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27.08.2014

07:29 Uhr

Versicherer AIG

Der undankbarste Aktionär der Welt

Die US-Regierung bewahrte AIG in der Finanzkrise mit 182 Milliarden Dollar vor dem Zusammenbruch. Nun klagt ausgerechnet der ehemalige Chef des Versicherers gegen den Staat.

Maurice „Hank“ Greenberg: Der ehemalige Chef des Versicherungsunternehmens AIG klagt mit Hilfe seiner Holdinggesellschaft Starr International gegen den amerikanischen Staat. Reuters

Maurice „Hank“ Greenberg: Der ehemalige Chef des Versicherungsunternehmens AIG klagt mit Hilfe seiner Holdinggesellschaft Starr International gegen den amerikanischen Staat.

New YorkUm die Rettung des US-Versicherungsunternehmens AIG kommt es zum Prozess. Die US-Regierung scheiterte mit ihrem Versuch eine 25 Milliarden Dollar schwere Klage des früheren Konzernchefs Maurice „Hank“ Greenberg abweisen zu lassen.

Richter Thomas Wheeler von einem Bundesgericht, das sich mit Forderungen gegen die US-Regierung befasst, kam zu dem Schluss, dass wegen der Komplexität des Falls ein Prozess angebracht ist. Das Verfahren wird am 29. September beginnen und wahrscheinlich sechs Wochen dauern.

Die US-Regierung bewahrte AIG 2008 mit 182 Milliarden Dollar vor dem Zusammenbruch. Dagegen klagt Greenberg mit Hilfe seiner Holdinggesellschaft Starr International, die vor der Rettungsaktion zwölf Prozent an AIG besaß und damit größter Anteilseigner des Unternehmens war. Greenberg selbst war zum Zeitpunkt der Rettung nicht mehr Konzernchef, besaß aber noch viele Papiere des Versicherers.

Die Regierung übernahm 80 Prozent an AIG und vollzog eine Zusammenlegung von Aktien. Dadurch wurden Anteile verwässert.

Das Milliardengrab AIG

2007:

Vor der Krise war AIG Ende 2007 mit einer Marktkapitalisierung von rund 125 Milliarden Dollar der größte Versicherer der Welt. Zum Vergleich: Die Allianz-Gruppe hatte zur gleichen Zeit einen Marktwert von 85 Milliarden Dollar, die Axa-Gruppe von 70 Milliarden Dollar. Mit über 100.000 Mitarbeitern und Vermögenswerten im Wert von mehr als 1 Billion US-Dollar schien AIG nahezu unantastbar.    

2008:

Für das 4. Quartal 2007 muss AIG als Folge der Subprime-Krise rund 11 Milliarden  Dollar auf das Kreditversicherungsportfolio abschreiben. Der Versicherer fährt einen Quartalsverlust von 5,3 Milliarden Dollar ein.

14. September 2008:

AIG bittet die US-amerikanische Notenbank Fed um einen Überbrückungskredit von rund 40 Milliarden Dollar, um die sonst drohende Abstufung des AIG-Ratings zu verhindern.

16. September 2008:

Die Fed gewährt dem Konzern einen Kredit von 85 Milliarden US-Dollar. Im Gegenzug übernimmt der Staat fast 80 Prozent der AIG-Anteile.

9. Oktober 2008:

AIG bekommt weitere Rettungsgelder vom US-Staat im Wert von 37,8 Milliarden Dollar. Als Sicherheit erhält die Fed festverzinsliche Anleihen im gleichen Wert.

Dezember 2008:

Der Verkauf profitabler AIG-Teile geht voran. Am 22. Dezember 2008 kauft beispielsweise die Münchener Rück den Spezialversicherer HSB Group, einen der Marktführer bei Versicherungen gegen den Ausfall von Maschinen oder technischen Anlagen.

März 2009:

Der Versicherer meldet mit minus 61,7 Milliarden Dollar den größten Quartalsverlust eines amerikanischen Unternehmens aller Zeiten. Wieder muss der Staat ran: Diesmal gibt es bis zu 30 Milliarden Dollar, dafür bekommt der Staat Anteile an lukrativen Unternehmenssparten von AIG. Im Gesamtjahr habe sich das Minus sogar auf 99,3 Milliarden Dollar belaufen.

Juli 2009:

Der Spiegel bezeichnet AIG als „Die gefährlichste Firma der Welt“ und veröffentlichte eine Titelgeschichte darüber, „Wie der amerikanische Versicherungskonzern AIG die Banken ins Risiko und die Finanzwelt fast in den Kollaps trieb“. 

März 2011:

Die amerikanischen Steuerzahler mussten mit 182 Milliarden Dollar einspringen - die teuerste Rettungsaktion in der Finanzkrise. Im November hatte das Finanzministerium das ausstehende Investment des Staates auf 120,6 Milliarden Dollar beziffert. Neben dem Ministerium hatte auch die US-Notenbank dem Versicherungskonzern unter die Arme gegriffen.

Nach Darstellung Greenbergs entgingen AIG-Aktionären damals Dutzende Milliarden Dollar. Der Anwalt von Starr und Greenberg sagte, die Entscheidung spreche für sich. Eine Sprecherin des US-Justizministeriums wollte sich nicht dazu äußern.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Herr Tobias Wahrsager

27.08.2014, 11:04 Uhr

Hat irgendjemand von geldorientierten -um das Wort gierig
zu vermeiden- neoliberalen Kreisen etwas anders erwartet? Hätte die US-Regierung damals nicht eingegriffen, wäre der Wert von AIG auf null gesunken. Da sind die 80 Prozent Aktienübernahme durch den Staat und damit verbundene sogenannte Verwässerungstendenzen beim Aktienwert noch milde dagegen. Aber das interessiert Neoliberale mit FDP-Touch nicht. Da heißt es seit eh und je: Erfolge privat einstreichen und
Mißerfolge möglichst auf die Allgemeinheit abwälzen. FDP-Chef und KFW-Kreditversenker Lindner läßt freudig grüßen.

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