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04.07.2012

17:17 Uhr

Solvency II

Experten halten neues Aufsichtsrecht für unrealistisch

VonMichael Detering

Die Versicherungsbranche stöhnt über das neue Aufsichtsrecht Solvency II. Eine siebenjährige Übergangsfrist soll die Branche entlasten – doch Experten befürchten nun das genaue Gegenteil.

Solvency II soll überarbeitet werden. gms

Solvency II soll überarbeitet werden.

KölnAn den geplanten Übergangsregeln für die strengere Versicherungsaufsicht wächst Kritik. Experten befürchten, dass die Regulierung dadurch noch komplizierter wird. "Wir laden noch mehr Berichterstattung drauf, das halte ich für problematisch", sagte Matthias Müller-Reichart, Professor an der Wiesbaden Business School, am Mittwoch auf der Handelsblatt-Jahrestagung Solvency II in Köln.

Ursprünglich sollte das neue europäische Aufsichtsrecht für Versicherer, im Fachjargon Solvency II genannt, 2013 testweise eingeführt und 2014 scharf gestellt werden. Die neuen Regeln sehen vor, dass die Versicherer für all ihre Kapitalanlagen je nach Risiko bestimmte Mengen an Eigenkapital vorhalten müssen, damit die Unternehmen so krisenfester werden. Schließlich gehören die Versicherer zu den größten Investoren an den Kapitalmärkten. Sie legen das Geld ihrer Lebensversicherungskunden über Jahre und Jahrzehnte an den Märkten an, investieren in Pfandbriefe, Anleihen, Aktien oder Immobilien und bewegen so Billionenbeträge.

Inzwischen werden in Brüssel längere Übergangsregeln diskutiert. Die neueste Idee: Für alle bestehenden Lebensversicherungspolicen gelten weitere sieben Jahre die alten Aufsichtsregeln Solvency I, nur für neu Lebensversicherungsverträge müssen die Versicherer das neue Solvency II-Recht anwenden. Experten halten das für kaum praktikabel und viel zu aufwendig, denn dann müssten die Unternehmen sowohl eine Solvency I- als auch eine Solvency II-Rechnungslegung erstellen. "Da brechen die Unternehmen langsam unter der Last zusammen", sagte Müller-Reichart.

Die Experten der Unternehmensberatung Towers Watson äußern ebenfalls Kritik. "Diese Methode des Grandfathering, also des Bestandsschutzes für Altverträge, steht im Widerspruch zum Management des Geschäfts und schafft neue technische Probleme“, meint Michael Klüttgens, Director und Solvency II-Experte bei Towers Watson. In einer Pressemitteilung der Unternehmensberatung heißt es, eine Trennung zwischen Altbestand und neuem Geschäft sei kaum möglich, denn es gebe nur einen Topf mit Kapitalanlagen. “Der Risikoausgleich im Kollektiv erfolgt über Alt- und Neugeschäft hinweg“, so Klüttgens. Für die Ermittlung der benötigten Kennzahlen müsste also eine künstliche Trennung vorgenommen werden.

Auch der Deutschland-Chef der Helvetia Versicherungen, Wolfram Wrabetz, ist skeptisch. „Das ist kein in sich konsistenter Vorschlag und wird schwierig so umzusetzen – aber es ist immer noch besser als ein 'Augen zu und durch'“, so Wrabetz auf der Tagung. Der ursprüngliche Fahrplan sei nämlich kaum noch zeitlich zu schaffen. Am liebsten würde er es sehen, wenn man Solvency II zum 1. Juli 2013 testweise einführen würde, aber den Zeitpunkt der Scharfstellung noch offen ließe. Erst ab dem Zeitpunkt der Scharfstellung drohen unterkapitalisierten Gesellschaften Konsequenzen.

Bei den Aufsehern stößt Wrabetz mit dieser Idee indes auf wenig Gegenliebe. Carlos Montalvo, Generalsekretär der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa, plädierte auf der Tagung noch einmal für die Scharfstellung im Jahr 2014. „Es ist immer noch möglich, das zeitlich zu schaffen. Es wäre ein Desaster, wenn das nicht gelänge.“ Das bisherige Aufsichtsrecht Solvency I stelle kein realistisches Bild der Lage der Versicherer dar. Nach der Finanz- und Schuldenkrise könnten die Versicherer nicht weiter mit diesem Modell arbeiten, so Montalvo.

Kommentare (3)

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Solva

05.07.2012, 14:12 Uhr

Das Aufsichtssystem Solvency I hat die Versicherer in Deutschland zumindest gut durch den Sturm der Krise gebracht. Die Ungewissheit der Auswirkungen von Solvency II überwiegt, so dass man insgesamt von dem Projekt Abstand nehmen sollte.

Aktuar

09.07.2012, 14:36 Uhr

Das Gezerre um Solvency II zeigt, dass die Versicherer ihre Risiken nicht in den Griff bekommen. Sie können sie noch nicht einmal exakt beschreiben, geschweige denn bewerten. Das stimmt bedenklich. Der Aktuarverein DAV, in dem die Interessenvertreter der großen Versicherer im Vorstand sitzen, macht auch keine glückliche Figur.

dfkjeof

10.07.2012, 20:24 Uhr

Dass Mauern kommt nicht ungelegen. Ich empfinde dass als eine gute Optimierung zu der bisherigen Regel, mehr Qualität schadet nicht. Eigenkapitalquote wird mit der Einführung der Regel kein Fremdwort mehr sein und alle Halten sich auch an diese Regel. Dass ist gut so. 7 Jahre ist eine gute Zeit, vielleicht kommen auch noch einige Ergänzungen zu den Bedingungen hinzu.

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