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05.03.2013

06:17 Uhr

Sex-Reise nach Budapest

Gerichte streiten um Ergo-Schmuddelprozess

VonSönke Iwersen

ExklusivEindrucksvoll zeigt der Fall Ergo, wie sich ein Skandal in der Öffentlichkeit hält. Weil der Konzern Anzeige erstattete, streiten sich die Gerichte noch heute um die Zuständigkeit für die berüchtigte Reise nach Budapest.

Ein Schild mit der Aufschrift "Ergo" steht vor der Zentrale der Versicherungsgruppe Ergo in Düsseldorf. dpa

Ein Schild mit der Aufschrift "Ergo" steht vor der Zentrale der Versicherungsgruppe Ergo in Düsseldorf.

HamburgDie Sex-Reisen des Versicherungskonzerns Ergo werden zur heißen Kartoffel für die Hamburger Gerichte. Nach Recherchen des Handelsblatts schieben sich das Amtsgericht Hamburg und das Landgericht Hamburg die Zuständigkeit für die berüchtigte Budapest-Reise gegenzeitig zu. Inzwischen ist der Fall beim Hanseatischen Oberlandesgericht angekommen.

Ursprung des Streits ist eine Motivationsreise der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer im Juni 2007. Zur Besserung der Motivation, wie es im internen Sprachgebrauch hieß, veranstaltete der Vertrieb auf Kosten des Konzerns eine Orgie im Freibad. Die historischen Gellert-Thermen wurden mit Himmelbetten ausgestattet, eine Vielzahl Prostituierter mit farbigen Armbändchen zur Verwendung gekennzeichnet und nach jedem Liebesdienst am Unterarm abgestempelt. Anschließend wurde die Party versteuert und im Mitarbeitermagazin als „Mordsspaß“ angepriesen.

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Im puncto Offenheit macht die Ergo einen Rückzieher und geht gegen das Handelsblatt vor.

Torsten Oletzky, der Vorstandsvorsitzende von Ergo, erfuhr laut Selbstauskunft erst drei Jahre später von der Sause, hakte den Fall aber im Sommer 2010 ab. Erst nachdem die Orgie öffentlich wurde, erstattete Ergo im Juli 2011 Anzeige. Am 31. Juli 2012 erhob die Staatsanwaltschaft Hamburg Anklage. Doch kein Gericht will die Ergo-Reise verhandeln.

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„Kleine Clubreise“

Die Top-Five-Clubreise nach Mallorca (kleine Clubreise) hat in der Zeit vom 12.09. - 15.09.2005 stattgefunden und wurde von Herrn Lange in seiner Funktion als Leiter der HMI-Vertriebsorganisation begleitet.

„In HMI-Eigenregie organisiert“

Insgesamt werden angabegemäß je Jahr eine „große“ und zwei „kleine“ Top-Five-Clubreisen in Eigenregie von der Vertriebsdirektion HMI (VDHMI) organisiert, durchgeführt und über eigene Kostenstellen abgewickelt.

Leicht bekleidete „Mädels“

Als sie den Club betreten hätten, seien er und andere überrascht gewesen, weil im Tresenbereich leicht bekleidete „Mädels“ gestanden hätten. Einige, zu denen er gehörte, seien dann ca. nach einer Stunde zurückgefahren, andere seien dort geblieben.

„Aufwendungen für einen Bordellbesuch“

Aufgrund der vorliegenden Information ist es aus Sicht von REV (Revision) wahrscheinlich, dass mit den beiden von Herrn Lange eingereichten Bewirtungsbelegen über gesamt 2428 Euro Aufwendungen für einen Nachtclub/Bordellbesuch finanziert wurden.

„Mexxaton“

Auf beiden Belegen ist im Kopf der Name „Mexxaton“ vermerkt, bei dem es sich anscheinend um die Lokalität handeln soll, von der sie ausgestellt wurden. Auf dem Beleg über € 1508 ist zusätzlich das Datum „15.09.05“ vermerkt, während der andere kein Datum trägt. Weitere Angaben z.B. zum Aussteller befinden sich nicht darauf.

Lokalität vor Ort unbekannt

Eine Lokalität mit dem Namen „Mexxaton“ auf Mallorca haben wir weder bei unseren Internetrecherchen gefunden noch war sie der vor Ort vertrauten Reiseagentur bzw. dem Hotel oder Reiseteilnehmern bekannt.

