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29.10.2012

06:07 Uhr

Schelte von Konkurrenten

Ergo als schwarzes Schaf

VonOzan Demircan, Sönke Iwersen, Kerstin Leitel

Exklusiv„Wir wollen Deutschlands beste Versicherung werden“ – so lautet der Anspruch und die Werbung von Ergo. In der Realität aber rutscht der Konzern mehr und mehr in die Rolle des Schwarzen Schafes der Branche.

Hinter der nackten Frauenskulptur "Aurora" in Düsseldorf ist die Zentrale der Ergo-Versicherung zu sehen. dpa

Hinter der nackten Frauenskulptur "Aurora" in Düsseldorf ist die Zentrale der Ergo-Versicherung zu sehen.

DüsseldorfDie deutsche Versicherungsbranche hat sich mit scharfen Worten von den Geschäftspraktiken distanziert, die bei der Düsseldorfer Ergo-Gruppe öffentlich geworden sind. Wie das Handelsblatt berichtete, schichtete Ergo zwischen 2009 und 2011 tausende von Kunden von hochverzinsten Lebensversicherungen in niedrigverzinste UBR-E-Unfallversicherungen um.

Ergo entdeckt weitere Lustreisen

„Kleine Clubreise“

Die Top-Five-Clubreise nach Mallorca (kleine Clubreise) hat in der Zeit vom 12.09. - 15.09.2005 stattgefunden und wurde von Herrn Lange in seiner Funktion als Leiter der HMI-Vertriebsorganisation begleitet.

„In HMI-Eigenregie organisiert“

Insgesamt werden angabegemäß je Jahr eine „große“ und zwei „kleine“ Top-Five-Clubreisen in Eigenregie von der Vertriebsdirektion HMI (VDHMI) organisiert, durchgeführt und über eigene Kostenstellen abgewickelt.

Leicht bekleidete „Mädels“

Als sie den Club betreten hätten, seien er und andere überrascht gewesen, weil im Tresenbereich leicht bekleidete „Mädels“ gestanden hätten. Einige, zu denen er gehörte, seien dann ca. nach einer Stunde zurückgefahren, andere seien dort geblieben.

„Aufwendungen für einen Bordellbesuch“

Aufgrund der vorliegenden Information ist es aus Sicht von REV (Revision) wahrscheinlich, dass mit den beiden von Herrn Lange eingereichten Bewirtungsbelegen über gesamt 2428 Euro Aufwendungen für einen Nachtclub/Bordellbesuch finanziert wurden.

„Mexxaton“

Auf beiden Belegen ist im Kopf der Name „Mexxaton“ vermerkt, bei dem es sich anscheinend um die Lokalität handeln soll, von der sie ausgestellt wurden. Auf dem Beleg über € 1508 ist zusätzlich das Datum „15.09.05“ vermerkt, während der andere kein Datum trägt. Weitere Angaben z.B. zum Aussteller befinden sich nicht darauf.

Lokalität vor Ort unbekannt

Eine Lokalität mit dem Namen „Mexxaton“ auf Mallorca haben wir weder bei unseren Internetrecherchen gefunden noch war sie der vor Ort vertrauten Reiseagentur bzw. dem Hotel oder Reiseteilnehmern bekannt.

Rechnung in den frühen Morgenstunden

Das Datum auf dem Beleg über € 1508 wäre allenfalls plausibel, wenn die Rechnung in den frühen Morgenstunden ausgestellt wurde, da am 15.09.05 der Abreisetag war.

Keine Aussage zu „Zweckformbelegen“

Wir haben am 10.06.2011 Herrn Lange telefonisch zu dem Vorgang befragt. Er erinnerte die Reise zwar, gab aber an, die Gruppe nicht in ein Bordell eingeladen zu haben. Zu den „Zweckformbelegen“ und dem Namen „Mexxaton“ könne er aber nichts sagen.

Vergleichbare Aktivitäten in Südamerika

Im Zusammenhang mit der Prüfung zu dem HMI-Sonderwettbewerb - Budapest 2007 („Party Total“) sind die auf den Gewinner- bzw. Teilnehmerlisten aufgeführten Personen von der Konzernrevision zur Teilnahme und ggf. weiteren Details befragt worden. Dabei ist von einer Person der Hinweis geäußert worden, dass es auf einer Wettbewerbsveranstaltung der HMI nach Südamerika zu vergleichbaren Aktivitäten gekommen sei.

„Swinger-Hotel“

Auf Nachfrage wurde der Hinweis dahingehend ergänzt, dass eine HMI-Geschäftsstelle in Frankfurt im Januar/Februar 2011 eine Wettbewerbsreise in ein „Swinger-Hotel“ in Jamaika durchgeführt habe.

Wettbewerbsreisen ins Hedonism II

Die von Herrn M. geleitete Geschäftsstelle in Frankfurt hat in den Jahren 2009 und 2011 jeweils Wettbewerbsreisen nach Jamaika in das „Swinger-Hotel“ Hedonism II (www.hedonism-resorts.de) durchgeführt.

