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22.12.2011

13:07 Uhr

Versicherungskonzerne

Allianz mottet Prozessfinanzierung ein

VonAxel Höpner

Der Konzern hat das Aus für seine Absicherung juristischer Verfahren verkündet. Nun will Wettbewerber Ergo in diese Lücke stoßen. Das Geschäft mit den Gerichtsverfahren ist schwierig aber lukrativ.

Die Allianz ist eine der größten Versicherungsgruppen Europas. AFP

Die Allianz ist eine der größten Versicherungsgruppen Europas.

MünchenKeine neuen Fälle – die Allianz verabschiedet sich ganz aus der Prozessfinanzierung und lässt das Geschäft auslaufen. Der große Konkurrent Ergo kündigt nun an, die Gunst der Stunde zu nutzen: „Wir wollen die frei werdenden Marktanteile gewinnen“, sagte Thomas Kohlmeier, Vorstand bei der Ergo-Tochter Legial, dem Handelsblatt. Dabei hat sich das Unternehmen, das früher D.A.S. Prozessfinanzierung hieß, ehrgeizige Ziele gesetzt: Das Geschäftsvolumen solle in den kommenden drei Jahren verdreifacht werden, kündigte Kohlmeier an. Dem Weg der Allianz werde man nicht folgen: „Wir wollen das Geschäft unbedingt weiterbetreiben.“

Das Geschäft der Prozessfinanzierer ist in Deutschland vergleichsweise neu – aber einfach: Die Anbieter übernehmen bei Zivilklagen für den Klagenden nach Prüfung der Siegchancen die Prozesskosten. Im Gegenzug sichern sie sich eine Prozessbeteiligung von üblicherweise etwa 30 Prozent für den Fall, dass der Prozess gewonnen wird. Pionier in Deutschland war Foris. Auch die Versicherer warfen rasch ein Auge auf die Nische, da die Stammmärkte in Deutschland vielfach gesättigt sind und sich Prozessfinanzierung zum Teil mit der klassischen Rechtsschutzversicherung überschneidet.

Die zehn größten Versicherer Europas

Allianz

Die Allianz verfügt in Deutschland über die bekannteste Marke im Versicherungssektor. 2010 hat die Gruppe weltweit 5,2 Milliarden Euro verdient und Einnahmen von mehr als 100 Milliarden Euro erzielt. Neben dem Versicherungsgeschäft ist das Management großer Vermögen das zweite Standbein des Konzerns geworden. Mit Pimco besitzt die Allianz den am stärksten beachteten Anleihenmanager.

Axa

Der größte französische Versicherer konkurriert mit der Allianz um die Marktführerschaft in Europa. Im Jahr 2010 beliefen sich die Einnahmen auf 91 Milliarden Euro. Der Gewinn sank um ein Viertel auf 2,75 Milliarden Euro, weil Sanierungsarbeiten nach der Finanzkrise das Ergebnis belasteten.

Generali

Der Marktführer in Italien ist traditionell stark im Geschäft mit Altersvorsorgeprodukten. 2010 flossen rund 73 Milliarden Euro in die Kassen, 1,7 Milliarden Euro verblieben als Gewinn.

Aviva

Die britische Gruppe konzentriert sich in Europa neben dem Heimatmarkt auf weitere sieben Märkte: Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Irland, die Türkei und Russland. Die Einnahmen beliefen sich 2010 auf mehr als 50 Milliarden Euro. Rund zwei Milliarden Euro verdiente der Konzern.

Zurich Financial

Längst ist der Versicherer über die Schweiz hinaus gewachsen. International ist die in Dollar bilanzierende Gruppe ein direkter Konkurrent von Allianz und Axa. 2010 flossen umgerechnet 49 Milliarden Euro in das Unternehmen, über zwei Milliarden Euro betrug der Gewinn unter dem Strich.

Munich Re

Der weltgrößte Rückversicherer hat zwei Standbeine: Das Geschäft mit anderen Versicherern sowie das Privatkundengeschäft, das vor allem über die Tochter Ergo läuft. Mehr als 45 Milliarden Euro an Prämien flossen 2010 in die Kasse, dabei verblieb ein Gewinn von rund 2,4 Milliarden Euro.

CNP

Der Versicherer ist in Frankreich führend im Verkauf von Lebensversicherungen. 33 Milliarden Euro an Prämien fließen im Jahr hinein, eine Milliarde Euro Gewinn zieht der Konzern daraus.

Credit Agricole

Die französische Bank ist auch im Versicherungsgeschäft stark. Die Einnahmen der Sparte belaufe sich im Jahr auf rund 29 Milliarden Euro.

ING

Die Versicherungssparte des Finanzkonzerns soll abgespalten und an der Börse verkauft werden. Im vergangenen Jahr trug der Bereich rund 28 Milliarden zu den Einnahmen bei. Wegen Altlasten im Zusammenhang mit der Finanzkrise ist der Bereich nicht sehr profitabel.

Prudential

Der britische Konzern ist vor allem in Asien stark präsent. 2010 beliefen sich die Prämieneinnahmen auf umgerechnet 27 Milliarden Euro. Mehr als 1,6 Milliarden Euro Gewinn wies die Gruppe aus.

Daher bauten sich die Allianz Prozessfinanzierung und Legial ein Netzwerk von Anwälten auf, mit denen sie zusammenarbeiten. „Gerade bei ‚David-gegen-Goliath’-Konstellationen kann ein Prozessfinanzierer ein ausgleichendes Element sein oder ein Verfahren erst ermöglichen“, sagt Rechtsanwalt Oliver Bolthausen, Partner bei BridgehouseLaw. Wenn also ein Kläger mit wenig Kapital – aber guten Siegchancen – gegen einen solventen Beklagten antritt, kann sich die Prozessfinanzierung für die Beteiligten lohnen.

Infrage kommen dabei längst nicht alle Klagen. „Es ist eine schmale, aber tiefe Nische“, sagt Kohlmeier. Die Chancen müssen ebenso einschätzbar sein wie die Verfahrensdauer. So kommt die Prozessfinanzierung zum Beispiel oft bei Urheberrechtsverletzungen, Streit um Architektenhonorare und Forderungsklagen von Insolvenzverwaltern zum Einsatz.

Legial gehörte nach Foris zu den ersten Anbietern. „Auch wir haben am Anfang Lehrgeld bezahlt“, sagte Kohlmeier. Man sei aber sehr vorsichtig eingestiegen und habe „seit Beginn des Geschäfts immer mehr Einnahmen aus den finanzierten Fällen als Verluste“ gehabt.

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