Rechnung in den frühen Morgenstunden

Das Datum auf dem Beleg über € 1508 wäre allenfalls plausibel, wenn die Rechnung in den frühen Morgenstunden ausgestellt wurde, da am 15.09.05 der Abreisetag war.

Keine Aussage zu „Zweckformbelegen“

Wir haben am 10.06.2011 Herrn Lange telefonisch zu dem Vorgang befragt. Er erinnerte die Reise zwar, gab aber an, die Gruppe nicht in ein Bordell eingeladen zu haben. Zu den „Zweckformbelegen“ und dem Namen „Mexxaton“ könne er aber nichts sagen.

Vergleichbare Aktivitäten in Südamerika

Im Zusammenhang mit der Prüfung zu dem HMI-Sonderwettbewerb - Budapest 2007 („Party Total“) sind die auf den Gewinner- bzw. Teilnehmerlisten aufgeführten Personen von der Konzernrevision zur Teilnahme und ggf. weiteren Details befragt worden. Dabei ist von einer Person der Hinweis geäußert worden, dass es auf einer Wettbewerbsveranstaltung der HMI nach Südamerika zu vergleichbaren Aktivitäten gekommen sei.

„Swinger-Hotel“

Auf Nachfrage wurde der Hinweis dahingehend ergänzt, dass eine HMI-Geschäftsstelle in Frankfurt im Januar/Februar 2011 eine Wettbewerbsreise in ein „Swinger-Hotel“ in Jamaika durchgeführt habe.

Wettbewerbsreisen ins Hedonism II

Die von Herrn M. geleitete Geschäftsstelle in Frankfurt hat in den Jahren 2009 und 2011 jeweils Wettbewerbsreisen nach Jamaika in das „Swinger-Hotel“ Hedonism II (www.hedonism-resorts.de) durchgeführt.

Reiseziel für entsprechend Interessierte

Das Hotel ist gemäß Internet-Recherche ein bekanntes Reiseziel für entsprechend interessierte Personen.

Reiseunterlagen zur Genehmigung vorgelegt

Vor Buchung der Reise sind die Reiseunterlagen gem. Richtlinie zum Generalstrukturen-Reisewettbewerb (GRW) der abrechnenden Stelle PVH5HH per Mail zur Genehmigung vorgelegt worden.

Entscheidung für günstigste Variante

Von der Geschäftsstelle wurden insgesamt drei Angebote von unterschiedlichen Hotels eingeholt und es wurde mitgeteilt, dass man sich für die dritte, günstigste Variante mit der Hotelkombination Mariott am Time Square und dem Hedonism II auf Jamaika entschieden hatte.

Vor 25 Jahren im selben Hotel

Als Grund für die Buchung gab er an, dass seine erste Wettbewerbsreise vor 25 Jahren in dasselbe Hotel geführt habe.

Widersprach schon damals den Regeln

Nach allem, was Ergo heute bekannt ist, war diese Veranstaltung ein Einzelfall und widersprach schon damals den Regeln, die für die Organisation von Wettbewerbs-Reisen gelten.

„Playboy-Bunnys“ in der Anlage

Herr P. verwies darauf, dass sich zur selben Zeit das Magazin „Playboy“ mit „Bunnys“ zwecks eines Fotoshootings in der Anlage aufhielt.

Fotos oben ohne

In diesem Zusammenhang seien auch Fotos mit Teilnehmern und den Models (teilweise ohne Oberteil) aufgenommen worden. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Fotos an die Öffentlichkeit gelangten.

„Das Amtsgericht ist sachlich unzuständig“, heißt es in einem Beschluss des Amtsgerichts Hamburg St. Georg vom 22. Januar 2013, der dem Handelsblatt vorliegt. Das Verfahren sei zu groß. Folglich sei es „im öffentlichen Interesse geboten, die Verhandlung dem Landgericht zu übertragen.“

Ergo: Chronik eines Skandals

19. Mai

Das Handelsblatt berichtet über die Sex-Reise der Hamburg-Mannheimer (HM) nach Budapest. Die Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme räumte daraufhin ein: "Es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise des HMI-Vertriebs nach Budapest gegeben hat. Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise ca. 20 Prostituierte anwesend waren. Von öffentlichen Sexdarbietungen ist uns nichts bekannt."

