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10.07.2014

13:53 Uhr

Schwierige Marktsituation

Allianz schließt 50.000 Neu-Verträge ohne Garantiezins ab

Die Allianz reagiert auf die schwierige Marktlage für Versicherer und bietet Neukunden seit 2013 ein Vertragsmodell für Lebensversicherungen ohne Garantiezins an. Im ersten Jahr wurden so 50.000 neue Verträge verkauft.

50.000 Neu-Verträge für ein Lebensversicherungsmodell ohne Garantiezins, konnte die Allianz im ersten Jahr nach Einführung des Produkts verkaufen. dpa

50.000 Neu-Verträge für ein Lebensversicherungsmodell ohne Garantiezins, konnte die Allianz im ersten Jahr nach Einführung des Produkts verkaufen.

MünchenDie Allianz hat von ihren neuen Lebensversicherungen ohne Garantiezins im ersten Jahr mehr als 50 000 Verträge verkauft. Dabei habe der Absatz in den vergangenen Monaten weiter angezogen, teilte die Deutschland-Tochter von Europas größtem Versicherer am Donnerstag mit. Nachdem die Allianz von Juli bis Dezember 2013 rund 20 000 der neuartigen Verträge losgeschlagen hatte, waren es von Anfang bis Mitte 2014 weitere 30 000. Gut jeder dritte Kunde, der seit Januar ein privates Altersvorsorgeprodukt in Allianz-Agenturen abschloss, habe sich für einen der neuen Verträge entschieden.

Mehrere Versicherer reagieren mit neuen Vertragsmodellen auf die anhaltenden Niedrigzinsen an den Finanzmärkten. Denn diese machen es den Versicherern immer schwerer, die versprochenen Renditen für ihre Kunden zu erwirtschaften. Für Neukunden wird die klassische Lebensversicherung wegen sinkender Zinsgarantien immer unattraktiver.

Die wichtigsten Fragen zur Lebensversicherung

Wie funktioniert die Lebensversicherung?

Es gibt verschiedene Arten von Lebensversicherungen. Eine Risikolebensversicherung dient der finanziellen Absicherung von Hinterbliebenen bei Todesfällen. Die Kapitallebensversicherung soll dagegen zugleich auch Altersvorsorge sein. Es gibt eine Anspar- und eine Auszahlungsphase. Wird letztere erreicht, schüttet der Versicherer die vorher vom Kunden regelmäßig eingezahlten Beiträge aus. Für viele Kapitallebensversicherungen werden nach Ende der Ansparphase eine bestimmte Summe und bestimmte regelmäßige Zahlungen garantiert.

Was ist die Bewertungsreserve?

Kauft eine Versicherung von den Kundenprämien eine Aktie für 100 Euro, bleibt ihr Buchwert in der Bilanz auch fünf Jahre später bei 100 Euro, auch wenn der Kurs auf 120 Euro gestiegen ist. Die 20 Euro Differenz zwischen Marktwert und Kaufwert ist die sogenannte Bewertungsreserve oder stille Reserve. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 müssen Versicherungen die Hälfte der Bewertungsreserve an ihre Kunden auszahlen, deren Verträge auslaufen.

Was ist der Garantiezins?

Viele Verbraucher haben sich auch deshalb für Kapitallebensversicherungen entschieden, weil die Anbieter für das eingezahlte Kapital praktisch eine Art von Mindestverzinsung garantieren: den sogenannten Höchstrechnungszins, umgangssprachlich Garantiezins genannt. Dieser wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt. Aktuell beläuft er sich auf 1,75 Prozent, ab 1.1.2015 nun wird er auf 1,25 Prozent gesenkt.

Früher lag der Satz deutlich höher, in den 90er Jahren teils bei vier Prozent. Seit 2000 geht es bergab. Der Grund: Versicherer müssen die Gelder ihrer Kunden in krisensicheren Anlageformen investieren. Die Renditen dafür sind seit Jahren aber sehr niedrig.

Was bedeutet das niedrige Zinsniveau konkret für Lebensversicherungen?

Bei Lebensversicherungen mit Garantiezins bildet dieser nur einen Teil der Gesamtverzinsung, welche die Versicherer zahlen. Dazu kommen noch zusätzliche Renditen, wenn Versicherer das Geld der Versicherten besonders gut anlegen. Da die Zinsen für Anleihen krisenfester Staaten aber zurückgehen, schrumpfen generell sowohl Garantiezins als auch Überschussbeteiligungen. Zu beachten ist, dass Bestandskunden in der Regel von Senkungen des Garantiezinses nicht betroffen sind.

