Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.06.2012

06:38 Uhr

Sex-Skandal

Skandalreise könnte teuer für Ergo werden

VonSönke Iwersen

ExklusivDer Skandal um eine Sexreise von Versicherungsvertretern könnte schwerwiegende Folgen für Ergo haben. Nach einem Freispruch vor Gericht droht Unternehmer Clemens Vedder mit einer milliardenschweren Schadensersatzklage.

Die Ergo darf sich auf eine Schadensersatzklage einstellen. dpa

Die Ergo darf sich auf eine Schadensersatzklage einstellen.

DüsseldorfDie Vorwürfe klangen gravierend, nun sind sie verpufft. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat ihre Ermittlungen gegen drei Beschuldigte wegen versuchter Erpressung des Ergo-Konzerns eingestellt. Die Staatsanwaltschaft nannte als Grund den Paragrafen 170, Absatz 2, der Strafprozessordnung. Dieser besagt, dass die Behörde ein Verfahren einstellt, wenn sie keinen Anlass für eine Klageerhebung sieht.

Der Hintergrund: Vor einem Jahr wurde die Ergo-Versicherung von einer Serie von Affären erschüttert. Erst wurde öffentlich, dass die Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer ihre besten freien Vertreter mit einer Sex-Reise nach Budapest belohnt hatte, dann kamen Informationen über fehlerhafte Riester-Verträge ans Tageslicht. Ergo musste die Vorgänge bestätigen, ging aber kurz danach zum Gegenangriff über.

Die Versicherung stellte eine Strafanzeige wegen versuchter Erpressung. Sie behauptete, ehemalige Versicherungsvertreter hätten überhöhte Abfindungsforderungen gestellt und im Falle einer Nichtzahlung mit einer nachhaltigen Schädigung der Ergo durch Presseveröffentlichungen gedroht. Den Medien, die über die Skandale der Ergo berichteten, darunter auch diese Zeitung, warf die Versicherung vor, sie machten gemeinsame Sache mit den Erpressern.

Die Einstellung der Ermittlungen zeigt nun, dass die Ergo offenbar selbst eine Kampagne fuhr, eine Kampagne zur Ablenkung von den eigentlichen Tatsachen. Die Sause in Budapest und die falschen Riester-Verträge waren im Konzern lange bekannt. Die Konzernrevision wurde aber erst tätig, als Details in der Zeitung standen. Und noch bevor die Ergebnisse der Revision vorlagen, erhob Ergo die Erpressungsvorwürfe, die sich nun als strafrechtlich haltlos erwiesen haben. Ergo-Sprecher Alexander Becker sagte auf Anfrage, sein Unternehmen habe keine Kenntnis von einer Einstellung der Ermittlungen.

Die drei fälschlich Beschuldigten, ein Geschäftsmann und zwei Anwälte, wollen die Unterstellungen der Ergo nun nicht auf sich beruhen lassen. "Diese unverschämte Anzeige wird Folgen haben", sagte einer der Beschuldigten, Rechtsanwalt Friedrich Cramer. "Ich lasse mich von der Einschüchterungstaktik der Ergo nicht beeindrucken."

Ein Vertreter von Goldsmith Capital Partners, der Firma des ebenfalls angezeigten Geschäftsmanns Clemens Vedder, sagte: "Wir haben jetzt einen Freispruch erster Klasse, aber das Thema ist noch nicht erledigt." Goldsmith stehe nun unmittelbar vor Einreichung einer Schadensersatzklage wegen Rufschädigung gegen die Munich Re als Muttergesellschaft der Ergo. Vedder taxiert seinen Ruf auf eine Milliarde Euro.

Ergo: Chronik eines Skandals

19. Mai

Das Handelsblatt berichtet über die Sex-Reise der Hamburg-Mannheimer (HM) nach Budapest. Die Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme räumte daraufhin ein: "Es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise des HMI-Vertriebs nach Budapest gegeben hat. Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise ca. 20 Prostituierte anwesend waren. Von öffentlichen Sexdarbietungen ist uns nichts bekannt."