Reiseziel für entsprechend Interessierte

Das Hotel ist gemäß Internet-Recherche ein bekanntes Reiseziel für entsprechend interessierte Personen.

Reiseunterlagen zur Genehmigung vorgelegt

Vor Buchung der Reise sind die Reiseunterlagen gem. Richtlinie zum Generalstrukturen-Reisewettbewerb (GRW) der abrechnenden Stelle PVH5HH per Mail zur Genehmigung vorgelegt worden.

Entscheidung für günstigste Variante

Von der Geschäftsstelle wurden insgesamt drei Angebote von unterschiedlichen Hotels eingeholt und es wurde mitgeteilt, dass man sich für die dritte, günstigste Variante mit der Hotelkombination Mariott am Time Square und dem Hedonism II auf Jamaika entschieden hatte.

Vor 25 Jahren im selben Hotel

Als Grund für die Buchung gab er an, dass seine erste Wettbewerbsreise vor 25 Jahren in dasselbe Hotel geführt habe.

Widersprach schon damals den Regeln

Nach allem, was Ergo heute bekannt ist, war diese Veranstaltung ein Einzelfall und widersprach schon damals den Regeln, die für die Organisation von Wettbewerbs-Reisen gelten.

„Playboy-Bunnys“ in der Anlage

Herr P. verwies darauf, dass sich zur selben Zeit das Magazin „Playboy“ mit „Bunnys“ zwecks eines Fotoshootings in der Anlage aufhielt.

Fotos oben ohne

In diesem Zusammenhang seien auch Fotos mit Teilnehmern und den Models (teilweise ohne Oberteil) aufgenommen worden. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Fotos an die Öffentlichkeit gelangten.

Den Kunden entgingen so Millionen Euro an Zinserträgen. Dies geschah, obwohl die Revision 2010 den Ergo-Vorstand vor den Schäden für die Kunden durch solche „Umdeckungen“ warnte.

Ergo-Konkurrent Axa wies auf Anfrage jeden Vergleich mit Ergo zurück. Axa-Sprecher Ingo Koch sagte dem Handelsblatt: „Wir bei Axa verfolgen keine Praxis, bei der Kunden zu ihrem Schaden aus laufenden Lebensversicherungen in eine sogenannte UBR-E umgedeckt werden. Ein solches Verhalten ist unseriös und wäre auch klarer Verstoß gegen den Kodex des (Branchenverbandes) GDV.“

Auch der Marktführer Allianz bemühte sich um Abstand zu Ergo. „Die vorzeitige Aufhebung von Lebensversicherungsverträgen führt in der Regel zu finanziellen Nachteilen für den Versicherungsnehmer“, sagte Allianz-Sprecherin Corinna Hartmann. „Bei der Allianz gab und gibt es deshalb zu keinem Zeitpunkt eine systematische Incentivierung der Umdeckung von stornierten Lebensversicherungen in UBR-Versicherungen.“ Allianz-Vertretern sei eine solche Vorgehensweise sogar ausdrücklich untersagt.

Der Branchenverband GDV verwies auf seinen Kodex. „Mit dem Verhaltenskodex wollen wir Praktiken im Vertrieb entgegenwirken, die gegen Kundeninteressen gehen. Der Kodex spricht sich zum Beispiel klar gegen das Abwerben von Versicherungsverträgen aus, wenn damit Nachteile für den Kunden verbunden sind“, so Verbandssprecher Hasso Suliak.

Umdeckung in der privaten Krankenversicherung (PKV)

Begriff

Umdeckungen sind in der Versicherungsbranche verpönt. Es geht um die Auflösung eines Vertrages und den Abschluss eines neuen Vertrages im eigenen Kundenstamm, wobei sich der Versicherungsschutz nicht wesentlich ändert. Bei Vermittlern sind solche Umdeckungen beliebt, weil sie dadurch hohe Provisionen erhalten – mit einem vergleichsweise geringen Aufwand.

Altersrückstellungen

Seit 2009 nehmen Versicherte ihre Altersrückstellungen bei einem Wechsel innerhalb der privaten Krankenversicherung mit. Diese Zahlen sind in den Statistiken der Versicherer nachvollziehbar. Dadurch lässt sich dann auch erkennen, in welche Gesellschaften die Vermittler in der PKV am liebsten vermitteln und aus welchen Gesellschaften sie gerade Kunden abziehen.

Neuer Grundsatz

Der alte Grundsatz, wonach Alterungsrückstellungen lebenslänglich beim Versicherer bleiben und im Alter des Versicherten eingesetzt werden, um den Versicherungsschutz bezahlbar zu halten, gilt seit einigen Jahren nicht mehr, stellt der ehemalige PKV-Ombudsmann und Branchenexperte Arno Surminski in der Zeitschrift für Versicherungswesen fest.

