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23.05.2011

07:31 Uhr

Skandal um Ergo

Sex-Spur führt zu AWD-Gründer

VonSönke Iwersen

Himmelbetten und Huren: Der Skandal um die Sexparty beim Versicherungskonzern Ergo könnte strafrechtliche Folgen haben. Im besonderen Fokus steht der Gründer des Finanzdienstleisters AWD.

Die Unternehmenszentrale der Versicherungsgruppe Ergo in Düsseldorf. Quelle: dapd

Die Unternehmenszentrale der Versicherungsgruppe Ergo in Düsseldorf.

Düsseldorf.Der Mann, der 2007 die hundert besten Vertreter der Hamburg-Mannheimer Versicherung zu einer Sex-Orgie nach Budapest einlud, ist derselbe Mann, der jahrelang der umstrittenen Finanzdienstleister AWD führte: Max K. (Name geändert). Dem Handelsblatt sagte K., er sei sich keiner Schuld bewusst und habe von den zahlreichen Prostituierten an dem Abend erst aus der Zeitung erfahren.

Max K. gründete 1988 den AWD und leitete ihn mit Carsten Maschmeyer. 1999 ging K. zur Hamburg-Mannheimer, die heute zur Ergo-Versicherungsgruppe gehört. Er bestätigte gegenüber dem Handelsblatt, dass er als Vertriebsdirektor zu der Reise nach Budapest einlud und auch selbst teilnahm. Höhepunkt der dreitägigen Tour im Juni 2007 war die Veranstaltung in der historischen Gellert-Therme - ein Fest für alle Sinne. Es gab Livemusik, ein Sternekoch tischte auf, Feuerspucker, Schwertschlucker und Akrobaten zeigten ihr Können. Als Krönung warteten mehrere Dutzend Prostituierte auf die Versicherungsvertreter. Außerdem hatte jemand große Himmelbetten in der Therme aufgestellt.

„Jeder konnte mit einer der Damen auf eines der Betten gehen und tun, was er wollte“, erinnert sich ein Teilnehmer. „Die Damen wurden nach jedem solcher Treffen mit einem Stempel auf ihrem Unterarm abgestempelt. So wurde festgehalten, welche Dame wie oft frequentiert wurde.“

Die Veranstaltung ist mittlerweile Gegenstand einer intensiven Untersuchung. Die Versicherung will den Fall komplett aufklären und schließt auch Strafanzeigen nicht aus. „Wir prüfen derzeit, welche Möglichkeiten bestehen, gegen die damals Verantwortlichen vorzugehen“, sagte eine Ergo-Sprecherin. „Dazu gehört auch die Prüfung der strafrechtlichen Seite.“

K. sieht diese Prüfung gelassen. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagte er dem Handelsblatt. Er selbst habe sich den ganzen Abend im Bereich der Discothek aufgehalten. Er wisse daher nicht, was seine Vertreter auf dem Gelände der Therme gemacht hätten. Die Frage, wer, wenn nicht er, die Anweisung gab, Prostituierte einzuladen und Himmelbetten aufzustellen, beantwortete K. nicht. Er sagte, er habe die Hamburg-Mannheimer 2008 aus freien Stücken verlassen. Seitdem arbeitet K. für den AWD-Konkurrenten Formaxx. Derzeit leitet er dort den Berliner Vertrieb.

Nach Angaben des Formaxx-Vorstand Eugen Bucher gibt es in seinem Unternehmen keine Sexreisen für Mitarbeiter. Auch ein AWD-Sprecher schloss solche Belohnungsausflüge beim Finanzdienstleister kategorisch aus.

Sowohl der AWD als auch die Hamburg-Mannheimer zeichnen sich durch ihren Strukturvertrieb aus. Dabei werden die Produkte, ob nun Versicherungen oder andere Geldanlagen, über ein großes Netz von selbstständigen Vertretern verkauft. Der Vertrieb ist dabei stark hierarchisch organisiert. Bei der Hamburg-Mannheimer erfand K. den Top-Five-Club für die besten Vertreter. Er ist für regelmäßige, bombastische Bonusreisen bekannt. Der Sex-Ausflug nach Budapest war ebenfalls eine Top-Five-Veranstaltung.