19. Mai

Ergo richtet eine Task-Force zur Aufklärung der Vorgänge ein. Sie wächst im Laufe der kommenden Wochen auf mehr als 100 Mitarbeiter an.

22. Mai

Die "Bild am Sonntag" zeigt Bilder und ein Video von vermeintlich koksenden Versicherungsvertretern der Hamburg-Mannheimer.

23. Mai

Die Ergo erklärt: "Die Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten Top-5-Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase."

24. Mai

Fußballtrainer Jürgen Klopp lässt seinen Werbevertrag mit Ergo (HMI) ruhen. "Was man von dieser Reise liest, kann man nur aufs Schärfste verurteilen", sagt sein Berater Marc Kosicke.

25. Mai

Ergo gibt bekannt, seine Werbekampagne, die allein im Jahr 2010 mehr als 50 Millionen Euro kostete, zu reduzieren.

26. Mai

Auf Youtube taucht eine Parodie auf die jüngste Ergo-Werbekampagne auf. Der Spot wurde bislang fast 200 000-mal angeklickt - vier mal so oft wie das Original.

29. Mai

Die "Welt am Sonntag" berichtet, Ergo habe die Sex-Reise von der Steuer abgesetzt.

1. Juni

Fußballtrainer Jürgen Klopp kündigt seinen Vertrag mit Ergo (HMI).

8. Juni

Der Ergo-Aufsichtsrat tagt und beschließt härtere Compliance-Richtlinien.

9. Juni

Das "Handelsblatt" berichtet, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt.

10. Juni, morgens

Ergo dementiert das Handelsblatt. Ergo-Sprecher Alexander Becker: "Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt."

10. Juni, nachmittags

Ergo nimmt das Dementi zurück, löscht die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gibt zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe.

10. Juni

Ergo-Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft Munich Re, Nikolaus von Bomhard, spricht von einem "gravierenden Fehler" und kündigt an, Munich Re werden bei der Aufklärung helfen.

17. Juni

Ergo beziffert die Zahl der geschädigten Kunden auf 14000. Sie sollen jetzt nachträglich entschädigt werden.

Kommentare (12)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

catweezle

08.06.2012, 08:03 Uhr

Lug und Trug auf ganzer Linie. Ich frage mich schon warum die Münchner Rück da noch mitspielt. Ich frage mich auch warum es immer noch Menschen gibt, die bei HamburgMannheimer oder Ergo Versicherungen abschließen.

PRhodan

08.06.2012, 10:07 Uhr

Weil der gemeine deutsche Michel von Finanz- und Versicherungsthemen nun mal keine Ahnung hat! Wieso kann eine DVAG zum größten Finanzvertrieb aufsteigen, wenn man nur Aachen Münchener und DWS im Angebot hat? Und wenn man auf deren Verwaltungsrat blickt, kommt einen das Kotzen: lauter abgehalftere Politiker aus CDU u. FDP. Da könnte man auch nach der Wahl die Politclowns Westerwelle, Rösler, Niebel und diesen Parteibonzen Döring unterbringen. Und wie kann eine Postbank zur größten Bank aufsteigen, die ihre Kunden nicht nur abzockt, sondern auch regelmäßig betrügt (Altersvorsorgekonten, geschlossener Immobiliebfonds Südafrika, Betrug und Unterschlagungen von BHW- und PB-Vermögensberatern usw.)und deren unseriöse Werbung längst ein Fall für unsere "Produzentenschutzministerin" sein müsste?

PRhodan

08.06.2012, 10:13 Uhr

Im Internet wimmelt es von ERGO-Werbung, dito im Fernsehen. Die wissen halt, dass der deutsche Michel sich um Wirtschaftsthemen i. d. R. nicht kümmert. Der Inhalt der Werbung ist gleich Null! Und viele Firmen lassen sich von ERGO schmieren, indem sie auf ihren Internetseiten ERGO-Werbung bringen. Und nicht zuletzt das gebührenfinanzierte ZDF lässt sich das Wetter von ERGO finanzieren. Pfui, die sollten sich mal ein Beispiel an Trainer Klopp nehmen, aber vielleicht hat ja auch u. a. das ZDF keinen guten Ruf zu verlieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×