Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.07.2015

16:11 Uhr

Versicherer in Not

Bafin verteidigt Schutzsfonds für Lebensversicherer

Wenn Versicherer in finanzielle Schieflage geraten, hilft ihnen ein Sicherungsfonds - so wurde schon die Mannheimer Leben gerettet. Die Bafin betont, dass dieser Schutz ausreiche und wehrt sich gegen Kritik aus Europa.

Die Bundesfinanzaufsicht nimmt das deutsche Sicherheitsnetz für Erstversicherer in Schutz. dpa

Bafin

Die Bundesfinanzaufsicht nimmt das deutsche Sicherheitsnetz für Erstversicherer in Schutz.

FrankfurtDie Finanzaufsicht BaFin nimmt das deutsche Sicherheitsnetz für in Schieflage geratene Versicherer in Schutz. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) wies am Donnerstag den Vorwurf des Europäischen Systemrisikorats (ESRB) zurück, dass nationale Lösungen wie die Auffanggesellschaft Protektor künftig nicht ausreichten. „Die Sicherungseinrichtung Protektor ist so konstruiert worden, dass sie auch in der Lage ist, den Ausfall eines größeren Versicherungsunternehmens zu verkraften”, betonte die BaFin. „Klar ist aber auch, dass keine Sicherungseinrichtung unbegrenzt belastbar ist”, schränkte sie ein.

Die Protektor AG wird von der Lebensversicherungsbranche finanziert. Sie musste bisher nur die Mannheimer Leben retten, die durch ihre riskante Expansion in Schieflage geraten war. Ein Sicherungsfonds für die Branche ist seit 2004 gesetzlich vorgeschrieben.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

In dem Reuters vorliegenden vertraulichen Papier des ESRB heißt es, nationale Sicherungssysteme seien „ungeeignet, mit der möglichen Pleite großer Lebensversicherer oder der gleichzeitigen Pleite mehrerer mittelgroßer Lebensversicherer fertig zu werden.” Daher spricht sich das Gremium für einen EU-weiten Auffangmechanismus aus. Der bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte ESRB soll als Frühwarnsystem für Probleme im Finanzsektor dienen. Ihm gehören Experten der EZB und von Aufsichtsbehörden an. Die „Süddeutsche Zeitung” und das Online-Portal „versicherungsmonitor.de” hatten zuerst über die Inhalte des Papiers berichtet. Der ESRB wollte sich dazu nicht äußern.

Krise der Assekuranz: Die Lebensversicherer und der große Geldschwund

Krise der Assekuranz

Premium Die Lebensversicherer und der große Geldschwund

Immer mehr Anbieter verabschieden sich von der klassischen Lebensversicherung. Die historisch niedrigen Zinsen machen den Unternehmen zu schaffen, die Kapitaldecke schrumpft. Die EZB warnt bereits vor einer Schieflage.

Auch die ESRB-Kritik am neuen Kapital-Regelwerk „Solvency II” lässt die BaFin nicht gelten. Die dort vorgeschriebenen langfristigen Zinsannahmen seien „aus Sicht der BaFin derzeit nicht zu hoch”, hieß es in der Stellungnahme. Die Annahmen und die dahinter stehende Methodik würden aber ständig überprüft. Die BaFin sei daran beteiligt, die Entscheidung darüber treffe aber die EU-Kommission. Der ESRB bezweifelt, dass die Versicherer von einer langfristigen risikofreien Rendite von 4,2 Prozent ausgehen könnten. Damit unterschätzten sie zum Teil die Höhe der Verpflichtungen gegenüber den Versicherten, warnen die Experten. Je geringer die Rendite, desto mehr Eigenkapital müssten die Versicherer zurücklegen.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×