Sind Lebensversicherungen für Verbraucher noch attraktiv?

Versicherer sagen ja: Weil sie durch niedrigere Garantiezinsen weniger Geld zur Sicherung von Beitragsgarantien und für eine Mindestverzinsung zurücklegen müssen, könnten sie höhere Risiken eingehen – und damit auch für die Versicherten höhere Gesamt-Renditen erwirtschaften. Verbraucherschützer dagegen stehen klassischen Lebensversicherungen inzwischen skeptisch gegenüber. Ihrer Meinung nach fließt zu viel Geld in Abschluss- und Verwaltungskosten, sodass der Sparanteil auf der Strecke bleibt.

Ist es sinnvoll, alte Verträge zu kündigen?

In vielen Fällen nicht. Kunden sollten laut Verbraucherschützern auch bedenken, dass die Kündigung eines laufenden Vertrags immer mit Verlusten verbunden ist. Ob diese Verluste von einer jetzt eventuell noch höheren Beteiligung an den Bewertungsreserven ausgeglichen werden, muss im Einzelfall berechnet werden. Zudem ist besonders bei Altverträgen, die schon vor 2005 abgeschlossen wurden, zu beachten, dass sie bei der Auszahlung im Alter noch steuerfrei sind, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre bestanden hat.

Zugesichert werden bei den neuartigen Verträgen nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge und später eine Mindestrente. Den Rest bestimmt das Umfeld an den Kapitalmärkten.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Herr Matthias Boudik

10.07.2014, 14:29 Uhr

Die Umlaufrendite in Deutschland dümpelt bei 1 %. 10 Jährige Hypo-Kredite bekommt man schon für 1,8 %.

Schwerpunkt der Geldanlage für Lebensversicherungen sind nun einmal festverzinsliche Wertpapiere. Und hier ist wenig Rendite möglich.

Mir soll doch heute jemand verraten, wie er – nach allen Kosten – eine sichere Rendite von über 1,5 % erzielen will.

Somit bleibt es spannend, wie die alten Verträge mit hohen Renditezusagen von den Lebensversicherungen bedient werden. Zum Teil sind das ja Verträge, die eine lebenslange Rentenzahlungen zur Folge haben und noch 40 Jahre laufen.

Gilt auch hier der Spruch, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?

Herr Manfred Zimmer

11.07.2014, 10:58 Uhr

D.h. also, dass die Vertreter der Allianz mit Kundenverträge abgeschlossen haben ohne diesen einen Ertrag zu versprechen und den Kunden gleichzeitig hohe Abschlussprovisionen in Rechnung stellen, die nach neuer Rechtslage auch weiterhin nicht bekannt gegeben werden.

Weshalb verstoßen solche Verträge nicht gegen die guten Sitten?

Herr Manfred Zimmer

11.07.2014, 11:05 Uhr

Nein, das ist eindeutig geregelt.

Nachzulesen ist dies in § 89 Versicherungsaufsichtsgesetz.

Einen Vorgeschmack auf die vielfältige Handhabung dieses Paragraphen haben wir aktuell erlebt, als den Lebensversicherten ihre Rechte an den Bewertungsreserven abgesprochen wurden. Da dies den Tatbestand der Untreue erfüllt, hat man dazu ein Gesetz geschaffen, dass diesen stzrafbaren Tatbestand legalisiert. Kein Vorstand braucht daher die Richter zu fürchten.

Vergleichbares sahen wir im Prozess gegen die Vorstände der HSH, der jetzt "zu Ende" ging. Der Vorwurf der Bilanzfälschung ist zunächst vom Tisch, weil der Vorstand zwar nicht korrekt im Geist des Gesetzes aber dennoch vollkommen "legal" gehandelt hat.

Hoffen wir, dass dem Lobbyismus jetzt die Schranken aufgezeigt werden und Anforderungen an die Parlamentarier formuliert werden. "Alternativlos" kann künfitg nicht mehr als Begründung für eigene Unfähigkeit gelten.

Wir brauchen eine schärfere Kontrolle und Regierungen nach DDR-Schnittmuster müssen verboten werden.

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