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19.06.2014

14:44 Uhr

Versicherungsunternehmen

Bafin erklärt Lebensversicherung zum Auslaufmodell

Finanzstabilität in Gefahr? Die BaFin rügt deutsche Versicherungen wegen ihrer Krisenanfälligkeit und warnt vor „japanischen Verhältnissen". Krisenmanagement und Sanierungspläne seien nötig, sagt Bafin-Chef Hufeld.

Die Zentrale der BaFin in Bonn: Die Aufsichtsbehörde warnt vor Risiken für „systemrelevante" Versicherer. dapd

Die Zentrale der BaFin in Bonn: Die Aufsichtsbehörde warnt vor Risiken für „systemrelevante" Versicherer.

BonnDie traditionelle Lebensversicherung mit lebenslangen Garantien wird unter dem Druck der niedrigen Zinsen nach Ansicht der Finanzaufsicht BaFin bald zum Auslaufmodell. „Wir weisen stetig auf die Notwendigkeit eines breiteren Produktportfolios hin und ermutigen die Versicherer zu Innovationen", sagte der oberste Branchenaufseher der Bonner Behörde, Felix Hufeld, der Nachrichtenagentur Reuters in einem Interview. Bisher haben nur einige große Versicherer wie Allianz und Ergo Produkte auf den Markt gebracht, die auf die langfristigen Garantien verzichten und dafür etwas mehr Rendite bieten. Hufeld erwartet bald Nachahmer, wenn die neuen Produkte Anklang finden. „Die ersten Monate scheinen ganz ermutigend. Viele Unternehmen warten das noch ab - aber das wird eher Monate als Jahre dauern."

Den mehr als 90 deutschen Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die versprochene Verzinsung auf Dauer zu zahlen, weil sie das Geld ihrer Kunden sicher nur noch zu niedrigen Zinsen neu anlegen können. „Die niedrigen Zinsen sind ein nationales Systemrisiko für die Versicherungsbranche", sagte Hufeld. Wenn diese Phase länger anhalte, sei die Finanzstabilität in Gefahr.

Wie gefährdet sind Lebensversicherungen? Die Antworten der Regierung

Lage

Die Kapitalmärkte beeinflussen entscheidend, ob Lebensversicherer auf mittlere die Risiken tragen können, urteilen Experten aus Politik und Finanzministerium in einer gemeinsamen Sitzung.

Quelle: Protokoll vom 26. Oktober 2012

Risiko (1)

eine lang Phase mit niedrigen Zinsen, das wären sogenannte japanische Verhältnisse.

Problem

Die Kapitalanlagen der Branchen sind vorwiegend Zinstitel und laufen in der Regel nicht so lang wie die abgeschlossenen Verträge. Damit sinkt die Rendite der Kapitalanlagen schneller als die durchschnittlichen Zinsverpflichtungen gegenüber den Kunden. Gelder aus auslaufenden Schuldverschreibungen können nur zu einem geringeren Zinssatz wieder angelegt werden.

Garantiezins

Der Garantiezins in der deutschen Lebensversicherung ist deutlich gesunken:

1994: 3,5 %

1995-6 bis 2000: 4 %

7/2000 bis 2003: 3,25 %

2004-2006: 2,75 %

2007-2011: 2,25 %

Ab 2012: 1,75 %

 

Prognose

Eine anhaltende Niedrigzinsphase alleine bringt bis 2018 keinen deutschen Lebensversicherer in Schwierigkeiten. Die Unternehmen könnten bis zum Jahr 2025 eine Nettoverzinsung oberhalb des mittleren Rechnungszinses erzielen. Allerdings müssten sie bis zum Jahr 2020 zusätzliche Mehraufwendungen von insgesamt 61 Milliarden Euro für den Aufbau der Zinszusatzreserve leisten.

Gefahr

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten geraten können.

Risiko (2)

Die Inflationsraten gehen hoch und damit auch die Zinsen. Experten sprechen vom Inflationsszenario.

Problem

In solch einem Umfeld können die Lebensversicherer ihre Überschussbeteiligung nicht schnell erhöhen. Daher könnte es für Kunden attraktiver sein, ihre Lebensversicherung zu kündigen, also zu stornieren. Wenn viele das tun, entsteht ein „Run“.  

Teufelskreis

Da bei hohen Storno-Raten Kapitalanlagen veräußert werden müssen, um die garantierten Rückkaufswerte zu bezahlen, müssen manche Versicherer stille Lasten realisieren. Im Extremfall fehlen dann auch Mittel, um die Verpflichtungen aus den im Bestand verbleibenden Versicherungsverträgen zu erfüllen.