Umdeckungs-Gewinner

Das sind jene Gesellschaften, in die Vermittler PKV-Kunden gerne hineinziehen, um erneut eine Provision einzunehmen an einem Kunden, den sie schon kennen.

Quelle: Versicherungsjournal, Zeitschrift für Versicherungswesen

Platz 5

Die Hallesche hat 2011 fünf Millionen Euro an Altersrückstellungen in der PKV erhalten, aber nur drei Millionen Euro abgegeben.

Platz 4

Der Marktführer Debeka, der regelmäßig die meisten PKV-Neukunden an sich zieht, ist auch bei Vermittlern beliebt, die ihre Kunden woanders unterbringen wollen. 5,2 Millionen Altersrückstellungen flossen aus der Branche an die Gesellschaft, nur 2,4 Millionen Euro gingen weg.

Platz 3

Der Dortmunder Versicherer Continentale hat sich auf private Krankenversicherungen spezialisiert. 8,5 Millionen Euro an Altersrückstellungen sind ein stolzes Ergebnis – bei Abgängen von 3,9 Millionen Euro.

Platz 2

Der Deutsche Ring gehört zur Signal-Iduna-Gruppe. Der Versicherungsverein ist in der PKV in den vergangenen Jahren besonders beliebt geworden, was sich in einem Saldo bei den Altersrückstellungen zeigt: 5,5 Millionen Euro. Das bedeutet aufgeschlüsselt: 8 Millionen Euro erhalten – und 2,5 Millionen Euro abgegeben.

Platz 1

Die mit Abstand beliebteste Gesellschaft bei Vermittlern, die schnell Geld verdienen möchte, ist Hanse-Merkur aus Hamburg. 29,8 Millionen Euro an Altersrückstellungen flossen 2011 aus der Branche in das Unternehmen.  Mehr als bei den vier Nächstplatzierten zusammen. Nur 4,2 Millionen Euro gab die Gesellschaft ab. Das entspricht einem Saldo von 25,6 Millionen Euro. Die zehn nächsten Gesellschaften in der Rangliste kommen noch nicht einmal zusammen auf diese Summe.

 

Umdeckungs-Verlierer

Aus diesen Gesellschaften haben die Vermittler besonders gern PKV-Kunden abgezogen (Saldo der abgeflossenen und zugeflossenen Altersrückstellungen:

1. Central

2. Barmenia

3. Allianz

„Besonders im Bereich der Lebens- und Krankenversicherung kann eine Abwerbung von Versicherungsverträgen oft mit erheblichen Nachteilen für den Kunden verbunden sein.“ Die Kunden seien deshalb „in jedem Fall über eventuelle Nachteile konkret aufzuklären.“

Kommentare (10)

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Mazi

29.10.2012, 08:32 Uhr

Weshalb gab es keine Finanzaufsicht, die die Versicherungsbranche im Auge hat?

Versicherungen erheben über Jahrzehnte von ihren Kunden Beiträgen und Zahlen am Ende der Laufzeit nach "Abzug der Kosten für Bordellbesuche" ihren Kunden den Rest zurück. Diesen Eindruck muss an gewinnen.

Wenn die BAFin nicht funktionierte, nicht funktioniert, dann muss man nicht nur den ehemaligen Leiter bzw. die heutige Leiterin und die Oberaufseher Steinbrück und Schäuble wegen ihres üblen Versagens befragen. So wie es jetzt aussieht, hat das alles ein "Geschmäckle".

Account gelöscht!

29.10.2012, 10:25 Uhr

War da nicht gerade was mit der Axa Versicherung?

ein_Liberaler

29.10.2012, 11:49 Uhr

Teil 1

Mehr Bordell vom Kundengeld. Mit der Ergo-Therapie spezial. Ergo hat sich den Ruf wenige Jahre nach der Umbenennung von z.B. Victoria Versicherung , DKV und noch 2 oder 3 anderen unfassbar versaut. Die müssten sich jetzt wohlmöglich schon wieder umbenennen. Und die Münchner Rückversicherung, die solchen Schund zu verantworten hat, gehört mit an den Pranger. Das bemerkenswerte an dieser Nachricht ist, dass dem eigenen Branchenverband, in dem Münchener Rückversicherung und Ergo Mitglied sind, der Kragen geplatzt ist. Alle Versicherungen sind aber auf Provisionsabzocke und kundenfeindliche Vertragsgestaltung angelegt. Die sind keine Samariter, sondern Geschäftsbe-triebe zur Mehrung des EIGENEN Vermögens. Wer seriöse Betreuung will, sollte eher auf die wenigen Versicherungen auf Gegenseitigkeit setzen, bei denen weniger Abzocke vorherrscht. Die Allianz ist mir immer noch mit einem schlechten Beispiel in Erinnerung. Die haben Ihre Lebensversicherung vor etwa 20 Jahren so umstrukturiert, dass ihren Versicherten rund eine Milliarde DM entzogen worden ist. Und sie sind damit durchgekommen. … Teil 2

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