Dabei trugen die Prostituierten nach Angaben von Beteiligten farbige Bänder an den Handgelenken, um zu kennzeichnen, für welche Zwecke und für welche Vertreter sie vorgesehen waren. Die Organisatoren hatten das Gelände in eine Art Freiluftbordell verwandelt. Frauen mit weißen Bändchen waren den allerbesten Vertretern und den Führungskräften vorbehalten.

Die Ergo-Gruppe prüft nun, ob es weitere Vorfälle dieser Art gab. Beim Handelsblatt meldeten sich mehrere ehemalige Vertreter, die von ähnlichen Eskapaden bei der Hamburg-Mannheimer berichteten. Prostituierte, insbesondere aus Hamburg, seien auch bei Führungskräftetagungen Stammgäste gewesen. Nach den Beschreibungen hat diese Praxis bei der Hamburg-Mannheimer eine jahrzehntelange Tradition.

Ergo-Chef Torsten Oletzky sagte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, die Sexparty in Budapest habe 83.000 Euro gekostet. Das Unternehmen spreche derzeit mit vielen Reiseteilnehmern, um die Einzelheiten zu rekonstruieren. Unabhängig von den Details sei die Veranstaltung jedoch „ein grober Fehler“ und schon damals „ein krasser Verstoß“ gegen die Unternehmensregeln gewesen. Der ganzen Firma sei die Reise heute „unglaublich peinlich“.

Der Autor, der in der Vertriebszeitung der Hamburg-Mannheimer die Budapest-Orgie als „Mordsspaß“ bezeichnete, gibt an, er habe den Artikel auf Geheiß aus der Zentrale verfasst. Auch der schlüpfrige Tonfall sei vorgegeben gewesen. So hieß es in der Juli-Ausgabe 2007:

„Nass sollte es werden. In allen erdenklichen Lebens- und Lachlagen! Ob im Pool, im Bad, innerlich mit jeder Menge Drinks oder nur in den schönsten Träumen – wer diesmal seine Badehose vergessen hatte, der hatte selbst Schuld... Aufnahmegeräte aller Art mussten diesmal zu Hause bleiben. Warum? Weil der Spaß auch nicht mal ganz so breitgetreten werden muss. Ein Schelm, wer Freches dabei denkt!“

Nach Angaben des Autors ist die Führungskraft, die diesen Artikel genehmigte, auch heute noch bei der Hamburg-Mannheimer beschäftigt. Eine Ergo-Sprecherin sagte, die Personalie werde geprüft.

Kommentare (17)

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aruba

23.05.2011, 07:21 Uhr

Guten Tag,.... So gefaellt mir das Handelsblatt. Huren, Nutten, Puff ..... Ich habe eh nie verstanden warum manche mir immer vorgehalten haben, ich lese nur trockene Finanzblaetter. Im Gegenteil;..... es wird immer saftiger. Gut so..... Besten Dank

Account gelöscht!

23.05.2011, 07:50 Uhr

Huren, Himmelbett, Zimmerservice, table dance, flat rate sex.
So stellt man sich einen "Betriebsausflug" für Drücker vor.

Zitat:
Prostituierte, insbesondere aus Hamburg, seien auch bei Führungskräftetagungen Stammgäste gewesen. Nach den Beschreibungen hat diese Praxis bei der Hamburg-Mannheimer eine jahrzehntelange Tradition.
Zitat Ende:

Es sind ja nur Kundengelder, welche hier veruntreut werden. Dafür werden dann eben die Leistungen gekürtz oder die Zahlung verweigert.

Account gelöscht!

23.05.2011, 08:09 Uhr

Gab es ausschließlich männliche Vertreter?
Wie konnte es passieren, dass ich (w) 1985 ein Angebot der Firma abgelehnt habe?
Wie könnte dieser Artikel geschrieben sein, wenn er ins Handelsblatt passen sollte? Ist er eine Marketing-Studie über die Möglichkeit, neue Leserschichten anzusprechen?

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