Kurzfristig steuert die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gegen, indem sie die Versicherer dazu zwingt, mehr Geld für die Erfüllung künftiger Verpflichtungen zurückzulegen: 13,3 Milliarden Euro in den letzten drei Jahren. „Und das wird weitergehen. Die Branche weiß, dass die Zinszusatzreserve auch ihr nutzt", sagte Hufeld. „Langfristig löst dies die Probleme jedoch nicht. Wenn wir japanische Verhältnisse bekommen, dann hilft auch das irgendwann nicht mehr."

„Eins ist klar: Wir sind nicht das Gewerbeförderungsamt, sondern die Versicherungsaufsicht", sagte Hufeld, der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir sind für das Risikomanagement und die finanzielle Stabilität zuständig und nicht dafür, wechselnde politische Ziele zu unterstützen. Aber schon heute ist bei Investitionen etwa in Infrastruktur viel mehr möglich als die Unternehmen machen."

Die Bundesregierung hatte kürzlich ein Reformpaket auf den Weg gebracht, das die Ausschüttungen von stillen Reserven aus festverzinslichen Wertpapieren an die Kunden begrenzt. Hufeld verteidigte das Paket gegen die Kritik von Verbraucherschützern und Politikern: „Das Paket ist zwingend geboten. Überhöhte Ausschüttungen müssen gestoppt werden", betonte er.

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„Wir reden hier nicht von einem Rettungspaket, wie man es für einige Banken geschnürt hat", sagte Hufeld. Das Gesetz dient gleichzeitig der Stabilisierung der Lebensversicherer und der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Versichertenkollektivs. Denn die Bilanzen der Lebensversicherer bestünden zu mehr als drei Viertel aus den Rückstellungen für künftige Auszahlungen. „Die Interessen der Versicherer und der Versicherten kann man darum nicht trennen. Sie gegeneinander auszuspielen ist logischer Unfug."

Hufeld hatte im Herbst Alarm geschlagen, dass einige der deutschen Lebensversicherer an den von 2016 an geltenden neuen Eigenkapitalregeln ("Solvency II") für die Branche scheitern könnten. Die BaFin überprüft im August und September deshalb, wie die Versicherer mit Solvency II zurechtkämen. „Aber selbst wenn wir bei einem Unternehmen Lücken feststellen sollten bei der Bedeckung des Solvenzkapitals, heißt das noch lange nicht, dass das Unternehmen pleite ist", sagte Hufeld. Dann würde die Finanzaufsicht zusammen mit dem Versicherer Gegenmaßnahmen erarbeiten. „Niemand muss Sorge um seine Verträge haben", beruhigt Hufeld die Kunden. „Die Widerstandsfähigkeit der Branche ist hoch."

Kommentare (2)

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20.06.2014, 07:52 Uhr

´" „Wir weisen stetig auf die Notwendigkeit eines breiteren Produktportfolios hin und ermutigen die Versicherer zu Innovationen", sagte der oberste Branchenaufseher der Bonner Behörde, Felix Hufeld "

Ich lach' mich tot! Die Bafin redet von einem breiteren Produktportfolio? Kennt der die Rundschreiben aus seinem eigenen Haus und die Quoten nicht, die Versicherer nicht ohne Bafin-Genehmigung überschreiten DÜRFEN? Und Genehmigungen werden regelmäßig verweigert.

Account gelöscht!

23.06.2014, 12:48 Uhr

Ich gehe davon aus, dass Sie mit Ihrer Vermutung ins Schwarze getroffen haben. Es wäre zu überprüfen.

Andererseits könnte es sich aber auch um einen Korruptionsfall handeln. Aufgrund der Intitative von Frau König hat eine massive Enteignung der Lebensversicherten statt gefunden. Den Versicherten wurde Eigentum aberkannt, was Ihnen zuvor vom Bundesverfassungsgericht ausdrücklich zugesprochen wurde - die Bewertungsreserven.

Ungeachtet dessen muß die Frage aufgeworfen werden, ob die BaFin mit dem Begriff: Bewertung überhaupt etwas anfangen kann.

Versicherer investieren bekanntlich in den Immobilien-, Aktien- und Rentenmarkt. Den Marktberichten zufolge notieren alle Märkte auf Topniveau. Wo sollen also für schlechten Zahlen für eine Bewertung der Ansprüche der Lebensversicherten her kommen?

Ich vermute den größten Betrug aller Zeiten mit Unterstützung unserer Behörden. Journalisten sollten meine " irrige" Annahme einmal kritisch überprüfen!

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