19. Mai

Ergo richtet eine Task-Force zur Aufklärung der Vorgänge ein. Sie wächst im Laufe der kommenden Wochen auf mehr als 100 Mitarbeiter an.

22. Mai

Die "Bild am Sonntag" zeigt Bilder und ein Video von vermeintlich koksenden Versicherungsvertretern der Hamburg-Mannheimer.

23. Mai

Die Ergo erklärt: "Die Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten Top-5-Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase."

24. Mai

Fußballtrainer Jürgen Klopp lässt seinen Werbevertrag mit Ergo (HMI) ruhen. "Was man von dieser Reise liest, kann man nur aufs Schärfste verurteilen", sagt sein Berater Marc Kosicke.

25. Mai

Ergo gibt bekannt, seine Werbekampagne, die allein im Jahr 2010 mehr als 50 Millionen Euro kostete, zu reduzieren.

26. Mai

Auf Youtube taucht eine Parodie auf die jüngste Ergo-Werbekampagne auf. Der Spot wurde bislang fast 200 000-mal angeklickt - vier mal so oft wie das Original.

29. Mai

Die "Welt am Sonntag" berichtet, Ergo habe die Sex-Reise von der Steuer abgesetzt.

1. Juni

Fußballtrainer Jürgen Klopp kündigt seinen Vertrag mit Ergo (HMI).

8. Juni

Der Ergo-Aufsichtsrat tagt und beschließt härtere Compliance-Richtlinien.

9. Juni

Das "Handelsblatt" berichtet, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt.

10. Juni, morgens

Ergo dementiert das Handelsblatt. Ergo-Sprecher Alexander Becker: "Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt."

10. Juni, nachmittags

Ergo nimmt das Dementi zurück, löscht die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gibt zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe.

10. Juni

Ergo-Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft Munich Re, Nikolaus von Bomhard, spricht von einem "gravierenden Fehler" und kündigt an, Munich Re werden bei der Aufklärung helfen.

17. Juni

Ergo beziffert die Zahl der geschädigten Kunden auf 14000. Sie sollen jetzt nachträglich entschädigt werden.

Doch das Landgericht will nicht. „Der Aktenumfang mit einer 380 Seiten umfassenden Leitakte und zehn Sonderbänden ist für ein amtsgerichtliches Verfahren nicht ausgesprochen ungewöhnlich“, heißt es in einem Beschluss des Landgerichts Hamburg vom 31. Januar. Fazit: „Das Hauptverfahren wird vor dem Amtsgericht Hamburg St. Georg, Abteilung 950, Schöffengericht, eröffnet“.

Dagegen wiederum hat nun die Staatsanwaltschaft Hamburg Beschwerde beim Hanseatischen Oberlandesgericht eingelegt. „Die Staatsanwaltschaft ist der Auffassung des Amtsgerichts beigetreten, der Fall solle am Landgericht verhandelt werden“, sagt Oberstaatsanwältin Nana Frombach dem Handelsblatt. Wann das Oberlandesgericht entscheidet, sei ungewiss.

Kommentare (8)

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leser335577

05.03.2013, 10:03 Uhr

Bitte,

wie oft wollt ihr uns noch mit diesem Thema langweilen?

Heute ist eure einzige neuigkeit dazu ernsthaft, dass sich zwei Gerichte darum streiten wer diesen fall jetzt bearbeiten "muss"?

Seid ihr ernsthaft journalistisch so schwach aufgestellt, dass ihr keine interessantere Geschichte im WWW findet?

Besten Gruß
Ein gelangweilter Leser

Account gelöscht!

05.03.2013, 10:44 Uhr

aber auch bei dieser Reise (Budapest) waren "alte" Fuehrungskraefte der HAMBURG MANNHEIMER dabei, DIE ueberleben genauso wie die NSDAP Leute bei ADENAUER, "man" weiss eben zuviel von der Firmengeschichte.

Account gelöscht!

05.03.2013, 10:47 Uhr

nun; im Grunde hat kein Politiker ernsthaft Interesse daran die reichlichen eigenen Pfruende bei BANKEN und
VERSICHERUNGEN zu beschneiden, das war eben schon immer so und wird bei dieser teils grenzwertigen Branche auch so bleiben, bei ERGO war es eben : Veruntreuung von Versichertengelder !

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