ausdruck einer insgesamt fragwürdigen Unternehmenskultur

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