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08.09.2016

10:00 Uhr

Vor der EZB-Sitzung

Versicherer attackieren Mario Draghi

VonCarsten Herz

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft wettert gegen die EZB. Es gebe „erhebliche Verzerrungen an den Finanzmärkten.“ Der Zeitpunkt dürfte kein Zufall sein: Die Notenbank hat heute Ratssitzung.

GDV-Präsident Alexander Erdland ist auch Chef des Versicherers Wüstenrot & Württembergische. dpa

Wüstenrot & Württembergische

GDV-Präsident Alexander Erdland ist auch Chef des Versicherers Wüstenrot & Württembergische.

BerlinEs ist eine Mahnung, deren Zeitpunkt sorgsam gewählt ist. Unmittelbar vor der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank am Donnerstag hat sich die Versicherungsbranche in ungewöhnlich scharfen Worten gegen die Zinspolitik der Notenbank gewandt.

„Wir warnen die EZB eindringlich davor, das Anleihekaufprogramm noch weiter in die Höhe zu treiben“, warnte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Alexander Erdland, in Berlin. Die Zinspolitik der EZB bereite der Versicherungslobby „Kopfzerbrechen“. „Wir sehen erhebliche Verzerrungen an den Finanzmärkten.“ Die Preise vieler Vermögenswerte entfernten sich mehr und mehr von der Realwirtschaft.

EZB gehen die Möglichkeiten aus: Draghi unter Druck

EZB gehen die Möglichkeiten aus

Draghi unter Druck

Vor der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank spekulieren die Märkte über eine Lockerung der Geldpolitik. Doch EZB-Chef Mario Draghi hat fast alle Mittel ausgeschöpft. Ihm bleiben nur wenige Optionen.

Es ist ein Aufschrei, mit dem Erdland nicht allein steht. Bereits vor einigen Monaten hatte auch Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard erklärt, die Politik habe in den weltweiten Krisen „versagt“ und auch die Geldpolitik der EZB mit ihrem Präsidenten Mario Draghi sei nach der Senkung der Leitzinsen auf Null am Ende.

Der Widerstand in der sonst vergleichsweise stillen Assekuranz-Branche gegen die Niedrigzins-Politik der Notenbank gewinnt damit an neuer Schärfe. Es sei höchste Zeit, „dass die EZB den Ausstieg aus ihrer Geldpolitik vorbereitet“, mahnte Erdland nun in Berlin und berief sich dabei auch auf Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. „Ich darf hier an den Bundesfinanzminister erinnern, der zur Eröffnung der Haushaltsdebatte, eine besorgniserregend hohe Liquidität durch die Geldpolitik der großen Zentralbanken beklagt habe.“

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Die Verbalattacke der Branche kommt nicht von ungefähr. Wie kaum eine andere Branche leiden die Versicherer unter der Niedrigzins-Politik, die die Renditeversprechen vieler Lebensversicherungen aus früheren Jahren vor ungewöhnliche Hürden stellt. Denn mit konservativen Anlageformen wie Staatspapieren und Anleihen lassen sich kaum mehr größere Zinsgewinne erzielen.

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